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Waffengesetze: Tombstone, überall in Amerika

Waffengesetze Tombstone ueberall Amerika
(c) Reuters
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Arizona hat eines der liberalsten Waffengesetze der USA. Nach dem Attentat von Tucson flackert eine Debatte auf. Die Waffenlobby sagt: "Die Kerle mit den Knarren machen die Regeln."

Pulverdampf zieht durch die Allen Street, die von einer Handvoll Saloons gesäumte Hauptstraße von Tombstone. Unter flirrender Nachmittagssonne ist eben der tägliche Showdown über die Bühne des Westernstädtchens im Südosten Arizonas gegangen. Von Platzpatronen niedergestreckt, wälzen sich die Bösewichte im Staub, unter dem Gejohle der Zaungäste lässt der Sheriff den Colt in das Holster rutschen.

In ihrer Show stellen Schauspieler in breitkrempigen Hüten und mit aufgezwirbelten Schnauzern jenes Duell am O. K. Corral nach, das Wyatt Earp und Doc Holliday im Oktober 1881 schlagartig zu Legenden und Jahrzehnte später, verkörpert von Henry Fonda, Kirk Douglas, Burt Lancaster oder Kevin Costner, zu Figuren des Hollywood-Westernkanons machte. Begeistert pilgern Touristen auf den Boothill-Friedhof, eine Anhöhe in der von Kakteen durchzogenen Wüste, auf dem die Outlaws jener Tage begraben sind.

„Arizona ist das Tombstone der USA“, formulierte Clarence Dupnik in kalkuliert geschliffener Rhetorik nach dem Attentat in Tucson vom 8. Jänner, als ein Mann namens Jared Lee Loughner (22) bei einem Wählertreffen um sich schoss, sechs Menschen tötete und die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzte. Dupnik, der 75-jährige Sheriff, ein deklarierter Gegner der laxen Waffengesetze in seinem Staat, spielte dabei auf das englische Wort für „Grabstein“ an. Der Demokrat, befreundet mit der angeschossenen Abgeordneten Giffords und dem getöteten Bundesrichter John Roll, hat sich mit seiner harschen Kritik unter anderem am Waffenfetischismus in seiner Heimat in die Nesseln gesetzt.

Mehr noch als im Rest des Landes gehört Waffenbesitz im alten Wilden Westen an Mexikos Grenze nicht nur zum im zweiten Verfassungszusatz verankerten Grundrecht, sondern zur Lebensauffassung. „Das ist unser gottgegebenes Recht“, behauptet Erich Pratt, Sprecher der Waffenorganisation „Gun Owners of America“, steif und fest.

Dass im Grenzland jeder Rancher Gewehr bei Fuß steht, erklärt sich durch die sprunghaft gestiegene Kriminalität jenseits der Grenze. Und der Mord am prominenten Farmer Robert Krentz im Vorjahr versetzte ganz Arizona in Alarmstimmung. Aber selbst Giffords und Roll, die Opfer des Amokläufers, galten als Verfechter des Waffenbesitzes und geübte Schützen. Im Wahlkampf hat Jesse Kelly, Giffords republikanischer Kontrahent, seine Wähler gar zum Wettschießen eingeladen.

In Tucson warben Transparente für eine Waffenmesse an diesem Wochenende, in Las Vegas findet nächste Woche die größte Waffenshow des Landes statt. Eine Absage aus Gründen der Pietät zog niemand in Betracht. Nach dem Attentat ist der Waffenverkauf in Arizona, aber auch anderswo in die Höhe geschnellt. Die Waffenfreunde wollen sich vorsorglich mit Schnellfeuermagazinen mit 30 und mehr Patronen eindecken – aus Angst, sie könnten bald unter Verbot gestellt werden. Dies fordert nämlich die demokratische Abgeordnete Carolyn McCarthy aus New York, deren Mann bei einem Amoklauf in einem Vorortzug ums Leben kam.


Sturmgewehr aus dem Supermarkt. In Arizona nehmen die Nachfahren Wyatt Earps und Doc Hollidays ihre Pistole überallhin mit – in die Bar, ins Restaurant, in den Supermarkt. Praktischerweise bietet Wal-Mart, die größte und billigste Supermarktkette der USA, eine breite Palette an Waffen – vom zierlichen Revolver bis zum Jagdgewehr. Zum Kauf qualifizieren ein Ausweis und ein einfacher „Background-Check“, ein Computerclick ins Strafregister.

Mit Alaska und Vermont hat Arizona das liberalste Waffenrecht des Landes. Derzeit liegt in der Hauptstadt Phoenix ein Gesetzesentwurf der republikanischen Gouverneurin Jan Brewer in der Schublade, der das Tragen einer Waffe selbst am College gestatten würde – trotz der Massaker an der Columbine-Highschool in Colorado oder der VA-Tech-University in Virginia. Befürworter einer Liberalisierung drehen die Argumentation um: Wären die Täter auf Gegenwehr gestoßen, wäre das Schlimmste verhütet worden. Die Waffenkultur und das Recht auf Selbstverteidigung sind den Amerikanern in Fleisch und Blut übergegangen: Ohne den mit Gewalt angetriebenen Pioniergeist wären die Eroberung und Unabhängigkeit des Kontinents nie gelungen. Nach Lesart vieler Republikaner hätten die Gründerväter das Waffenrecht in die Verfassung reklamiert, um eine Handhabe gegen Tyrannei zu liefern.


Die Macht der NRA. Noch heute posiert Alaskas republikanische Gouverneurin und Ex-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin gern mit Flinte. Dabei hat sich der Liebling der Waffenfans blamiert: Obwohl sie in ihrer Reality-TV-Serie ein Rentier voll im Visier hatte, zielte sie dreimal daneben, ehe sie traf. Wie sagte ihr Parteifreund Rand Paul in der ihm eigenen Logik: „Nicht die Waffe tötet, sondern das Individuum.“ Bei der Kür zum Parteivorsitz der Konservativen brüstete sich jetzt eine Kandidatin, sie habe 16 Handfeuerwaffen im Haus.

Die mächtige Waffenlobby National Rifle Association (NRA), die die Republikaner unterstützt, will sich derzeit nicht zur aufflackernden Debatte über die Beschränkung des Waffenrechts äußern. Ihr Vizepräsident Wayne LaPierre proklamierte indes bereits vor dem Amtsantritt Barack Obamas markig: „Die Kerle mit den Knarren machen die Regeln.“ Nur 44 Prozent der Amerikaner wollen ein strikteres Waffengesetz.

Der Präsident und die Mehrheit der Demokraten haben sich bisher gescheut, das Thema auch nur anzustoßen. Obama hat stattdessen einer Lockerung des Waffengesetzes in Nationalparks und Zügen zugestimmt. Dem „Time“-Magazin blieb es vorbehalten, auf ein Paradox hinzuweisen: „Wie konnte Loughner als eine Gefahr vom College suspendiert werden und trotzdem eine Glock-Pistole erwerben?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2011)