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Gusenbauer & Co: Netzwerke, die sich auszahlen

Gusenbauer(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Walter Luger)
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Ex-Bundeskanzler Gusenbauer als Berater in Kasachstan: Viele seiner Ex-Kollegen fädeln mit ihren Kontakten gewinnbringende Geschäfte ein. Für Politiker wird die Planung für das Leben "danach" immer wichtiger.

Es ist nicht überliefert, wann genau Alfred Gusenbauer Gefallen an Kasachstan fand. Noch als Bundeskanzler traf Gusenbauer 2007 mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew bei der UNO in New York zusammen. Man unterhielt sich über die sichere Energieversorgung Europas, der Kanzler legte ein gutes Wort für die Nabucco-Pipeline ein, und Nasarbajew versuchte, Gusenbauer durch gutes Zureden zur Auslieferung seines in Ungnade gefallenen Ex-Schwiegersohns Rachat Alijew zu bewegen. Der Kanzler verwies freundlich, aber bestimmt auf die Unabhängigkeit der österreichischen Justiz.

Von Kostümpartys in kasachischer Tracht, wie der frühere Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sie in der Steppe feierte, ist nichts bekannt; innige Fotografien mit Präsident Nasarbajew wurden nie veröffentlicht. Keine Worte der Kritik, aber auch keine des Lobs. Kasachstan war dem Bundeskanzler vielleicht ähnlich egal wie die Fidschi-Inseln.

Doch dann änderte Gusenbauer seine Meinung. Heute sagt er: „Kasachstan ist auf dem richtigen Weg.“ Das Land habe unter Nasarbajew einen „bemerkenswerten Wandel“ vollzogen. Gusenbauer hat als Berater des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew angeheuert.

Begeisterung über den „Doktor“. Irgendwann nach seinem unfreiwilligen Abtritt, zunächst als SPÖ-Parteivorsitzender, Ende 2008 auch als Kanzler, muss er Gefallen an der starken Führung des Landes gefunden haben. Vielleicht war Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner mitbeteiligt, der im Sommer in einem „Presse“-Interview Aufsichtsratschef Gusenbauer als seinen Mann für die kasachischen Geschäfte nannte: Wenn er „Doktor Gusenbauer“ nach Astana schicke, treffe dieser dort auf „große Begeisterung“; vielleicht war es der Einfluss von Gusenbauers Freund und 2006er-Promiwahl-Stratege Gabriel Lansky, der als Rechtsanwalt die kasachische Regierung in vielen Belangen vertritt.

Gusenbauer – ein Sozialdemokrat – und Nasarbajew – ein Autokrat, der bald per Referendum sein Mandat ohne störende Wahlen bis ins Jahr 2020 verlängern könnte: Wie passt das zusammen? Sehr gut offenbar.

Nicht nur Gusenbauer, auch andere führende sozialdemokratische Ex-Politiker wie Gerhard Schröder, der italienische Linkspolitiker und einstige Präsident der Europäischen Kommission Romano Prodi sowie der frühere polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski sind dem Rufe Nursultan Nasarbajews gefolgt. Gerhard Schröder ist vielleicht das kompromissloseste Beispiel für einen Politiker, der zum Berater wurde: Seit seinem Abgang als deutscher Kanzler 2005 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream Aktiengesellschaft, eines Tochterunternehmens des russischen Staatskonzerns Gasprom.

Weitere internationale Vorbilder: Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair arbeitete für die Investmentbank JP Morgan; Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright gründete 2001 ihre eigene Politik- und Unternehmensberatung namens Albright Group.

Berater Gusenbauer, der die Gusenbauer Projektentwicklung & Beteiligung GmbH betreibt und Mitglied dreier Aufsichtsräte ist, hat in Österreich zahlreiche Kollegen. Wolfgang Schüssel, nach wie vor ÖVP-Abgeordneter im Parlament, sitzt seit April 2010 im Aufsichtsrat des Energiekonzerns RWE; Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach machte sich mit einer Beratungsfirma für Verkehrs- und Infrastrukturprojekte selbstständig und versuchte sich kürzlich als Wahlbeobachter von Minsks Gnaden; Ex-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat betreibt die „mrk Consult“-Unternehmensberatung im ersten Bezirk in Wien.


Begehrte Handynummern. Bei politischer Beratung geht es neben der Imagepflege (und erhoffter Verbesserung, wie im Falle Kasachstans) vor allem um internationale Kontakte.

In diesem Feld haben vor allem Ex-Kanzler viel zu bieten: begehrte Kontakte zu Geschäftsleuten (schließlich war man ständig mit Wirtschaftsdelegationen unterwegs); die Nummern wichtiger Politiker sind noch im Handy gespeichert. „Was zählt, ist das Netzwerk, nicht die Kompetenz in einem bestimmten Bereich“, sagt der Wiener Politikwissenschaftler Emmerich Tálos. Berührungsängste gebe es in dem Metier so gut wie keine: „Im Beratungsgeschäft spielen politische Positionen keine Rolle. Diktatoren werden genauso beraten wie andere.“

Franz Vranitzky dürfte als Role Model für österreichische Ex-Politiker gelten. Vranitzky begann als Banker; nach dem Ende seiner politischen Karriere ging er wieder ins Bankgeschäft zurück – ein Karriereverlauf, von dem viele Funktionsträger nur träumen können. Doch das „Modell Vranitzky“ wird für Berufspolitiker immer wichtiger.

Schnelllebiges Geschäft. Konnte man früher noch leicht bis zur Pensionierung ein Amt ausüben, muss man sich heute früher nach Alternativen umsehen. Groß ist die Gefahr, abgewählt oder von Konkurrenten abserviert zu werden. Heute ist Politik ein schnelllebiges Geschäft. Köpfe kommen, Köpfe gehen. Gusenbauer war 48 Jahre alt, als er den Kanzlerstuhl räumen musste, Vranitzky keine 60. „Man scheidet heute früher aus“, sagt Tálos. Der eine gründet ein Unternehmen, der andere muss eben Unternehmer beraten. Oder den Präsidenten von Kasachstan.

Wobei: Für Ex-Politiker ist der Beraterposten oft die Rettung. In ihrem Amt waren sie es gewohnt, „enormes Prestige“ zu haben, erklärt Emmerich Tálos. Büßen sie ihr öffentliches Amt ein, wird das oft als „enormer Absturz“ (Tálos) erlebt. Ein Beraterposten bringt zwei Vorteile: Er verspricht nicht nur Prestige, sondern auch Geld. Häufig um einiges mehr, als man noch als Politiker verdiente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2011)