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Aktienanalyse: Wissen, wie die Kurse weiterlaufen

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Wer weiß, wie die Branche „tickt“, hat im Umgang mit Analysen die besseren Karten. Am besten sei man dran, wenn man genau das Gegenteil von dem macht, was Analysten empfehlen.

Wien. Die Kollegen von der amerikanischen Finanznachrichtenagentur Bloomberg konnten ihre Häme kaum verbergen. Sie hatten für eine in der Vorwoche veröffentlichte Studie Aktienanalysen und tatsächlich Kursverläufe für die Aktien des amerikanische S&P 500-Index verglichen – und das Ergebnis so zusammengefasst: Am besten sei man dran, wenn man genau das Gegenteil von dem macht, was Analysten empfehlen.

Tatsächlich könnte man das Ergebnis der Studie so interpretieren. Seit dem Beginn der Börsenerholung in den USA im März 2009 haben die Aktien mit der höchsten Rate an Kaufempfehlungen im Schnitt nämlich um 73 Prozent zugelegt. Jene mit den wenigsten Kauf- und den meisten Verkaufsempfehlungen aber um 165 Prozent.

Aktienprofis sind darob wenig erstaunt: „Wenn 15 Analysten eine Aktie covern und alle 15 eine Kaufempfehlung geben, dann hat das Papier nicht mehr viel Performance vor sich“, sagt etwa der US-Fondsmanager Don Wordell von RidgeWorth Capital Management.

 

Wichtige Entscheidungshilfe

Die Schlussfolgerung der Amerikaner, Analystenempfehlungen seien eine „Kontraindikation“, und man mache am besten das exakte Gegenteil davon, dürfte freilich nicht ganz ernst gemeint sein. Denn Aktienanalysen sind eine wichtige Entscheidungshilfe beim Engagement auf den Märkten. Freilich nur, wenn man weiß, wie Analysten ticken und wie man mit ihren Studien richtig umgeht.

• Der Kardinalfehler ist, nur auf die Empfehlung („Kaufen“, „Halten“, „Verkaufen“) und eventuell noch auf das Kursziel zu schauen. „Kaufen“, heißt in Aktienanalysen nämlich nicht „Kaufen!“, sondern nur, dass sich die Aktie nach Meinung des Analysten deutlich besser als der Gesamtmarkt entwickeln wird. Ist der Gesamtmarkt negativ, dann heißt „besser als der Gesamtmarkt“ noch nicht viel.

• Analysten sind meist Angestellte von Banken oder Wertpapierhäusern. Die Wahrscheinlichkeit, dass zur analysierten Aktiengesellschaft eine Geschäftsbeziehung besteht, ist also vergleichsweise groß. Das nimmt – auch wenn die Unabhängigkeit und die Existenz von „chinesischen Mauern“ im Unternehmen noch so betont werden – den Biss. Tatsächlich ist auch in weniger guten Börsenzeiten die Zahl der Kaufempfehlungen in der Regel deutlich höher als die der Verkaufsempfehlungen.

•Wichtiger als der absolute Empfehlungsstatus („Kaufen“, „Halten“, „Verkaufen“) ist die Veränderung. Eine Rückstufung von „Kaufen“ auf „Halten“ kann den Kurs ins Schwimmen bringen, eine Hochstufung von „Verkaufen“ auf „Halten“ einen Kursanstieg bewirken. Es kommt eben immer drauf an, von welcher Seite man kommt.

• Wer sich bei einer Investitionsentscheidung nur auf die verbreiteten Kurzversionen (Empfehlung und Kursziel) verlässt, spielt aber jedenfalls Hasard: Aktien sind Unternehmensbeteiligungen. Und ein Unternehmen sollte man schon ordentlich ansehen, bevor man es – wenn als Privatanleger auch nur zu geringen Teilen – kauft.

Und hier kommt die wirkliche Qualität der Analysen ins Spiel. Analysten befassen sich intensiv mit den von ihnen betreuten Unternehmen, haben exzellenten Zugang zu Unternehmensinformationen samt der Einschätzungen, die das Management selbst für die Zukunft seines Unternehmens hegt.

Man bekommt mit der Analyse also eine erstklassige Datensammmlung, auf deren Basis sich bequem eigene Fundamentalanalyse betreiben lässt. Vorausgesetzt, man besorgt sich die Langform. Das sollte aber kein Problem sein: Bei österreichischen und wichtigen ausländischen Aktien hilft die Hausbank gern aus. Und das Internet entpuppt sich hier auch als erstklassige Informationsquelle.

Hat man die Langfassung, artet die Entscheidungsfindung freilich in Arbeit aus: Ein bisschen von Bilanzanalyse sollte man schon verstehen und ein bisschen über die funktionsweise der Märkte sollte man auch wissen, wenn man hier brauchbare Entscheidungen treffen will. Wer sich das nicht zumuten will oder kann, sollte von Einzelwerten eher die Finger lassen: Der ist – abgesehen von Zufallstreffern – eindeutig besser bedient, wenn er Fondsprofis für sich arbeiten lässt und einen Fonds zeichnet.

Ausgedehnte Fundamentalanalyse ist jedenfalls wichtig, wenn man sich langfristig auf dem Markt engagieren will. Trends kommen und gehen, aber der langfristige Erfolg ist davon bestimmt, wie gut das Unternehmen fundamental aufgestellt ist.

Je kurzfristiger man denkt, desto weniger wichtig wird freilich der fundamentale Ansatz. Wer seine Aktien nur ein paar Wochen oder Monate halten will, tut also gut daran, sich auch noch mit der technischen Analyse vertraut zu machen. Also mit Chartbildern umzugehen oder Trendfolgeinstrumente (wie etwa MACD, Bollingerband etc.) einzusetzen. Das zu lernen ist nicht schwer, Bücher mit leicht fasslichen Anleitungen zum Einsatz von „Trendfolgern“ füllen ganze Bibliotheken.

Je kürzer der Anlagehorizont, desto besser funktioniert die Arbeit mit solchen Trendfolgern. Im „Daytrading“ ist der fundamentale Zustand eines Unternehmens überhaupt bedeutungslos.

Die Unkenrufe, dass es nicht möglich sei, aus vergangenen Chartformationen künftige Kursentwicklungen abzuleiten, kann man ruhig vergessen: Börse funktioniert nach Angebot und Nachfrage. Und wenn genügend Akteure glauben, dass eine gewisse Chartformation bestimmte Handlungen auslöst – und danach ihre Dispositionen treffen –, dann wird das schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Mit Trendfolgern arbeiten jedenfalls viele große Fonds. Und der automatisierte Handel wäre „ohne“ gar nicht denkbar. Es funktioniert also.

Was Sie beachten sollten bei... Aktienempfehlungen

Tipp 1

Nicht wörtlich nehmen. „Kaufen“ heißt nicht unbedingt „Kaufen!“. Veränderungen (etwa eine Auf- oder Abstufung) sind für die kurzfristige Kursentwicklung wesentlich wichtiger als der absolute „Empfehlungsstatus“. Eine Aktie mit zu vielen Kaufempfehlungen hat statistisch gesehen meist wenig Potenzial.

Tipp 2

Vorsicht bei „Kaufempfehlung“. Analysten arbeiten häufig in Instituten, die Kundenbeziehungen zu den analysierten Unternehmen aufrechterhalten. Das nimmt den „Biss“, führt dazu, dass eine Kaufempfehlung leichter von der Hand geht als eine Verkaufsempfehlung, die unter Umständen Probleme mit einem Kunden beschert.

Tipp 3

Selbst analysieren. Aktienanalysen sind erstklassige Datensammlungen, auf deren Basis man seine Wunschkandidaten selbst genauer unter die Lupe nehmen sollte. Dabei sollten auch technische Analyseinstrumente eingesetzt werden. Vor allem, wenn der Anlagehorizont kürzer ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2011)