Gastkommentar

Risse im Gebälk der Kirche

(c) Peter Kufner
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Es gibt unübersehbare und wachsende Dissonanzen zwischen Rom und der Kirche in Deutschland.

DER AUTOR

Jan-Heiner Tück(*1967 in Emmerich, Dtld.) ist Professor am Inst. für Systematische Theologie und Ethik der Universität Wien. Schriftleiter der Zeitschrift „Communio“, freier Mitarbeiter bei der „NZZ“; zahlreiche Publikationen, im März erscheint sein neues Buch „Crux - Über die Anstößigkeit des Kreuzes“ (Herder); lebt in Wien.

Unter dem Titel „Aufruf zum Ungehorsam“ startete vor gut zehn Jahren in Österreich die Pfarrerinitiative. Man wollte den Zölibat abschaffen, die Sexualmoral lockern, die Frauenordination einführen, mehr Mitbestimmung von Laien durchsetzen. Die „Reformblockade“ sollte gelöst werden – notfalls durch einen Aufstand der Priester gegen die Bischöfe. Damals konnten die „Risse“ durch Gespräche zwischen den Initiatoren und dem Erzbischof von Wien gekittet werden.

Jetzt reagieren einige Bischöfe in Deutschland auf römische Interventionen zum Synodalen Weg mit Ablehnung. Ein episkopaler Aufstand gegen den Papst im Namen synodaler Mehrheiten steht im Raum. Manche warnen bereits vor einer Spaltung. Franziskus selbst hat in einem Interview dem „sogenannten Synodalen Weg“ unverblümt eine ideologische Schlagseite attestiert und bemängelt, das Projekt werde von „Eliten“ gesteuert, die nicht das einfache Kirchenvolk repräsentieren. Das hat bei einigen Betroffenen zu Unmut geführt. Sie hielten Franziskus vor, er bediene durch die Elitenschelte Muster populistischer Rhetorik. Auch sei die römische Kurie selbst nicht besonders volksnah. Befremdlich sei, dass der Papst seine Kritik den deutschen Bischöfen nicht persönlich, sondern über die Medien mitgeteilt habe. Synodaler Kommunikationsstil sieht in der Tat anders aus. Allerdings zeigt der Unmut der Kritiker auch, dass Franziskus einen wunden Punkt getroffen hat. Vertreten die Vertreter der Synodalversammlung wirklich das gesamte Gottesvolk? Und wie begründen sie theologisch ihren Vertretungsanspruch?

Voten der Gläubigen sammeln

Die Differenzen zeigen, dass der Begriff „Synodalität“ unterschiedlich verstanden wird. Der Papst wirbt dafür, dass alles von allen freimütig geäußert wird. In einem mehrstufigen Synodalen Prozess will er die polyfonen Voten der Gläubigen sammeln, dann auf unterschiedlichen Ebenen beraten und schließlich bei der Bischofssynode 2024 final entscheiden. Synodalität ist für ihn ein geistlicher Prozess, der in geschützten Räumen stattfindet und – eine utopische Hoffnung? – in einmütige Beschlüsse münden soll, keine parlamentarische Debatte, bei der am Ende Mehrheiten Minderheiten überstimmen. Sein Appell von 2019, der Synodale Weg solle dem „Primat der Evangelisierung“ Raum geben und die Reformdebatte nicht auf Strukturfragen fokussieren, ist in Deutschland kaum gehört worden. Hier betont man, die systemischen Ursachen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche aufarbeiten zu wollen. Dabei rückt die Krise der bischöflichen Autorität ins Zentrum. Formen von Kirchenleitung, in denen Laienräte mitentscheiden, werden als Therapie gegen das bischöfliche Versagen empfohlen.

Warnungen aus Rom vor der Etablierung neuer Formen der Kirchenleitung sind in Deutschland resonanzlos verpufft. Beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom im vergangenen November war das Gesprächsklima eher kühl. Papst Franziskus hat an der Sitzung über den Synodalen Weg selbst nicht teilgenommen – ein Wink, dass er mit der bisherigen Rezeption seiner Anliegen nicht zufrieden ist. Drei Kardinäle haben stattdessen „rote Linien“ markiert und die Ortskirche in Deutschland erinnert, dass sie Teil der katholischen Weltkirche ist.

Die Lage ist angespannt!

Im Nachgang zum Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe gab es im Jänner erneut Post aus Rom, es komme der katholischen Kirche in Deutschland nicht zu, auf nationaler, diözesaner oder pfarrlicher Ebene neue Formen der Leitung zu etablieren. Das wurde soeben vom römischen Nuntius, NikolaEterović, bei der Frühjahr-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Dresden noch einmal entschieden bekräftigt. Man könnte meinen: Roma locuta, causa finita! Aber nein, die pontifikale Punktsetzung wird mit einem Fragezeichen versehen, und zwar vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz selbst. Man würde, so Georg Bätzing, die bischöfliche Autorität gar nicht antasten. Die Bischöfe würden sich in einem Akt freiwilliger Selbstverpflichtung an die Voten des synodalen Gremiums binden. Gewiss, auch die Delegation von Macht kann eine Form der Autoritätsausübung sein. Aber die Versicherung, man strebe gar keine neue Form der Kirchenleitung an, wird in Rom als findiger Trick gewertet. Die Verstetigung eines paritätisch besetzten Synodalrates läuft auf eine andere Form der Kirchenleitung hinaus. Anderes zu behaupten wäre Augenwischerei!

Die Lage ist angespannt. Um eine Eskalation zu vermeiden, wäre es klug, im Vorfeld der letzten Synodalversammlung im März auf weitere rhetorische Verschärfung zu verzichten. Synodale Gesprächskultur lebt davon, dass man das Anliegen des anderen hört und die eigenen Wünsche nicht vorschnell mit dem Wirken des Heiligen Geistes identifiziert. Die deutschen Bischöfe können nicht übergehen, dass Rom nachdrücklich an die bischöfliche Verfassung der Kirche erinnert. Das entspricht dem II. Vatikanischen Konzil, welches das Bischofsamt theologisch aufgewertet hat. Das Konzil hat die Ausübung des Bischofsamtes allerdings zugleich an Konsultationsgremien wie den Diözesanrat rückgebunden. Wenn in Deutschland nun darüber hinaus ein nationaler Synodalrat eingeführt wird, gibt es doppelten Klärungsbedarf: Wie soll sich ein solches Leitungsorgan zur Bischofskonferenz verhalten? Wie soll das päpstliche Verbot, neue Formen der Kirchenleitung einzuführen, umgangen werden, ohne einen nationalen Sonderweg einzuschlagen? Die wiederholte Beteuerung von Bätzing, die bischöfliche Autorität werde durch den Synodalrat nicht beschnitten, eher gestärkt, ist bislang ein theologisch ungedeckter Scheck geblieben.

Umgekehrt kann Rom die Krise des bischöflichen Amtes infolge der Missbrauchsskandale nicht übergehen. Auch sind die Frauenfrage, der Klerikalismus und die Partizipation von Laien brennende Fragen. Es reicht hier nicht aus, formal auf die Beibehaltung der episkopalen Letztverantwortung zu pochen, ohne darüber nachzudenken, wie man in demokratischen Gesellschaften Leitungskompetenz transparent ausübt. Die Kirche, die in einem langen Lernprozess die moderne Demokratie anerkannt hat, muss nicht gleich selbst demokratisiert werden. Sie ist nicht auf der Idee der Volkssouveränität, sondern auf apostolischem Fundament gebaut. Dieser Vorbehalt schließt nicht aus, bei der Findung geeigneter Kandidaten synodale, das heißt demokratie-analoge Verfahren anzuwenden.

Veto des Papstes übergehen?

Würden die deutschen Bischöfe das Veto des Papstes übergehen und den Synodalrat einführen, käme es zu tiefen Rissen im Gebälk der Kirche. Die Lage könnte eskalieren. Den deutschen Bischöfen kommt in den Tagen dieser Krise eine besondere Verantwortung zu, eine Konfrontation mit Rom abzuwenden. Die freiwillige Selbstverpflichtung würde für sie zur ungewollten Gefangenschaft, wenn sich die Synodalversammlung im März gegen den Papst stellt und das Projekt des Synodalrates umsetzt. Wäre dann nicht ein bischöflicher Aufstand das Gebot der Stunde, um einen deutschen Sonderweg abzuwenden?

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2023)


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