Er gilt als der Robin Hood der Kunstwelt. Was treibt ihn an, warum lieben ihn die Leute - und wie lange wird es ihn noch geben? Eine kleine Psychologie des Kunstfälschers.
Ein arbeitsloser Straßenbahnfahrer malt ein Bild, es wird bei einer Auktion einer Künstlerischen Volkshochschule versteigert. Jahre später ist es einem Käufer eine Million Schilling wert. Noch ein paar Jahre später wird es bei der Linzer Oberbank zur Belehnung eines 1,6-Millionen-Euro-Kredits verpfändet – und von der Bank auf acht Millionen Euro geschätzt.
Seit Tagen erheitert diese Geschichte österreichische Zeitungsleser. Wie leicht doch der Malversuch eines begabten Dilettanten zum „echten“ Schiele werden kann, vorausgesetzt, es gibt Leute, denen es nicht an Geld und Glauben fehlt. Hätte der arbeitslose Straßenbahnfahrer das früher gewusst, wer weiß, was aus ihm geworden wäre – vielleicht ein Kunstfälscher? Wenn er nicht schon einer geworden ist . . .
Die märchenhafte Geschichte vom arbeitslosen Straßenbahnfahrer, der sich, ohne es zu wollen, in einen „Schiele“ verwandelt, ist zwar keine klassische Fälschergeschichte. Aber sie erinnert an Karriereanfänge berühmter Kunstfälscher. Sie alle schlitterten mehr oder weniger zufällig in das „Metier“ – nicht zuletzt, weil sie merkten, wie leicht es ist, eine Kunstwelt zu betrügen, die betrogen werden will.
Sieben, acht illustre Namen führen das „Who is Who“ der Kunstfälschung der letzten hundert Jahre an. Da ist etwa Han van Meegeren, der Reichsmarschall Göring einen selbstgemalten Vermeer verkaufte. Da ist Tom Keating, der in seinen Fälschungen derbe Sprüche oder Anachronismen wie ein „Guinness“-Glas versteckte. Da ist der Ungar Elmyr de Hory, der Namen und Lebensgeschichten wechselte wie andere Hemden und sogar Orson Welles zu einem Film über ihn inspirierte. Da ist Eric Hebborn, der in Rom ermordet wurde, nachdem er in einem Buch die Geheimnisse seiner Zunft ausgeplaudert hatte. Und da ist Lothar Malskat, dem Günter Grass in seinem Roman „Die Rättin“ ein Denkmal gesetzt hat: Er entzückte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg seine Zeitgenossen mit selbstgemalten „gotischen“ Wandmalereien im Schleswiger Dom und der Lübecker Marienkirche.
Für gewöhnlich werden Diebe und Betrüger geächtet. Diese Männer dagegen gelten als heimliche Helden, Abenteurer, ja Robin Hoods der Kunstwelt. Sie schreiben Memoiren, werden Medienstars – und wenn sie erzählen, wie sie den Kunstbetrieb an der Nase herumführten, gehört die allgemeine Sympathie nicht den Betrogenen, sondern den Betrügern. Ja, ihr Name wird zur Marke, so wertvoll manchmal, dass sie ihrerseits gefälscht wird...
Ein Filou in Freiburg. So weit wie seine berühmten Vorgänger wird es Lothar Beltracchi wohl nicht bringen, ein geistiger Verwandter ist er allemal. Der mutmaßlich Hauptverantwortliche im jüngsten großen Kunstfälscherskandal sitzt seit sechs Monaten in Kölner Untersuchungshaft, wie seine Frau, seine Schwägerin und ein Kunstverkäufer. In 14 Jahren soll Beltracchi (der früher Fischer hieß) an die 60 unbekannte Bilder bekannter Meister auf dem Kunstmarkt platziert haben, zum Teil um Millionen: darunter angebliche Werke Heinrich Campendonks, Max Pechsteins und Max Ernsts. Die Mär dazu: Ein Großvater der Schwestern, Werner Jäger, habe die Bilder gesammelt.
Einer, der nur Gutes von Lothar Beltracchi zu erzählen weiß, ist der Freiburger Schönheitschirurg Björn Stark – er hatte ihn als Klienten. „Ausgesprochen nette Leute“ seien die Beltracchis gewesen, erzählt er der „Presse“. „Er ist ja der klassische Künstlertyp, Jeans, Hemd über der Hose ... Etwas exaltiert war er, aber nie arrogant – ein ,Kölsche Jung‘ eben, ein bisschen Filou, aber charmant. Auch bei unserem Personal war er sehr beliebt, und die mögen sonst keine reichen Leute!“ Kaum seien die Beltracchis 2007 nach Freiburg gekommen, erzählt Stark, hätten sie sich das prächtigste Haus der Stadt gebaut und zur Eröffnung das „schönste Fest, das Freiburg erlebt hat“, veranstaltet. „Viele Leute haben die beiden dann auch eingeladen, intelligente, gebildete Leute! Die dachten sich, das ist einmal was anderes. Wir sind ja ein spießiges Provinzstädtchen.“ Ob niemand Fragen gestellt hätte? „Jeder glaubte, Beltracchi lebt von seinen eigenen Bildern. Er hat mir auch eins geschenkt, einen Beltracchi-Beltracchi.“
Offenbar gibt es sie also noch, die Bohème-betörte Bürgerwelt. Und auch den „klassischen“ Kunstfälscher: Beltracchi mag eine relativ unbedeutende Neuausgabe dieses Typs sein. Was über ihn bekannt ist, ähnelt jedenfalls verblüffend den Lebensgeschichten und Charakterzügen eines Hebborn, Keating oder de Hory. Ihr Profil ist in den Grundzügen dasselbe: männlich, (weitgehend) Einzeltäter, Lebenskünstler- und Spielernatur mit Lust am Luxus und Hang zum Hochstapeln – und nicht zuletzt: enttäuschter künstlerischer Ehrgeiz.
Der Niederländer Han van Meegeren etwa lehnte die gesamte moderne Kunst seit dem Impressionismus ab; kein Wunder, dass er den Kritikern nicht gefiel. Da habe er beschlossen, sie hereinzulegen, beteuerte der Fälscher später. Das gelang ihm glänzend. Nur sieben Vermeers fälschte Meegeren, wurde aber so reich damit, dass er erzählte, er habe im Lotto gewonnen.
Nachdem er ein Bild an Hermann Göring verkauft hatte und 1945 deswegen ins Gefängnis kam, gestand Meegeren alles – und wurde ein Volksheld. „Die Holländer freuten sich, dass da einer sowohl die Nationalsozialisten als auch die eigenen Kunstkritikergötter vorgeführt hatte“, erzählt Susanna Partsch, die vor kurzem ein Buch über Kunstfälschungen, „Tatort Kunst“, veröffentlicht hat.
Auch andere berühmte Kunstfälscher präsentierten sich als edle Enttarner des Kunstbetriebs. Meist ist das höchstens ein Teil der Wahrheit, gekränkte Eitelkeit ist aber immer im Spiel. Eric Hebborn war ebenfalls begabt, aber seinen Lehrmeistern an der Royal Academy nicht modern genug. Weil er mit eigenen Bildern kaum Geld verdiente, arbeitete Hebborn als Restaurateur. Und merkte bald, dass gewisse Kunden nichts dagegen hatten, wenn das Werk bei der „Restaurierung“ einem Alten Meister ähnlich wurde. Bald malte er selbst Grafik nach Grafik, 1978 flog er auf, verhaftet aber wurde er nie und fälschte sogar munter weiter. Er hatte seine Zeichnungen nämlich nie signiert, die Zuschreibung überließ er – teils bedeutenden – Experten.
„Im Vordergrund steht fast immer das Geld, auch wenn die Fälscher das Gegenteil beteuern“, sagt die Autorin von „Tatort Kunst“. „Auch Elmyr de Hory hat immer dann etwas gefälscht, wenn er wieder einmal kein Geld hatte.“ Susanna Partsch nennt den schillernden Ungarn den „Mann mit den 60 Namen“ – „seine ganze Biografie ist ein einziger Fake“. Sicher ist, dass auch Elmyr de Hory vergeblich eine Künstlerkarriere versuchte, bevor er nach dem Zweiten Weltkrieg zum Fälscher wurde. Er malte nur Zeitgenossen, vor allem Picasso, und finanzierte damit rauschende Partys in seiner Luxusvilla auf Ibiza. Schließlich geriet er in Verdacht, ließ den Schriftsteller Clifford Irving seine (angebliche) Lebensgeschichte veröffentlichen und verdiente bis zum Selbstmord 1976 weiterhin gut: Seine mit „Elmyr“ signierten Bilder nach Picasso, Matisse, Modigliani und anderen erzielten fast so hohe Preise wie die Originale, erzählt Partsch.
Auch die Lust am Risiko scheint Berufsvoraussetzung zu sein. „Anders kann man das nie durchstehen“, sagt Susanna Partsch. „Aber fast alle haben sich irgendwann so verhalten, dass man sich fragt, ob sie es nicht satt hatten, ob sie sich nicht unbewusst selbst verraten wollten.“ Denn die Meister des Kunstfälschermetiers leiden nicht nur unter dem psychischen Druck, sondern auch unter der Sehnsucht, anerkannt zu werden – und sei's auch nur als raffinierte Fälscher.
Diese Anerkennung ist dem „guten alten“ Kunstfälscher heute mehr denn je gewiss – gerade weil er eine aussterbende Spezies ist: Organisierte Großbanden und fernöstliche Fälschungsfabriken übernehmen zunehmend das Kommando. Das 20. Jahrhundert hat schon den Tod eines seiner Vorfahren erlebt: des Gentleman-Diebs. Wie dieser ist auch der klassische Kunstfälscher der Traum des „kleinen Mannes“, weil er den „Reichen“ eins auswischt. Aber er ist wohl auch deswegen so beliebt, weil sein Rebellentum nur scheinbar ist: Er fälscht zwar, aber darin will er ein echter, unverwechselbarer Meister sein – und als solcher bewundert werden. Insofern ist er genauso ein Produkt des Originalitätskults wie die Hierarchien von „echt“ und „falsch“, gegen die er angeblich antritt.
Das Museum der Fälscher. Das Fälschermuseum in der Wiener Löwengasse jedenfalls ist wirklich einzig in seiner Art. Die niedrigen Wände des Kellergewölbes schräg gegenüber vom Hundertwasserhaus sind teils mit Fälschungen behängt, teils – als Platzhalter für noch zu erjagende Fälschungen – mit legalen Kopien. Einen Keating habe sie um 700 Pfund ergattert, erzählt die Leiterin Diane Grobe, „ein Elmyr de Hory, den wir in der Schweiz kaufen wollten, war zu teuer, der wurde um 7000 Euro versteigert.“ Dafür hätten sie die einzige Nachbildung der zerstörten Mittelalter-Fälschungen Lothar Malskats (siehe Bild oben), von Malskat selbst gemalt: „Die haben wir auf einer Mini-Auktion in Hamburg bekommen.“ Fälschungen würden immer teurer, erzählt Grobe – und schmunzelt: Als sie und ihr Freund vor fünf Jahren das Museum gegründet hätten, seien sie noch „müde belächelt“ worden. „Mittlerweile sind wir eine Modebranche.“
Zum Lesen: „Tatort Kunst“ von Susanna Partsch (Beck Verlag). Eric Hebborns und Tom Keatings Memoiren („Drawn to Trouble“, „The Fake's Progress“) sind nur auf Englisch erhältlich, auf Deutsch ist Hebborns „Kunstfälschers Handbuch“ erschienen (Dumont). Auch Clifford Irvings Biografie von Elmyr de Hory („Fake“) gibt es nur auf Englisch.
Zum Schauen: Orson Welles drehte über Elmyr de Hory seine Pseudodoku „F wie Fake“. Echte Fälschungen gibt es im Fälschermuseum zu sehen: Wien 3, Löwengasse 28.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2011)