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Otto Bauer: Mit Pazifisten kann man nicht Krieg führen

Otto Bauer: Mit Pazifisten kann man nicht Krieg führen
Otto Bauer: Mit Pazifisten kann man nicht Krieg führenOtto Bauer (c) akg-images
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Die ultimative Biografie Ernst Hanischs über den linken Theoretiker der Zwischenkriegszeit. Das Debakel der Sozialdemokratie 1934 – der Aufstandsversuch brach zusammen, der Parteiführer floh ins Ausland.

Otto Bauer (1881 bis 1938) war unbestritten der Führer der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) in der Ersten Republik. Der „Austromarxismus“, also der „hart gehämmerte Sozialismus“ bedeutete für ihn ein „heiliges, ein letztgültiges Ziel“. So urteilt Ernst Hanisch in seiner neuen Bauer-Biografie. „Dass sich dieser Glaube im Laufe des 20. Jahrhunderts als Illusion herausstellte, war die Tragik seines Lebens“, schreibt der Historiker. So bleiben von Otto Bauer nur das theoretische Gedankengebäude und die Erinnerung an den wahrscheinlich größten Politiker-Intellektuellen Österreichs im Zwanzigsten Jahrhundert.

Es muss erstaunen, wie viele taktische Fehler einem derart klugen Mann unterlaufen konnten. Schon der Aufruhr 1927 (Brand des Justizpalastes) ließ Böses ahnen: Die Partei war gut in der Agitation, aber ganz schwach in der Durchsetzung ihrer Forderungen. In entscheidenden Stunden ließ die Führung die Massen, die sie zuvor mit Leitartikeln und Flugblättern aufgeputscht hatte, allein und führungslos.

Die nächste Bewährungsprobe, vor der Österreich stand, war die Abwehr der wachsenden nationalsozialistischen Bewegung in Österreich. Noch war Adolf Hitler – 1932 – nicht an die Macht in Deutschland gelangt, aber es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dementsprechend erwartungsfroh verhielten sich die Nazis in Österreich. Jetzt hätte es schleunigst zur Bildung einer großen Koalition der Christlichsozialen unter Kanzler Buresch mit der SDAP kommen müssen. Viel Zeit für eine geschlossene Abwehrfront blieb nicht mehr. Und was tat Bauer? Er betrieb den Sturz Bureschs.

Ernst Hanisch, der Biograf, beschreibt, was nun die logische Folge war: Für den kommenden starken Mann, Engelbert Dollfuß, blieb als Mehrheitsbeschafferin nur die Heimwehr, also der bewaffnete Arm der Christlichsozialen. Bauer hingegen verharrte vorderhand in seiner Verblendung, man könne die Nazis im Parlament mit guten Argumenten entlarven. Außerdem werde der braune Spuk bald zu Ende sein. Später gab er zu, falsch gehandelt zu haben. Norbert Leser meint dazu: „Er hat stets vom Kampf geredet, ihn aber immer aufgeschoben.“

„Gesinnungslump“

So setzte Bauer im Mai 1932 den nächsten falschen Schritt: Misstrauensantrag gegen den neuen Kanzler Dollfuß. Der nahm das persönlich, der beiderseitige Hass wuchs von Monat zu Monat. Beschimpfungen im Parlament („Gesinnungslump“), freimütig-unüberlegte Bekenntnisse, die auf die Goldwaage gelegt wurden: „Ich habe vor jedem, der ehrlich Bolschewik ist, Achtung“, rief Otto Bauer aus – was wieder die andere Seite freudig als entlarvend begrüßte.

Man kämpfte lieber gegeneinander statt vereint gegen den Feind von außen. So war Bauer sogar gegen Repressalien, die die Dollfuß-Regierung gegen die heimischen Nazis ergriff: Eine Unterstützung durch die Arbeiterpartei erschiene „als Stütze des bürgerlichen Systems“, das würde schwankende junge Arbeitslose eher den Nazis zutreiben, argumentierte Bauer.

Im März 1933 legte Karl Renner die Präsidentenfunktion im Nationalrat zurück, um eine SDAP-Stimme mehr bei einem Abstimmungspatt zu gewährleisten. Der fatale Rat kam von Otto Bauer. Die zwei Vizepräsidenten traten daraufhin ebenfalls zurück, die Sitzung endete im Wirrwarr, sie wurde aber offiziell nie geschlossen.

Als die Parlamentarier zehn Tage später den Versuch machten, die Sitzung wieder aufzunehmen, jagte Dollfuß die Versammlung mit der Polizei auseinander. In diesem Moment hätte die Partei den Generalstreik ausrufen müssen, meinen noch heute viele Zeitgenossen. Hanisch ist da skeptisch: „Das Gelingen des Generalstreiks war 1933 so unwahrscheinlich wie 1927 und 1934.“

Die Partei wirkte wie gelähmt. Dollfuß hingegen schritt sofort zur Tat, erklärte den Nationalrat für handlungsunfähig, Bauer hingegen gefiel sich in martialischen Reden. Am Grabe Engelbert Pernerstorfers gelobte er: „. . . dass wir hier im deutschen Österreich der deutschen Freiheit ein Asyl erhalten wollen – so lange, bis sie von hier aus das ganze Deutschland wieder erobert hat!“ Die Genossin Käthe Leichter hat schon damals Bauers „wertlose Phrase“ verspottet.

 

426 Kilogramm Gold in der Schweiz

Der GAU ereignete sich dann im Februar 1934. Die Führung der SDAP wusste, dass Dollfuß vor einer gewaltsamen Konfrontation nicht zurückschrecken würde, also kaufte der Schutzbund massenhaft Waffen in der Tschechoslowakei. Parteigelder wurden nach Zürich geschmuggelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg betrug dieses Parteivermögen immerhin noch 426 Kilogramm Gold.

So standen Anfang 1934 die beiden bewaffneten Parteiarmeen – Schutzbund auf SDAP-Seite, Heimwehr auf Regierungsseite– gerüstet da und warteten auf die Gelegenheit zum Zuschlagen. In Linz begann's. Richard Bernaschek, eine schillernde Figur und Schutzbundführer in Oberösterreich, ließ die Wiener Parteispitze wissen, man werde sich wehren, sollten Polizei, Heimwehr oder Bundesheer in den nächsten Tagen das Hauptquartier nach Waffen durchsuchen. „Wenn uns dann die Wiener Arbeiterschaft im Stiche lässt, Schmach und Schande über sie!“

Die „Wiener Arbeiterschaft“ war aber gar nicht bereit. Sie bekam keine Befehle von oben, der Generalstreik „passierte“ eigentlich, brach dementsprechend bald in sich zusammen und der Widerstand in den Gemeindebauten wurde von der Regierung innerhalb dreier Tage niedergeschossen (siehe nebenstehenden Artikel).

 

Das Ende im Exil

Schon am Abend des ersten Tages des Bürgerkriegs flüchtete Otto Bauer überhastet über die Grenze nach Pressburg (Bratislava). Von da an glich seine politische Tätigkeit einem Schattendasein. Von Brünn aus „leitete“ er dann noch vier Jahre lang die illegale Partei, doch seine Autorität zerfiel, Joseph Buttinger übernahm in Österreich die Reste der Zellen, die noch zusammenhielten.

1938 musste Bauer nochmals fliehen. Paris sollte die Endstation dieses unruhigen Lebens darstellen. Er musste noch ohnmächtig den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland miterleben, am 4. Juli versagte das Herz. Zwei junge Revolutionäre trugen am 6. Juli die Asche des Emigranten auf den Friedhof Père Lachaise. Erst nach Ende des Krieges wurde die Urne in einer pompösen Feier auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Auch wenn damals – 1948 – der Intellektuelle Otto Bauer in pathetischen Reden gewürdigt wurde – die engeren Freunde und Weggefährten wussten es besser: Mit Otto Bauer war das kühne Gedankenexperiment vom „neuen Menschen“, vom „Austromarxismus“, endgültig zu Ende. Nichts von seinen theoretischen Voraussagen hatte sich erfüllt. Zum Glück für Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15. Jänner 2011)