Replik auf Christian Rakos

Bäume wachsen nicht über Nacht

Vorsicht vor den Falschdarstellungen und Relativierungen der Biomasseindustrie.

Die Autorin:

Mary S. Booth, PhD ist Ökologin sowie Gründerin und Direktorin des 2010 in Massachusetts (USA) entstandenen Partnership for Policy Integrity. www.pfpi.net

In Sachen erneuerbare Energien hat die EU eine schmutzige Bilanz: Der größte Anteil entfällt auf die Verbrennung von Bäumen und anderer Waldbiomasse. Bei der Verbrennung von Holz wird mehr CO2 freigesetzt als bei der Verbrennung von Kohle. Die Bäume wachsen langsam nach und der freigesetzte Kohlenstoff wird erst nach Jahrzehnten wieder gebunden. Daher warnen viele unabhängige Wissenschaftler, dass die Verbrennung von Waldbiomasse das Erreichen der EU-Klimaziele erschwert.

In mehreren EU-Ländern drohen die Wälder wegen Abholzung und Holzverbrennung zu Netto-CO2-Quellen zu werden. In Österreich, Estland und Finnland (u. a.) ist dies bereits der Fall. Auch in Deutschland ging die Wald-Senke schon verloren.

Weil so viel Wald abgeholzt und verbrannt wird, diskutieren die politischen Entscheidungsträger der EU, die Anrechenbarkeit des Energieeinsatzes aus Waldbiomasse auf die EU-Erneuerbaren-Ziele einzuschränken.

Dieser Vorstoß bedroht die Milliarden an Subventionen, die aus öffentlichen Budgets an die Biomasseindustrie fließen. Das ist wohl eine Erklärung für den Kommentar von Christian Rakos vom Welt-Bioenergieverband („Die Presse“, 24.2.2023). – Sein Text enthält leider irreführende Behauptungen, die eine Richtigstellung erfordern.

Rakos wiederholt das unsachliche Argument, dass Holz-Verbrennung keine CO2-Emissionen verursacht, wenn die Forstwirtschaft nachhaltig ist – wenn die Holzernte den Zuwachs nicht übersteigt. Er behauptet, dass die 80.000 Kubikmeter Holz, die in Österreich täglich abgeholzt werden, schon am nächsten Tag wieder nachwachsen sollen.

Wenn etwas lächerlich klingt, ist es das wahrscheinlich auch: Bäume wachsen nicht über Nacht nach. Immer mehr Holz für Biomasse zu ernten, reduziert den in Wäldern gebundenen Kohlenstoff und steigert den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Der Bilanzierungsansatz von Rakos widerspricht internationalen Regeln: Das Waldwachstum in der Vergangenheit kann nicht als „Ausgleich“ für die CO2-Emissionen aus der heutigen Holzverbrennung angerechnet werden.

Die Abholzungen für Pellets nehmen zu. Auch in Rumänien, der Heimat letzter Urwälder. Rakos relativiert, in Rumänien wachse „mehr als doppelt so viel Holz“ nach wie geerntet wird. Die illegalen Abholzungen bleiben unerwähnt. Der reale Einschlag beträgt dort das Doppelte des "offiziell" genehmigten. „Fast die gesamte Pelletproduktion“ soll „aus Sägespänen“ stammen und die „betreffenden Unternehmen“ würden „peinlich genau darauf achten“, „dass kein Holz aus Naturschutzgebieten verarbeitet wird“, die nutzungsfrei sind. Unabhängige Recherchen (Berichterstattung in der „New York Times" und europäischen Medien) widerlegen das jedoch klar. Ebenso spielt Rakos die Waldzerstörung durch die Pelletindustrie in den USA herunter. 

Um das Publikum zu erschrecken, behauptet er schließlich, dass die Reform der Biomassepolitik die Energieversorgung gefährdet. Tatsächlich verlangt aber niemand, die Holzverbrennung zu verbieten. Vielmehr soll die Holzverbrennung nicht mehr zu den erneuerbaren Energien gezählt und die Subventionen für sie eingestellt werden.

Falsche Zahlen

Zwischen 2017 und 2022 betrugen die Biomasse-Subventionen in Österreich fast eine Milliarde Euro und 8,3 Milliarden Euro in Deutschland. Rakos kritisiert, dass eine Stiftung im gleichen Zeitraum 40 Millionen Euro (in Wahrheit die Hälfte davon – wir haben nachgeprüft) für NGOs zur Rettung von Wäldern und Klima bereitgestellt hat. Dass die Kohleindustrie die Biomasse-Verfeuerung massiv fördert, um ihre Kraftwerke weiter betreiben zu können – indem sie Waldbiomasse verbrennt und dafür Milliardensubventionen kassiert, verschweigt er. Ebenso, dass die private Holzverbrennung die größte Feinstaubquelle in der EU ist, die jedes Jahr hunderttausende Erkrankungen sowie Todesfälle verursacht.

Die unabhängige Wissenschaft sagt klar: Um eine katastrophale Klimaerhitzung zu verhindern, müssen wir die Wälder erhalten bzw. wiederherstellen und ihre Kohlenstoffaufnahme fördern. Abholzen von Wäldern und Holzverbrennen im großen Stil ist ein gefährlicher Irrweg.

Es bleibt zu hoffen, dass die politischen Entscheidungsträger die Wälder, die Gesundheit und das Klima an erste Stelle setzen - und in der Lage sind, die Fehlinformationen der Biomasseindustrie zu durchschauen. 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2023)

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