Weltreisende „Traumpaare“ bestimmen heutzutage die Spielpläne der Opernhäuser. Hört man ihren weniger berühmten Kollegen noch zu?
Heute Abend in der Staatsoper: Massenets „Werther“ mit Sophie Koch und Jonas Kaufman. Melomanen wissen, was auf sie zukommt, denn „Werther“ mit dem Traumpaar ist internationaler Standard, seit die DVD-Aufzeichnung der Pariser Premiere im Handel ist.
Jedes Haus, das auf sich hält, muss diesen „Werther“ nun zeigen. Zur Perfektion ist diese Reiselust gekommen, als Natalie Dessay und Juan Diego Florez jüngst sogar mit einer ganz bestimmten Inszenierung (tatsächlich fulminant: Laurent Pelly) um die Welt gefahren sind. Womit sich eine Prophetie zu erfüllen scheint, die Herbert von Karajan in seiner Zeit als Wiener Operndirektor als Alternative für das seiner Ansicht nach zum Tode verurteilte Repertoire-System lanciert hat. Die Gefahr daran: Plötzlich galten weltumspannend nur noch ganz bestimmte Darbietungen als statisfaktionsfähig.
In den Achtzigerjahren behauptete ein Wiener Operndirektor unwidersprochen, ohne Agnes Baltsa könne er eine der meistgespielten Opern der Geschichte, „Carmen“, gar nicht mehr ansetzen. Ähnliches galt, wenn auch weniger ungeniert ausgesprochen, für Placido Domingos „Otello“. Bei aller Wertschätzung für herausragende Sängerpersönlichkeiten fördern solche Glaubensbekenntnisse die Tendenz zur Ausdörrung des Opernlebens. Was nicht vorab schon als Sensation gepriesen wird, hat kaum Chance, überhaupt noch zur Kenntnis genommen zu werden.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Opernfreund noch an eine andere Massenet-Aufführung in Wien: Anfang der Siebzigerjahre hatte „Manon“ – in einer traumhaft schönen Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle – Premiere. Ein Tenor, damals mit einigem Recht weltweit als stilistisch besonders kompetenter Massenet-Interpret gefeiert, sollte den Des Grieux singen, sagte aber während der Proben ab. Giacomo Aragall sprang ein. Und nach seiner großen Arie im St.-Sulpice-Bild war die Premiere minutenlang durch Ovationen unterbrochen.
Während manche Kommentatoren weiterhin das Ausbleiben des Konkurrenten beweinten und gar nicht bereit schienen, auf die außerordentliche interpretatorische Qualität des „Einspringers“ einzugehen, bekundete das Publikum damals noch seine eigene Urteilsfähigkeit – und seine Offenheit: Es gibt mehrere Wege, die nach Rom führen.
Die Freude über die Begegnung mit einem Traumpaar, wie Sophie Koch und Jonas Kaufman es darstellen, wird angesichts eines weiteren Horizonts ja nicht im Mindesten getrübt. Im Gegenteil. Und Direktoren müssen Inszenierungen parat haben, in denen sich reisende Stars zurechtfinden: Man stelle sich vor, es gäbe plötzlich die Idealbesetzung für Verdis „Troubadour“ oder Puccinis „Manon Lescaut“; beide müssten um Wien einen Bogen machen...
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2011)