Studie

Menschen mit Behinderung werden in Medien verzerrt dargestellt

Die Presse/Clemens Fabry
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Zu selten, beim Leistungssport oder für Wohltätigkeitszwecke: So werden Menschen mit Behinderungen in den heimischen Medien mehrheitlich gezeigt.

Hierzulande wird über Menschen mit Behinderung vorwiegend berichtet, um Mitleid zu erregen, ihre sportliche Leistung zu ehren oder: um Spenden zu sammeln. „Das muss sich ändern. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, der keinen übergeordneten Zweck erfüllen muss, um integriert zu werden“, sagt Maria Pernegger. Die Geschäftsführerin von Media Affairs leitet zum zweiten Mal eine Jahresstudie, um zu analysieren, wie Menschen mit Behinderung in Massenmedien gezeigt werden. Die Erkenntnisse wurden am Dienstag im Parlament vorgestellt. 

Zwei Themen - Behindertenprofisport und Wohltätigkeit - seien mit weitem Abstand überrepräsentiert und machen 49 Prozent der Gesamtberichterstattung innerhalb eines Jahres aus. Das steht im Zentrum der Studie. Dahinter reihen sich Meldungen zu Bewusstseinsbildung, Barrierefreiheit und Medizin ein. „Es ist kritisch zu sehen, Betroffene primär zu zeigen, wenn sie eine gewisse Leistung erbracht haben“, betont Pernegger weiter. Es erhöhe den Druck und zeige, dass Inklusion hier noch Grenzen aufzubrechen hat. Schließlich leben gemäß Statistik Austria 18,4 Prozent der heimischen Bevölkerung mit einer Behinderung. Dazu zählen auch jene, die dauerhaft eingeschränkt sind, wenn es darum geht, zu lesen, hören oder zu lernen. 

Gemessen an der Zahl an Betroffenen sei das Berichtsaufkommen insgesamt niedrig, im Vergleich zur ersten Untersuchung 2015 ist sie jedoch um etwa ein Fünftel gestiegen. Auch die thematische Rahmung sei positiver geworden. So sei es im aktuellen Untersuchungszeitraum häufiger dazu gekommen, gesamtgesellschaftliche Perspektiven zu integrieren oder um Porträts von Menschen mit Behinderung zu veröffentlichen. „Inhaltlich hat sich die Lage verbessert, aber die Quantität stimmt noch nicht“, summiert Pernegger. 

Unsichtbare Behinderungen werden nicht gesehen

Neben dem Missstand, nicht über alltagsnahe Situationen zu berichten, ist eine weitere Herausforderung gegeben: Personen, die unter psychischen Erkrankungen oder anderen unsichtbaren Krankheiten - wie Blindheit oder Taubheit - leiden, werden noch seltener abgebildet. Der bereits kleine Anteil sei überrepräsentiert von Menschen in Rollstühlen, obwohl sie nur 0,5 Prozent jener Menschen ausmachen würden, die eine Behinderung haben. „Bei diesen Zahlen muss man aufpassen. Es handelt sich oft um Hochrechnung oder Schätzung, es fehlen offizielle Stellen, die sich dafür zuständig sehen und die Verantwortung übernehmen", warnt Markus Raffer, Co-Gründer von Tec-Innovation, gegenüber der „Presse“. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er Schuhe mit integrierter Elektronik und Sensoren, um blinden oder mobil eingeschränkten Personen den Alltag zu erleichtern. 

Insgesamt erhalten Themen der gesellschaftlichen Teilhabe und des selbstbestimmten Lebens mehr Raum, zeigt die Studie – dazu gehört
die umfassende Barrierefreiheit oder die persönliche Assistenz. Auch werden mehr Menschen mit Behinderung im Job gezeigt, um Vorurteile abzubauen. Es gebe aber Themen, die besonders stark unterrepräsentiert sind oder weitgehend fehlen, wie etwa inklusive Bildung, finanzielle Absicherung sowie die Arbeitsmarkt- oder Wohnsituation. Somit blieben in der öffentlichen Debatte - trotz positiver Entwicklungen - zentrale Alltagsbereiche ausgeblendet. Dies beanstandete auch schon das Rechercheportal andererseits anlässlich der Licht ins Dunkel Gala, wie die „Presse“ berichtete. 

Emotionen erwecken, anstatt die Realität zu zeigen

Aktuell werden in einem Viertel der Printbeiträge Menschen mit Behinderung als Held oder Heldin inszeniert, ein Fünftel als Opfer konnotiert. So spielen Emotionen, wie Bewunderung und Mitleid, in der medialen Darstellung immer noch eine gewichtige Rolle. Dabei fokussieren sie sich oft auf Einzelfälle, Einzelschicksale oder Helden-Geschichten, kritisiert die Studienleiterin bei der Präsentation.

Zudem zeichne sich ein Gender-Gap ab: Ein knappes Drittel der präsenten Menschen mit Behinderung sind Frauen. Dennoch stehe fest, dass es seit der letzten Studie 2015 mehr positive Settings und Vorbilder gibt, die auch viel Platz in den Medien erhalten, fasst Pernegger zusammen.

(red/est)


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