Gastkommentar

Feminismus? Geh bitte!

(c) Peter Kufner
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112 Jahre Internationaler Frauentag. Wie geht's Dir denn, lieber Feminismus? Ein Abgesang von Gertraud Klemm.

DIE AUTORIN

Gertraud Klemm (*1971) ist österreichische Autorin und Biologin. Soeben ist ihr neuer Roman „Einzeller“ bei Kremayr & Scheriau erschienen.

Bisschen alt geworden, seh' ich das richtig? Immerhin noch am Leben. Ist nicht selbstverständlich heutzutage; denken wir an Afghanistan. Aber dass Du noch strampeln kannst, wie im Iran, wird gern gesehen. Wir halten Dir da die Daumen, wie überall, vor allem: online!

Ein bisschen Strampeln würde bei uns ja auch guttun. Wir sehen ja, was herauskommt, wenn Du Dich ein paar Jahrzehnte ausrastest. Dann wachst Du plötzlich in den 1950ern wieder auf! Ein Aus für Schwangerschaftsabbruch in Polen und in den USA, und wer weiß, vielleicht auch bald in Italien und Ungarn: Die Zeiten waren schon einmal besser für Frauen in den wohlhabenden, demokratischen Speckgürteln dieser Erde. Wie konnte das so schnell passieren, trotz großer Proteste?

Aber hier bei uns ist ja alles in bester Ordnung. Hier kannst Du ruhig schlafen, finden die meisten Frauen. Die Männer sowieso. Ausgedient hast Du, Dich erübrigt. Schau nicht so gekränkt. Schau Dir doch einmal die Politik an! Keine Rede mehr von Dir, es sei denn, es ist Frauentag. Dann in Form von pflichtbewusstem Herunterleiern unverrückbarer Fakten: Gender-Pay-Gap, Gewalt, Femizide, Altersarmut... bla, bla... ups, und schon ist der 8.März wieder vorbei!

Wo sind die Kanzlerinnen?

Aber Rettung naht. Die jungen Frauen erheben sich jetzt über die Kategorie Geschlecht und sind non-binary. Es ist alles viel einfacher, als Du seit Jahrhunderten gedacht hast! Der Mensch ist mehr als seine/ihre Genitalien!

Kannst Du es ihnen verübeln? Die schauen Dir jetzt schon seit vier Generationen zu und denken sich: Das ist alles? Das nennt ihr Vermächtnis? Wo sind die Kanzlerinnen? Die Präsidentinnen? Päpstinnen? Wo ist die fette Kohle? Wer kriegt immer noch die Kinder umgehängt, wer putzt und kocht? Die denken sich: Ich bin raus und meine Pronomen sind they/them. Die wissen ja nicht, wie schwer sich fünftausend Jahre Patriarchat anhängen. Das verschweigt ihnen das Bildungssystem erfolgreich. Deswegen können Frauen seit jeher Glaubensbekenntnisse und Songtexte aufsagen, Flächen unter einer Kurve berechnen, und sie können sich immer um Äonen besser schminken als die Generation davor; aber was das ist, ein Patriarchat, oder warum es ihn immer noch braucht, den Feminismus, das lässt man sie das Leben lehren.

Nicht einmal auf den Unis bringt man ihnen die Grundkenntnisse bei! Die feministische Zeitrechnung beginnt dort 1990 mit dem „Unbehagen der Geschlechter“ von Judith Butler und ihrer Prämisse, dass Geschlecht ein Konstrukt ist. Vergiss die erste, zweite Welle, die Suffragetten, den Kampf um den straffreien Schwangerschaftsabbruch. Die ganze feministische Fossilienkunde wirdgespritzt.

Blöd, wenn einer die Biologie dann doch im Laufe eines Lebens in die Quere kommt: das Kinderkriegen, das Alleinerziehen, die Pflege, die Gewalt, die schlechtere Bezahlung, die Altersarmut. Einfach nicht totzukriegen, diese Biologie! Na ja. Hätten sie sich doch ein anderes Geschlecht ausgesucht, die Frauen!

Die Marke „Frau“ entsorgen

In akademischen Kreisen hat man das schon in „Personen mit Vulva“ umetikettiert. In anglikanischen Kliniken gebären jetzt die „Birthing bodies“, die „Menstruators“ und „Uterus havers“; und das Stillen übernehmen die „Chest feeders“. Wenn eine „Mother's milk“ zur „Human milk“ wird, muss ein Penis per se kein männliches Organ mehr sein. Auf Broschüren und Homepages in der Verwaltung und Pädagogik funktioniert die inklusive Sprache ganz wunderbar.

Was von der Restwürde der Frau übrig bleibt, wenn sie in gynäkologische Begrifflichkeiten zerlegt wird, fragst Du Dich? Das Kollektiv der inklusiven Flinta*s und weiblich gelesenen Personen ist eifrig dabei, die Marke „Frau“ zu entsorgen. Hat sich nicht bewährt – warum daran festhalten? Ein paar feministische Prinzipien von früher müssen gleich mit dran glauben: und was zu komplex ist, wird umetikettiert. Leihmutterschaft ist jetzt Selbstermächtigung, die Kritik an der Burka ist kolonialistisch, Prostitution heißt Sexarbeit, und Sexarbeit ist Arbeit.

Ob das alles nicht zu hinterfragen ist, meinst Du? Ob manches nicht gelebt oder zumindest durchdacht werden müsste, bevor es vollmundig behauptet und gepostet werden darf?

Nun, die sozialen Medien geben die Trends und Codes vor, mit denen sich das Individuum seine Identität auf- und abschminken kann; und in schmale Meinungskorridore passen nun einmal nur einfache Wahrheiten!

Was von einem Feminismus, der dann doch ganz schön schamlos mit dem Patriarchat kuschelt, übrig bleibt, ätzt Du jetzt? Ob wir ihn dann nicht gleich umetikettieren sollten? Auf „Andro- oder Globuli-Feminismus“? Oder „Wischiwaschi-Humanismus“? Jetzt werd' nicht zynisch!

Ich weiß schon, was Du denkst: Let Karma handle it. Dass sie schon noch draufkommen werden. Lass sie mal Kinder kriegen, sagst Du. Aber was, wenn sie das auslassen? So sieht es nämlich aus. Den Jungen vergeht gerade das Gebären. Nicht nur wegen der Klimakrise! Ist das nicht traurig? Ist das nicht auch ein feministisches Totalversagen?

Lass sie mal auf dem Arbeitsmarkt scheitern, sagst Du. Oder alt werden. Aber ist es dann nicht zu spät? Du zuckst mit den Achseln.

Immerhin haben wir #MeToo zusammengebracht, sagst Du lustlos, oder den Queerfeminismus.

Ja eh, aber ich frage Dich: Was kaufen wir uns von dem? Wie äußert sich der Erfolg in echten Zahlen? Was ist, abseits von Hashtags, passiert? Gab es eine Umverteilung von Macht? Geld? Du zeigst mit spitzen Fingern auf die „Töchter“ in der Bundeshymne. Ernsthaft? Du zuckst mit den Achseln. Demokratie, sagst Du. Ihr wollt bzw. wählt es nicht besser. Bei der Auswahl?

Undankbare Gfraster!

Tja. Es sieht so aus, als hättest Du Deine Töchter schlecht erzogen. Undankbare Gfraster! Sie haben sich von Dir füttern und wickeln lassen, aber jetzt finden Dich die einen eklig und unaussprechlich, die anderen rückständig und obsolet. Sie reden nicht mehr mit Dir, und auch nicht miteinander. Sie streiten, anstatt zu streiken. Sie posten, anstatt Parteien zu gründen.

Und, sagst Du, das ist jetzt alles meine Schuld? War da nicht noch wer? Was ist mit den Männern, die wir so dringend gebraucht hätten, um uns die Drecksarbeit gleichberechtigt zu teilen? Ein paar spielen vielleicht mit der Weiblichkeit – aber die Mehrheit der Prostata-havers und Penis-carriers legt sich weder Akronyme zu, noch streitet sie über das Wort Mann. Man macht sich ein Bierchen auf, wenn man der feministischen Apokalypse zuschaut.

Jetzt hab ich fast ein schlechtes Gewissen, weil wir Dich all die Jahre so im Stich gelassen haben. Du zeigst hinter Dich. Ich war ja nicht allein, sagst Du. Das Demokratieverständnis, die Solidarität und der Klassenkampf: Über die redet auch kein Schwein mehr. Haben auch schon ausgedient.

Vielleicht hilft umetikettieren?

E-Mails an:debatte@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2023)

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