Morgenglosse

Den Berlinern ist nicht alles egal

(c) APA/AFP/ODD ANDERSEN (ODD ANDERSEN)
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Die größte Stadt im deutschsprachigen Raum hat die Sozialdemokraten abgewählt.

Es ist ein paar Jahre her, da hatten die Berliner Verkehrsbetriebe eine Werbung. Zu einer orientalischen Melodie sang der Sänger Kazim Akboga, was ihm alles egal sei. Das ging so: „Mann mit Bauch – Is‘ mir egal. Musik laut – Is‘ mir egal. Hund Mit Hai – Is‘ mir egal“. Ein bisschen Dada, ein bisschen verrückt. Die Zeit-Journalistin Mariam Lau sagte vor kurzem in einem Podcast, das Lied drücke jene „liebenswürdige Gleichgültigkeit“ aus, die Berlin über viele Jahre in seine jetzige Lage gebracht habe.

Sie sprach zum Umstand, dass die deutsche Hauptstadt es nicht geschafft hatte, eine Landtagswahl zu organisieren – und sie wiederholen musste. Das ist nicht nur einmalig in der deutschen Geschichte, von den politisch Verantwortlichen trat keiner zurück. In Berlin – so das Klischee, in dem wie so oft etwas Wahrheit steckt – ist immer niemand zuständig. Da liegt der Müll auf der Straße, um einen Termin beim Amt zu bekommen, wartet man Monate. Da wurden Milliarden in einem Flughafen versenkt oder ein Mietpreisdeckel eingeführt, der nicht vor dem Verfassungsgericht hielt und um die Ecke alles schlimmer machte. Und am Ende wählten viele Berliner trotzdem immer wieder die SPD.

Nicht, dass die Sozialdemokraten an allem Schuld sind. Berlin ist ein schwer regierbares Ungetüm, in dem die mittelgroßen Städten gleichen Bezirke und der Stadtsenat sich gerne gegenseitig blockieren. Berlin-Bashing ist ebenso ein Genre wie die Verklärung zur Heiligen der Metropolen. Am Sonntag haben etliche Berliner aber gezeigt, dass es ihnen reicht. Sie haben die CDU nach fast einem Vierteljahrhundert wieder auf den ersten Platz gewählt. Die SPD wird wohl auf dem dritten landen. Die stärkste Kraft in der viele Jahre von links regierten deutschen Hauptstadt ist nun eine Autofahrerpartei, die sich für Eigentum stark macht, mehr Polizei will und Kriminalität mitunter mit der Herkunft von Menschen verbindet. Ob die Konservativen die Stadt besser regieren können, mit wem und wie sie Berlin verändern, ist offen.

Klar ist aber: Viele Berliner haben gezeigt, dass ihnen doch nicht alles egal ist. Sie wollen, dass sich in ihrer Stadt etwas ändert.

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