BP plant eine milliardenschwere Überkreuzbeteiligung mit dem russischen Staatskonzern Rosneft: Gemeinsam wollen die beiden Öl- und Gasfelder in der Arktis erkunden. Der Weg dorthin ist weit und sehr teuer.
Moskau. Vor wenigen Jahren musste BP-Chef Rob Dudley sein Heil in der Flucht aus Russland suchen, weil russische Geschäftspartner ihm das Leben zur Hölle gemacht hatten. Nun, angeschlagen durch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, sucht der britische Konzern sein Heil wieder in Russland. Konkret beim staatlichen und landesweit größten Ölkonzern Rosneft. Mit ihm schmieden die Briten eine milliardenschwere Überkreuzbeteiligung. BP übernimmt 9,5Prozent an Rosneft. Die Russen erhalten dafür fünf Prozent an BP. Der Wert der Aktienpakete: je 5,8Mrd. Euro.
Sollten die Aufsichtsbehörden den Deal absegnen, eröffnet sich für Rosneft der Zugang zu wichtigen Technologien. Auch BP erhält Zutritt – zu lukrativen Förderstätten im arktischen Gebiet der südlichen Karasee. In dieser Gegend, in der Geologen riesige Öl- und Gasvorkommen vermuten, hat Rosneft im Vorjahr drei Lizenzen erhalten. Für ihre Erschließung wollen die beiden Konzerne ein Gemeinschaftsunternehmen und ein Forschungszentrum gründen. Für die erste Erschließungsphase sind 1,4 bis zwei Mrd. Dollar veranschlagt.
„Einzigartige Vereinbarung“
Von einer „einzigartigen Vereinbarung, die unsere erstarkten strategischen Bande widerspiegelt“, sprach Dudley. Diese werden auch von der russischen Regierung unterstützt, wie Premier Wladimir Putin betonte: Der Staat werde die Projekte steuerlich optimal fördern.
Rosneft habe schon lange einen strategischen Investor gesucht und gewinne nun an Attraktivität für Investoren, erklärt Dmitri Absalov, Gasexperte des Moskauer Zentrums für politische Konjunktur: „Und BP hat aus der Not heraus einen Partner gesucht.“ Die USA fordern von BP Milliarden an Schadenersatz für die Ölkatastrophe. Mit Skepsis sieht man auf die Kooperation mit den Russen – der demokratische Abgeordnete Edward Markey verlangt eine sofortige Überprüfung, inwieweit die nationale und wirtschaftliche Sicherheit der USA gefährdet ist. Greenpeace warnt vor den geplanten Bohrungen in der Arktis.
Eine gemeinsame Offshoreförderung im für Russland strategischen Gebiet sei mit Rosneft seit 2006 diskutiert worden, erklärte Dudley im „Wall Street Journal“. Den Aktientausch habe schließlich Igor Setschin vorgeschlagen. Setschin ist Vizepremierminister und Aufsichtsratsvorsitzender bei Rosneft. Als Abkömmling des Geheimdienstes gilt er als dirigistischer Hardliner und als Mastermind hinter der Zerschlagung des einst größten Ölkonzerns Yukos, durch dessen Einverleibung Rosneft zum Branchenprimus aufgestiegen ist.
Hohe Steuern als Hindernis
„Die führenden russischen Konzerne beschleunigen den Eintritt in die Elite des globalen Energiesektors“, sagte Setschin am Wochenende. Der Drang ins Ausland hat auch damit zu tun, dass die Besteuerung im Inland extrem hoch ist, was die Erschließung schwer zugänglicher Vorkommen behindert.
Paradoxerweise wurde die Expansion lange gerade von BP behindert. Konkret bei TNK-BP, dem drittgrößten Ölkonzern Russlands, an dem BP 50Prozent hält. Weil sich die Briten gegen eine mögliche Konkurrenz mit ihrer britisch-russischen Tochter im Ausland sperrten, musste Dudley 2007 fluchtartig das Land verlassen. Seit der Ölkatastrophe hat sich das Blatt gewendet, und TNK-BP hat dem „Mutterkonzern“ sogar aus der Patsche geholfen, indem es ihm Aktiva für 1,8Mrd. Dollar (1,3Mrd. Euro) in Venezuela und Vietnam abkaufte. Dass sich BP nun mit Konkurrent Rosneft ins Bett legt, wird von den russischen Aktionären an TNK-BP mit Argusaugen beobachtet.
Rosneft hat mit BP schon früher kooperiert. Mitte Oktober hat Rosneft von der venezolanischen PDVSA für 1,6Mrd. Dollar 50Prozent am deutschen Raffinerieunternehmen Ruhr Oel übernommen. Die zweiten 50Prozent hält BP, die auf ihr Vorkaufsrecht zugunsten von Rosneft verzichtet hatte – um im Gegenzug Zugang zum arktischen Schelf zu erhalten, wie am Markt vermutet worden war. BP hatte damals dementiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2011)