Es war einmal in Amerika: die Autokrise. Der Markt zieht wieder an, und das erleichtert einigen Herren den Gang auf die Bühne. Die gute Stimmung steht im scharfen Kontrast zu den Trauerzeremonien der letzten zwei Jahre.
Es ist noch nicht Zeit für ein High-five. Aber wir haben ordentliche Fortschritte gemacht.“ Das kann der US-Chef von General Motors getrost sagen. Sein Unternehmen ist gerade den Konkursrichtern von der Schaufel gesprungen. Präsident Obama hatte seinen Boss gefeuert und dem Konzern Milliardenkredite gewährt – es ging ums blanke Überleben. Marken wie Saab wurden verkauft, andere eingestellt – Ballast abgeworfen. Nun hilft auch der Markt mit: 2010 konnte GM mehr Autos verkaufen als im Jahr zuvor, das letzte Quartal weist gar in die Gewinnzone. Nach dem Kahlschlag gibt es sogar wieder neue Jobs. Beim boomenden Geschäft in China ist der Konzern mit seinen Joint Ventures gut dabei. GM is back, sozusagen. Nur kleiner.
Ab ins Klubhaus
Der Auftritt in Detroit ist angemessen. Die Großspurigkeit der vergangenen Jahre – dem allgemeinen Downsizing zum Opfer gefallen. Die Riege der GM-Fossile ist endgültig zu den Golfplätzen abkommandiert.
Bei GM feiert man ein Auto, das den Neustart glaubwürdig verkörpert. Der Chevrolet Volt ist nicht die Neuerfindung des Automobils, eher pragmatische Zwischenlösung. Doch es ist da, es funktioniert, und im nächsten Jahr werden 60.000 Stück davon gebaut. Das Auto wird elektrisch angetrieben, geht der Saft in den Batterien zur Neige, springt ein kleiner Benzinmotor an und legt frischen Strom nach, das reicht dann für 600 Kilometer.
Sonst kann man in der GM-Ecke der Auto Show nichts finden, was Autokäufer außerhalb der Staaten interessieren könnte, von der guten, alten Corvette einmal abgesehen. Die beliebten „light trucks“ mit schwerem Macho-Appeal, Marken wie Buick, deren Design und Anmutung nur ratlos macht – das ist Ami-Sache.
Interessanter schon der nächste Auftritt – ein historischer. Immerhin werden wir Zeuge einer der bizarrsten Fusionen der letzten Jahrzehnte: Fiat rettet Chrysler. Und sich selbst. Und Lancia. Aber der Reihe nach.
Blut und Tränen
Fiat hält 25Prozent (Ziel: 55) und hat das Sagen bei Chrysler. Damit betreten die Italiener wieder den US-Markt, der sich mit etwas Marketingschwung und einem hohen Ölpreis vielleicht wirklich für kleine Autos wie den 500 begeistern wird können.
Nach Europa bringt Fiat dafür Chrysler-Autos unter Lancia-Badge. Allen voran: der 300, Nachfolger des nach Gangster-Style gelungenen 300C. Auf der Bühne beschwört der neue Chrysler-Chef Olivier Francois mit einer Blut-und-Tränen-Ansprache (und starkem französischem Akzent) amerikanische Werte, ehrlich bemüht und hart an der Satire. Dem Design des 300 muss man wohl etwas Zeit lassen, mit der Anmutung des Innenraums wird man das Auto allerdings kaum teuer verkaufen können. Die ersten Motoren, ein Pentastar-V6 und ein Diesel der italienischen VM-Motori, werden das nur mit Mühe kompensieren können. Ansätze von Hightech sind zumindest in Aussicht: eine Achtgang-Automatik irgendwann später.
Der kleinere Chrysler 200 ist ein optisch witzloses und durch und durch billig anmutendes Auto, das Mühe haben wird, sich mit den Koreanern zu messen. Das gilt mittlerweile auch für die zwei anderen Chrysler-, pardon: Fiat-Marken, Dodge und Jeep.
Stark in der Heimat
Vermutlich haben wir die Genialität des Plans nur nicht durchschaut, aber wir möchten beim Lancia-Comeback in Europa nicht im Pullover von Fiat-CEO Sergio Marchionne stecken. Der kann fürs Erste trotzdem zufrieden sein, denn Chrysler legte beim Absatz auf dem Heimmarkt 2010 um 17 Prozent zu. Gute Nachrichten hatte Ford-Chef Alan Mulally zu verkünden: 7000 zusätzliche Jobs will der Konzern in diesem Jahr schaffen, und das abgelaufene Jahr zählt zu den profitabelsten in der 107-jährigen Unternehmensgeschichte. In den USA wurde der Absatz 2010 um ein Fünftel gesteigert. Auf der Basis des Ford Focus entsteht eine ganze Reihe von Formaten, darunter Elektro- und Hybridvarianten.
Die gute Stimmung auf der North American International Auto Show steht im scharfen Kontrast zu den Trauerzeremonien der letzten zwei Jahre. Und das liegt an den Zahlen, die der US-Automarkt wieder hergibt. Schon sehen Analysten einen US-Gesamtmarkt von über 17 Millionen Autos 2015, fast unvorstellbar nach dem Tiefstand von 10,4 Millionen im Jahr 2009. Recht bequem hat China die USA als größter Automarkt der Welt abgelöst. Doch der Zuwachs im letzten Jahr war zweistellig, und alle Hersteller rechnen damit, dass der Trend anhält. Ausgerechnet ein hoher Ölpreis, der einen Zug zu neuen, spritsparenden Modellen zur Folge hätte, könnte als Wachstumsmotor fungieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2011)