Zukunft des Verlagswesens: Es geht auch ohne Druck

(c) Clemens Fabry
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Die Zukunft des Verlagswesens könnte in der Erstveröffentlichung von Büchern in ausschließlich digitaler Form liegen, glaubt ein neues Wiener Unternehmen.

Viel war in letzter Zeit zu hören über neue Endgeräte für den Konsum digitaler Bücher. Als Gegenstände des täglichen Gebrauchs sollen sie ja die Literatur einem ähnlichen Schicksal zuführen, wie es einst der Musik durch das MP3-Format beschieden war. Einen bemerkenswerten Impuls gab es vor Kurzem in Wien: Vor wenigen Tagen startete mit McPublish erstmals ein Verlag mit dem Ansinnen, die literarische Verwertungskette umzudrehen. Auch wenn der Name des Startups manchem Homme de Lettres Angstschauer über den Buckel jagen mag, die Idee ist fortschrittlich. Anstatt wie in den Autorenverträgen eines auf gedruckte Bücher spezialisierten Anbieters in der Nebenverwertung geregelt zu sein, stehen E-Books und (ebenfalls ohne physischen Träger auskommende) Hörbücher bei McPublish an erster Stelle.

Verwertungskette. „Wir drehen einfach den Spieß um. Anstatt die Rechte von veröffentlichten Titeln einzusammeln und die digitalen Formate dem gedruckten Buch nachzureichen, fangen wir am anderen Ende an“, fasst Fabian Burstein den Ansatz zusammen. Gemeinsam mit seinen Partnern Ramon Rigoni und Stefan Tauber begibt er sich auf verlegerisches Neuland. Mit sieben Titeln von sechs Autoren tritt McPublish an; zu kaufen gibt es sie auf der eigenen Homepage und über große Vertriebspartner wie die Amazon-Tochter Audible oder den E-Book-Anbieter Ciando. Letzterer offeriert mit 130.000 Büchern die derzeit umfangreichste E-Leseliste auf deutsch.

Die Frage, ob seine Autoren aufgrund der gänzlich unphysischen Erscheinungsweise einen Prestigeverlust befürchten würden, verneint Burstein: „Gerade die Tatsache, dass wir ein Hörbuch gleich mitproduzieren, macht uns auf andere Weise interessant. Das Fehlen eines gedruckten Buchs war interessanterweise den meisten egal.“ Was Covergestaltung, Aufmachung und Autorenbetreuung betrifft, befolge man ohnehin alle verlegerischen Usancen. Das unterscheidet den Digitalverlag auch grundlegend von im Internet operierenden Book-on-Demand-Anbietern, nach denen ohnehin immer weniger Hähne krähen, zu denen aber mit der „Kindle Digital Text Platform“ ebenfalls eine Entsprechung in der Domäne der E-Books existiert.

Ungleich dem amerikanischen Markt, wo die etwas günstigeren E-Books heute schon einen Marktanteil von etwa zehn Prozent halten, ist die kommerzielle Bedeutung von digitaler Literatur deutscher Zunge einstweilen gering: Michael Kernstock, Fachverbandsobmann für Buch- und Medienwirtschaft, verweist auf einen aktuellen Marktanteil von etwa einem Prozent – erst in einem Jahrzehnt werde laut Prognosen die Zehn-Prozent-Schwelle erreicht sein. „Die Verleger werden selbst entscheiden, wie sie künftig ihre Inhalte vertreiben werden“, meint Kernstock und blickt stellvertretend für den Fachverband voll Zuversicht in die Zukunft.

Lesekonsumverhalten. Darum bemüht, frühzeitig auf sich abzeichnende Trends zu reagieren, zeigen sich auch die Geschäftsführer der Literaturzeitung Volltext: Seit drei Jahren werken Thomas Keul und Thomas Heher mit Departure-Förderung an einer Autorenplattform mit nicht näher definierter E-Commerce-Anbindung, die ab April schrittweise online gehen soll. „Dass elektronische Literatur irgendwann kommerzielle Bedeutung haben würde, war abzusehen, wenn auch nicht genau, wann und wie. Natürlich wollen wir als Verlag nicht, dass diese Entwicklung an uns vorbeiläuft“, meint Keul. Der Hype um neue Lesegeräte dürfte an dem zu erwartenden Wachstum des Sektors nicht unbeteiligt sein.

Auskunft über das Einkaufsverhalten von Literaturkonsumenten, die mit Readern ausgestattet sind, weiß indessen Josef Pretzl zu geben. Er ist Geschäftsführer von Thalia Buch, mit um die 100.000 deutschsprachigen E-Books im Angebot: „Im Weihnachtsgeschäft haben wir festgestellt, dass pro Reader vier bis fünf Bücher heruntergeladen wurden. Das Konsumverhalten ist also ähnlich wie bei Musiktiteln.“ Aus dieser Erkenntnis ließen sich nachgerade rosige Aussichten für die Literaturbeschlagenheit künftiger Generationen ableiten. Vorausgesetzt wenigstens, auf den Einkauf folgt auch der Akt des Lesens.

Widerstandshoffnungen. Schon in Anbetracht potenzieller Belesenheitssteigerungen wird klar, dass es mitnichten um Glaubenskriege zwischen Anhängern der digitalen und gedruckten Literatur gehen sollte. Das unterstreicht auch Fabian Burstein: „Ich will niemandem die Freude am Bücherlesen verderben, sondern suche einfach nach neuen Wegen, Literatur zu transportieren.“ Zusätzlich würden sich aus dem neuen Medium auch gestalterische Möglichkeiten ergeben: „Für uns ist das auch eine Spielerei mit literarischen Genres, Musik, neuen Medien.“

Gerade bei der Gestaltung sieht Johannes Schlebrügge als Verleger aufwendig gemachter Bände, häufig Künstlerbücher, für seine Bedürfnisse aber noch zu wenig Spielraum. Der adäquate Transfer der von ihm verlegten Titel, die durch Format, Materialauswahl und Seitenfolge besondere Wirkung erzielen, in den E-Book-Bereich erscheint ihm schwierig: „Mit meinem Programm halte ich mich notgedrungen zurück, da ich ohnehin andere Bücher mache und ein Produkt herstelle, auf das Widerstandshoffnungen gesetzt werden. Sollte einmal alles im E-Book verschwunden sein, werden gerade Bücher wie die von mir verlegten wieder wertvoll.“

Auch Schlebrügge verweist aber auf technologischen Fortschritt, der innerhalb weniger Jahre zu Neuerungen führen könnte: „Vielleicht gibt es eines Tages klappbare oder zusammenrollbare Lesegeräte. An die Zukunft solcher fortgeschrittener Reader glaube ich, die vielleicht auch mit variablen Formaten aufwarten können.“ Vieles scheint vorstellbar, und womöglich geht es ja wirklich in die Richtung der Hightech-Pergamentrolle. So nach dem Motto: Zurück in die Zukunft.

McPublish.com
Der Verlag startet im Jänner 2011 mit Erstveröffentlichungen als E-Books und digitalen Hörbüchern.

Volltext.net
Eine Autorenplattform mit Onlineverkauf soll ab April 2011 online gehen.

Schlebrügge.Editor
Man wartet auf neue Generationen von Lesegeräten, die mehr Gestaltungsmöglichkeiten offerieren.

Buchwirtschaft
Zehn Prozent Marktanteil für E-Books in zehn Jahren lautet die heimische Prognose.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2011)

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