Bildungsstadtrat: "Latein ist nicht mehr zeitgemäß"

Bildungsstadtrat Latein nicht mehr
Bildungsstadtrat Latein nicht mehr(c) Clemens Fabry
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Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch erklärt im Gespräch mit der "Presse", warum er für eine Kürzung von Lateinstunden eintritt und langfristig für eine Kindergartenpflicht ab zwei Jahren ist.

Die Presse:Die ÖVP kann sich nun die Neue Mittelschule flächendeckend vorstellen. Endlich zufrieden?

Christian Oxonitsch: Erfreulich ist, dass sich die ÖVP bewegt. Ich bin vorsichtig optimistisch, denn wir haben lange Zeit die Streichung der Zehn-Prozent-Grenze für die neue Mittelschule gefordert. Unser Ziel bleibt aber weiterhin eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen, das deckt sich mit allen namhaften Experten.

Auslöser der Diskussion war die PISA-Studie: Warum hinkt Wien im Ergebnis anderen Landeshauptstädten nach?

Wien hinkt nicht nach – international gesehen. Städte mit mehr als einer Million Einwohner unterscheiden sich ebenso signifikant vom Rest wie die Kleinschulen in den Bundesländern, die die schlechtesten Ergebnisse erzielt haben. Das ist in allen 68 Teilnehmerländern die gleiche Tendenz.

Inwieweit ziehen Migranten das Wiener PISA-Ergebnis nach unten?

Ich glaube nicht, dass Migranten das Ergebnis nach unten ziehen. Gerade in den ländlichen Kleinschulen, wo es keine Migranten gibt, gibt es schlechtere Ergebnisse als in den Wiener Schulen.

Trotzdem gibt es in Wien Klassen mit fast 100 Prozent Migrantenanteil.

Tatsache ist, dass das nichts über die Sprachkompetenz in diesen Klassen aussagt – mittlerweile ist dort die Sprachkompetenz gleich hoch wie in sogenannten durchmischten Klassen. Es gibt außerdem internationale Schulen mit 100 Prozent Migrantenanteil, wo das mit dem Lernerfolg nichts zu tun hat.

Das sind Eliteschulen wie das Lycée Français, aber nicht die typische Wiener Pflichtschule.

Daher ist die soziale Durchmischung der entscheidende Punkt. Und die Antwort ist eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen wie in Finnland und den anderen PISA-Sieger-Ländern.

In der Praxis gibt es aber Klassen, in denen die Schüler kein Wort Deutsch beherrschen.

Das stimmt nicht. Wir müssen aber alles tun, damit Kinder mit ausreichenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Das stellen wir mit dem 1+1-Fördermodell mittlerweile sicher – also mit einem verpflichtenden Kindergartenjahr, und wenn das nicht reicht, dann noch mit einem Vorschuljahr.

Sie werden aber nicht bestreiten, dass es weiterhin Schüler gibt, die nicht Deutsch können.

Das sind außerordentliche Schüler, die mit 10, 12, 14 Jahren nach Österreich zuwandern. Davon haben wir in Wien etwa 5000 von insgesamt rund 82.000 Schülern. Dafür gibt es aber auch Deutschförderungen.

Reichen diese Maßnahmen, damit
es künftig nur mehr Klassen gibt, in denen jedes Kind Deutsch beherrscht?

Davon gehe ich aus. Was man aber festhalten muss: Gerade diese Sprachförderung fällt derzeit dem Sparstift des Bundes zum Opfer. Denn das Geld für die frühe sprachliche Förderung wurde für 2011 noch nicht verlängert.

Wäre ein verpflichtender Kindergarten ab zwei Jahren die Lösung – wie es die Grünen vorgeschlagen haben?

Wir haben gerade einmal das erste halbe Jahr des verpflichtenden Kindergartens hinter uns, da sollten wir uns schon ein wenig in Geduld üben und die Erfahrungen abwarten. Längerfristig ist das aber zu überlegen.

Es gibt urbane Brennpunkte mit vielen Migrantenkindern, z.B. entlang des Gürtels. Wie soll hier die soziale Durchmischung stattfinden?

Man muss den Schulen entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellen. Es geht auch um die Freiheit im Lehrplan. Wenn ich eine Schule habe, in der die Kinder schlecht lesen können, dann sollte ich den Unterricht flexibler gestalten können.

Das führt zu einer Benachteiligung von guten Schülern und dann zu einer Ghettobildung.

Das glaube ich nicht. Es gelingt rasch bei Schulen mit Imageproblem, sich in kurzer Zeit zu nachgefragten Paradeschulen zu entwickeln – obwohl der Zuwandereranteil dort bei 60 Prozent liegt. Das gelingt, weil es dort eben mehr Ressourcen gibt. Beispielsweise haben wir gerade im 15. Bezirk (ein Bezirk mit sehr hohem Migrantenanteil, Anm.) sehr beliebte und erfolgreiche Schulen.

Sollen künftig alle Lehrer vom Bund zum Land kommen?

Das ist eine Randdiskussion. Die Frage ist, welche Inhalte mit welchen Methoden und Ressourcen unterrichtet werden. Es wäre dringend notwendig, die Lehrpläne wieder zu entrümpeln.

Welche Lehrpläne sollen entrümpelt werden?

In erster Linie gibt es Schwerpunktsetzungen im Bereich der Grundkompetenzen. Der Ober- und Unterstufenbereich sollte auch stärker nach Interessen gegliedert werden. Das ist in Österreich schwierig. Wenn man sagt, man sollte beim Lateinunterricht etwas machen, schreit jeder auf.

Ist Latein noch zeitgemäß?

Aus meiner Sicht nicht. In den Schwerpunktsetzungen könnte man hier Verschiebungen machen.

Mehr in Richtung lebendige Sprachen?

Selbstverständlich. Ich glaube zwar, dass man Latein durchaus braucht, allerdings nicht unbedingt in diesem Umfang. Insgesamt geht es aber nicht um Latein: Man kann nicht immer mehr Forderungen an die Schule stellen, ohne zu sagen: Was gebe ich dafür auf? Es ist ja in der Vergangenheit der ganze EDV-Bereich dazugekommen. Es wird ja etwas geben, was man in den Schulen nicht mehr in diesem Ausmaß in den Mittelpunkt rücken muss.

Zur Person

Christian Oxonitsch ist seit März 2009 Stadtrat für Jugend, Bildung, Information und Sport. Der geborene Wiener arbeitete am Anfang seiner Karriere bei den Kinderfreunden, war danach Chef der SP-Jugendorganisation Rote Falken, SP-Bezirksrat in Michael Häupls Heimatbezirk Ottakring und Gemeinderat bzw. SP-Klubchef. Der Name Oxonitsch fällt auch immer wieder, wenn es um die Nachfolge von Michael Häupl geht. Derzeit werden ihm aber nur Außenseiterchancen für eine mögliche Häupl-Nachfolge eingeräumt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2011)

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