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Die Rückkehr des „Predigers“

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(c) EPA (Kevork Djansezian / POOL)
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Bei der Trauerfeier für die Opfer des Attentats in Arizona traf Präsident Obama exakt die richtige Tonlage – ganz im Gegensatz zu seiner Widersacherin Sarah Palin.

Washington. Gerade, dass nicht der Ruf nach einer Zugabe ertönte. In der Basketball-Arena der University of Arizona lagen sich nach Abschluss der Trauerzeremonie für die Opfer des Amoklaufs in Tucson, in guter amerikanischer Tradition zugleich auch eine Feier des Lebens, die Menschen in den Armen. Manche rissen euphorisch die Hände in die Höhe, und vielen kullerten die Tränen übers Gesicht – darunter der First Lady, die gerührt war von einer hoch emotionalen Rede ihres Mannes.

Vor 14.000 Zuschauern in der Halle und noch einmal so vielen im angrenzenden Football-Stadion zog Barack Obama die Register seiner Rhetorik. Da war er wieder – der Prediger, der Versöhner, der Seelentröster, der „Heiler“ aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2008, dem die Herzen der Amerikaner zugeflogen waren und der so eloquent geschworen hatte, den gehässigen Parteienhader einer polarisierten Nation zu überwinden. Geschürt von der radikalen Tea-Party-Bewegung und den lärmenden Polit-Talk-Shows steht das Land heute gespaltener da als bei seinem Amtsantritt.

Der Präsident habe sein „Mojo“ verloren, hatten Kommentatoren schon geunkt. In Tucson hat Obama seine Magie wiedergefunden. Beflügelt von seinen politischen Erfolgen zu Jahresende und von einer aufkeimenden Konjunktur sind seine Umfragewerte erstmals seit zehn Monaten wieder über die 50-Prozent-Marke gesprungen. Der Präsident befindet sich im Aufwärtstrend.

Zuweilen angefeuert durch spontanen Jubel und unterbrochen von stehenden Ovationen traf Obama den Ton einer durch Wirtschaftskrise und politische Gewalt verunsicherten Nation, die sich nach nichts mehr sehnt als nach Zusammenhalt und positiven Signalen. Dramaturgisch geschickt wob er denn auch eine Frohbotschaft ein, die er in der Manier eines Gospelpredigers ein ums andere Mal wiederholte. „Gabby hat zum ersten Mal die Augen geöffnet“, verkündete er einem staunenden Auditorium – und musste selbst ein wenig schlucken.

 

„Ein Wunder“

Kurz nach der Visite Obamas in der Intensivstation hat Gabrielle Giffords, das Attentatsopfer, im Beisein mehrerer Abgeordneter ihr rechtes Auge aufgeschlagen. „Ein Wunder“, erklärte ihre Freundin, die Parlamentarierin Debbie Wasserman-Schultz aus Florida. In der Arena der University of Arizona sprangen alle von ihren Sitzen auf, und in der ersten Reihen drückte Michelle Obama den Ehemann von Giffords an die Brust.

Obama würdigte die sechs Todesopfer, er pries den Heldenmut von Daniel Hernandez, des 20-jährigen Praktikanten, der Giffords mit seinem Einsatz womöglich das Leben gerettet hat. Er appellierte, die Gräben zu überwinden, und beschwor in einem Tribut den Geist der neunjährigen Christina Taylor Green, des jüngsten Todesopfers, der gänzlich frei gewesen sei von Zynismus und Hass: „Ich möchte, dass wir ihren Erwartungen gerecht werden.“ Da sprach nicht nur der Präsident, sondern auch der Vater eines gleichaltrigen Mädchens.

Umgeben von präsidentieller Aura hatte sich Stunden zuvor auch Sarah Palin per Videobotschaft zu Wort gemeldet. Der Kontrast zu Obama hätte nicht größer sein können. Sichtlich geschockt von den Attacken ihrer Kritiker und eingeschüchtert durch Todesdrohungen rechtfertigte sie sich, um zur Attacke gegen Meinungsmacher und ihre „Blutanklage“ überzugehen. Im Englischen bezeichnet das Wort „blood libel“ Ritualmord – jenen Terminus, der christlichen Antisemitismus impliziert. Wohl ungewollt entfachte Palin damit eine semantische Debatte – und eine neue Kontroverse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2011)