Skandal mit Sinn für Harmonie

Bekannt wurde sie mit ihren Prominentenporträts, ihre Nacktfotos sorgten für Empörung. 1938 wurde sie vertrieben: Trude Fleischmann – eine Lebensgeschichte in Wien und New York.

Ein kleines Tiroler Bergdorf, tief verschneite Hänge, zaghaft macht sich die erste Frühlingssonne bemerkbar. Wir schreiben Anfang März 1938. Ein paar Touristen sind zu dieser Jahreszeit im abgelegenen Bauerndorf mit ihren Skiern unterwegs. Unter ihnen zwei Wienerinnen, sie sind miteinander befreundet: Paula Wessely, die Schauspielerin, und Trude Fleischmann, die Fotografin. Ihre Wiener Bekanntschaft reicht schon Jahre zurück. Wessely ist immer wieder in Fleischmanns Atelier zu Gast. Es entstehen Porträts, auch Aktaufnahmen.

Die beiden genießen ihren Urlaub. Dennoch, ihre Kamera – eine Rolleiflex – hat Fleischmann stets dabei. Immer wieder fotografiert sie ihre Freundin. Tage später kehrt sie nach Wien zurück und schickt die Bilder an die Redaktion der Zeitschrift „Die Bühne“, für die sie in den vergangenen Jahren regelmäßig gearbeitet hat. Fleischmann braucht sich um den Absatz der Fotos keine Sorgen zu machen. Sie gilt als Starfotografin.

Eine gute Woche darauf: Paula Wessely erscheint in großer Aufmachung auf der Umschlagseite der „Bühne“. Eine unbeschwerte Szene, aufgenommen in einer friedlichen, entrückten Bergwelt. Scheinbar. Denn Tage zuvor, am 12. März 1938, sind nationalsozialistische Truppen in Wien einmarschiert. Als die Zeitschrift gedruckt und ausgeliefert wird, hat sich die politische Situation in Österreich bereits radikal geändert. Die Wege der beiden Freundinnen trennen sich. Fleischmann, die jüdischer Herkunft ist, darf nun nicht mehr veröffentlichen. „Wessely in Obergurgl“ ist ihr letztes in Österreich publiziertes Foto. Paula Wessely hat keinerlei Berührungsängste mit dem neuen Regime. Die Schauspielerin begrüßt den „Anschluss“ freudig. Ihre Karriere weist nach 1938 steil nach oben, in nationalsozialistischen Propagandafilmen feiert sie Erfolge. Fleischmann hingegen hat in Wien keine Zukunft mehr, sie beschließt zu gehen. „Irgendwie hatte ich ein gebrochenes Herz, meine Heimatstadt Wien verlassen zu müssen“, erinnert sich Trude Fleischmann 1986 in einem Interview an ihre Flucht. Als sie am 3.September 1938 abreist, hat sie Monate der Verfolgung und Schikanen hinter sich. Sie lässt ihren gesamten Besitz in Wien zurück: ihr gut ausgestattetes Atelier, ihre Kameras, ihre Bilder. Die Negative zerstört sie. Nur eine Handvoll Beispielbilder hat sie im Gepäck. Paris ist ihre erste Station, dann reist sie weiter nach London, wo sie den Winter über bei Freunden bleibt. Am 26.März 1939 besteigt sie in Southampton ein Schiff nach Übersee. Am 4.April 1939 landet sie in New York. Eine neue Stadt, ein neues Land. Ein privater und beruflicher Anfang stehen ihr bevor.

Als Trude Fleischmann zwei Jahrzehnte zuvor als selbstständige Fotografin beginnt, kann sie noch nicht wissen, dass sie bald die bekannteste Fotografin der Stadt sein wird. 25 Jahre ist Fleischmann alt, als sie Anfang 1920 in der Ebendorferstraße 3 – gleich neben dem Wiener Rathaus – ihr eigenes Atelier eröffnet. „Ja, fotografieren, selbst fotografieren und ein eigenes Atelier zu haben, das wäre wunderbar!“ Mit diesen Worten erinnert sie sich Jahrzehnte später an ihren Jugendtraum. Fleischmanns Karriere wäre vor dem Ersten Weltkrieg noch kaum denkbar gewesen. Die Atelierfotografie ist nach der Jahrhundertwende noch fest in männlicher Hand. Erst 1908 erhalten Frauen Zugang zu den Fotokursen der Wiener Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt, der wichtigsten österreichischen Ausbildungsstätte für Fotografie. Aber erst während des Krieges wird das Verhältnis der Geschlechter tiefgreifend erschüttert – auch in der Fotografie. Plötzlich ist die Mitarbeit von Frauen geduldet, ja gefragt. Nach 1918 machen sich zahlreiche junge Frauen – viele von ihnen sind jüdischer Herkunft – selbstständig und eröffnen eigene Ateliers. Fleischmann ist eine von ihnen.

Ihr Atelier ist in der Zwischenkriegszeit ein wichtiger Treffpunkt der Wiener Kulturszene. Sie fotografiert Karl Kraus und Peter Altenberg, Alban Berg, Adolf Loos und viele andere. Sie porträtiert die Theaterstars der Wiener Bühnen, Schauspielerinnen und Tänzerinnen, Dirigenten und Sänger, Politiker, Wissenschaftler, Intellektuelle. Ihr Porträtstil ist modern, zeitgemäß. Den radikalen Experimenten der Avantgarde hingegen, wie sie in diesen Jahren etwa in Berlin oder im Umfeld des Bauhauses praktiziert werden, verschließt sie sich. Ihr geht es darum, das Wesentliche, die Züge des Gesichts, die visuelle Präsenz der Porträtierten, herauszuarbeiten. Auf diese Weise entstehen aufmerksame Körperstudien und zugleich psychologische Momentaufnahmen. „Ihre Lichtbilder“, heißt es in einem Pressebericht 1929, „sind stark, fesselnd und bezeugen Unerschrockenheit, ohne jedoch den Sinn für Harmonie zu verleugnen.“

Fleischmann ist nicht nur eine souveräne Fotografin und eine geschickte Netzwerkerin. Sie ist auch ein Medienprofi. Schon früh beginnt sie, für die Presse zu arbeiten. Ab Beginn der 1920er-Jahre publiziert sie regelmäßig in allen wichtigen österreichischen Gesellschafts-, Mode- und Kulturzeitschriften. Bald erscheinen ihre Bilder auch im deutschsprachigen Ausland: vor allem in den Blättern des Berliner Ullstein-Konzerns, etwa im auflagenstarken Zeitungsflaggschiff „Berliner Illustrirte Zeitung“, aber auch in der „Dame“, im „Uhu“, in der „Koralle“ und im „Querschnitt“. Diese Publikationen sind es auch, die den hervorragenden Ruf der Fotografin begründen.

Anfang der 1920er-Jahre lernt Fleischmann eine Frau kennen, die ihre Karriere nachhaltig verändern sollte: Claire Bauroff, eine deutsche Tänzerin, die oft in Wien auftritt. Beide Frauen sind gleich alt (1895 geboren), beide stammen aus gutbürgerlichem Elternhaus und setzen unbeirrt ihre künstlerischen Neigungen gegenüber den starren Konventionen der Elterngeneration durch. Fleischmann ist von Bauroff fasziniert, die in den 1920er-Jahren mit ihren Nacktauftritten auf der Bühne und im Film für Schlagzeilen, aber auch für Protest und Empörung sorgt. Vor allem die konservative Presse geißelt die Dekadenz ihrer schamlosen „Kostümlosigkeit“. Fleischmann fotografiert die Tänzerin immer wieder. Bald tritt diese auch nackt vor ihre Kamera. 1925 entsteht eine Serie sinnlich-erotischer Frauenporträts der entblößten Tänzerin. Als diese wenige Monate später im Berliner Varieté Admiralspalast auftritt, werden diese Fotografien öffentlich affichiert, woraufhin die Zensur einschreitet. Die Aufnahmen werden von der Polizei beschlagnahmt, weil die „pikanten“ Stellen nicht wie üblich mit Papier überklebt worden sind. Nur wenige Jahre zuvor wäre eine derart freizügige Darstellung – noch dazu in den Bildern einer Fotografin – undenkbar gewesen. Nun aber finden die Fotos in der Presse weite Verbreitung. Die Skandalbilder machen nicht nur Claire Bauroff, sondern auch Trude Fleischmann international bekannt.

New York 1940. Fleischmann ist 45 Jahre alt. Ein knappes Jahr lebt sie in den USA, als sie beschließt, im pulsierenden Theaterdistrikt von Manhattan ein eigenes Atelier zu eröffnen. Helen Post, eine amerikanische Freundin, die in Wien bei Fleischmann das Fotografieren gelernt hat, unterstützt sie dabei. In New York, inmitten der Einwanderer, Flüchtlinge und Gestrandeten, macht Fleischmann, was sie kann und was auch andere vertriebene Fotografinnen und Fotografen machen: Sie knüpft Kontakte (vor allem unter den Emigranten), arbeitet hart und versucht, sich in der Neuen Welt neuerlich als Fotografin zu etablieren. Die Konkurrenz ist groß. 1941 veröffentlicht sie Aufnahmen in der „Vogue“. Sie weiß: Mit ihren Atelieraufnahmen, mit denen sie in Wien berühmt wurde, hat sie in den USA keine Chance. Schon gar nicht mit ihren skandalösen Akten. Der amerikanische Porträtstil orientiert sich stark am Film, früher als in Europa wird außerhalb des Ateliers fotografiert.

In New York geht Fleischmann mit ihrer Kamera immer öfter ins Freie und passt sich, so gut es geht, auch in ihrem fotografischen Stil amerikanischen Kundenwünschen an. Immer wieder porträtiert sie Emigranten, Berühmtheiten aus dem Kulturleben, die es geschafft haben, ihre Karriere in New York fortzusetzen. Unter ihnen sind Arturo Toscanini und Albert Einstein. In den folgenden Jahren entstehen neben zahlreichen Porträts auch Straßenszenen, Reisebilder, ab und zu Modeaufnahmen. Fleischmann ist in ihrer neuen Heimat durchaus erfolgreich, aber Starfotografin ist sie in New York keine mehr.

1983 – Fleischmann hat sich längst aus dem Berufsleben zurückgezogen – findet in einer kleinen New Yorker Galerie eine Ausstellung ihrer Bilder statt. Fleischmann ist zu dieser Zeit weitgehend unbekannt. Wenige Jahre später setzt ihre Wiederentdeckung ein, auch in Wien, wo Anna Auer 1988 eine erste Schau zusammenstellt. Nach 1945 hat Fleischmann die Stadt jahrzehntelang gemieden. „Ich finde, die Wiener haben sich schlecht benommen, sodass ich Wien eigentlich nicht mehr vermisst habe“, meint sie in einem Gespräch 1986. Und ergänzt: „Dabei habe ich Wien sehr geliebt. Ich war vor drei Jahren wieder dort. Jetzt hat sich der Groll gelegt, und ich habe Wien wieder wunderschön gefunden.“ Am 21.Jänner 1990 stirbt Trude Fleischmann in Brewster, New York. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2011)