„Ohne Doping hätten wir immer noch dieselben Sieger“

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Der Sport- und Dopingmanager Stefan Matschiner spricht über sein autobiografisches Buch „Grenzwertig“, Bernhard Kohl, seinen Gerechtigkeitssinn und die völlige Freiheit von Reue und schlechtem Gewissen.

Die Presse: Sind Sie erleichtert, dass der Prozess, das Sport- und Dopingmanagement Vergangenheit sind?

Stefan Matschiner: Ein schönes Gefühl, das Buch in gebundener Form vor sich liegen zu haben. Eine Autobiografie ist die radikalste Form der Vergangenheitsbewältigung.

 

Wird das Buch den Sport reinigen?

Ich bin Realist. Nein. Ich wollte meine Geschichte aufarbeiten. Es soll auf keinen Fall bewirken, dass der Sportkonsument den Sport meidet. Er soll hinter die Kulissen schauen und manche Dinge anders sehen. Die Show vom alpinen Skisport bis zum Radfahren ist ja geil zum Anschauen.

 

Sie beschreiben, wie im Spitzensport getrickst wird. Warum haben Sie dabei geholfen?

Die Tricks beschränken sich ja nicht auf Doping. Wenn bei der Tour de France zwei Radfahrer einen Kilometer vor dem Ziel zehn Minuten Vorsprung haben: Wie oft machen sich die zwei oder die Teamchefs dahinter aus, wer die Etappe gewinnt? Kein Doping, aber trotzdem Betrug am Konsumenten. Tricks gibt's überall. Sylvester Stallone wird mit Wachstumshormonen erwischt, Pamela Anderson hat künstlich vergrößerte Brüste.

 

Sport macht angeblich zu einem besseren Menschen. Ihr Buch lässt daran Zweifel aufkommen.

Sport macht auch zu einem besseren Menschen. Das ist das Kulturgut Sport, das Kinder erzieht und soziale Muster lehrt. Hobbysport kann Wettkampf enthalten. Das hat aber mit der Illusion, die der Spitzensport suggeriert, nichts zu tun.

 

Aber Spitzensportler sind Vorbilder, mit denen sich Kinder und Erwachsene identifizieren.

Wer macht sie zu Vorbildern und Helden? Ist das richtig? Wollen wir das? Sind das Idole oder Götzen?

 

Sie beschreiben sie als Götzen, als bemitleidenswerte Figuren.

Das sind sie auch.

Und Sie hatten dabei nie ein schlechtes Gewissen?

Nein, denn es war meine freie Entscheidung. Ich habe auch heute kein schlechtes Gewissen, weil ich mit bestem Wissen und Gewissen behaupten kann, mir Gedanken über die Gesundheit der Sportler gemacht zu haben. Doping im Hochleistungssport heißt: Weniger ist mehr. Zu viele Hormonverschiebungen sind ein Schuss ins Knie. Deswegen muss ich die Frage auch von der ethisch-moralischen Seite her verneinen. Mit dem Wissen, niemanden von der Konkurrenz betrogen zu haben. Weil alle die gleichen Mittel zur Verfügung haben. Würden wir das Doping zu 100 Prozent aus dem Spitzensport eliminieren, wir hätten immer noch dieselben Sieger. Genauso wie die völlige Freigabe des Dopings ein Wahnsinn wäre.

Aber Sie haben mitgeholfen, dass die Sportler unter Vorgabe falscher Tatsachen wettkämpften. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Ich habe kein schlechtes Gewissen, und ich habe die Konsequenz gezogen. Es wäre möglich gewesen, einen Tag nach der U-Haft meine Geschäfte wieder aufzunehmen. Natürlich unter erschwerten Bedingungen. Ich wollte jedoch nicht mehr Teil des Systems sein, ich bin sicher, dass mein Platz von jemandem ausgefüllt wird.

Wenigstens ein wenig Reue im Nachhinein?

Ich empfinde keine Reue. Das hat mir auch die Richterin vorgeworfen. Weil ich weiß, dass ich einigen wenigen Sportlern geholfen habe, ähnliche oder die gleichen Mittel zur Verfügung zu haben wie ihre Konkurrenten.

Wenn man Ihre Argumentation extrapoliert, müsste man doch zur Herstellung der Chancengleichheit für österreichische Sportler im Spitzensport ein ärztlich und politisch überwachtes, staatlich oder privat finanziertes Dopingsystem einrichten?

Die Systeme auf der Welt sind unterschiedlich. In Österreich gibt es kein staatlich finanziertes Doping.

Aber vielleicht ein geduldetes?

Ein geduldetes System gibt es sicher. Die Funktionäre wissen, was die Sportler machen, wenn auch oft nur aus zweiter Hand. Diese Vogel-Strauß-Politik ist grauslich. Für Dulden und Wegschauen kann man jedoch niemanden zur Verantwortung ziehen. Aber wie soll man sonst auf internationaler Ebene Medaillen gewinnen? Unsere Politiker lassen sich mit den Götzen oder Idolen ablichten. Idole sind ja auch ein Wirtschaftsfaktor.

Sie meinen, dass der Anti-Doping-Kampf nicht ernsthaft betrieben wird?

Dieser Kampf wird nicht ernsthaft betrieben. Wenn man den stinkenden Fisch wirklich säubern wollte, müsste man am Kopf anfangen. Mit Richtern und Anwälten, die nicht aus dem Sport kommen, ein einschlägiges Interesse, aber keine einschlägige Vergangenheit haben.

Ist das Problem die Gewaltentrennung?

In der Nada ist der Vorsitzende der Rechtskommission, Gernot Schaar, auch Geschäftsführer der Österreich-Radrundfahrt und ein Vertreter des Radsportverbandes. Ist da nicht ein Interessenskonflikt vorhanden? Die Gewaltentrennung ist nicht vorhanden, aber das läuft in Deutschland auch so.

Doping macht nur Sinn, wenn man ordentlich trainiert. Ist Österreich wettbewerbsfähig?

In Teilbereichen sicher. Ich habe zum Glück einen Trainer gehabt, der sich fortbilden wollte. Mit Geld kann man nicht alles machen, doch manchmal fehlt es auch daran. Im Leichtathletikverband gibt es gerade zwei Halbtagsjobs. So geht das nicht.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sind viele wissende Trainer aus der DDR und anderen Staaten nach Österreich gekommen. Der wegen Dopings an Kindern verurteilte Ex-DDR-Trainer Bernd Pansold macht bei Red Bull Diagnostik und Steuerung des Trainings. Halten Sie das für sinnvoll?

Walter Mayer hat das gut ausgedrückt: Hätte es in den 1970ern und 1980ern einen dopingfreien Sport gegeben, hätte die DDR noch viel mehr Medaillen gewonnen. Im Westen hatten sie die besseren Dopingmittel. Aber die Trainingssystematik in der DDR ist bis heute unerreicht. Teilweise sicherlich auch mit ethisch zweifelhaften Methoden, wenn man zum Beispiel in den Zweit- und Drittkadern experimentiert oder Kinder verheizt hat. Die Leute gehören eingesperrt. Bevor sie 1986 das Höhentrainingszentrum in Bulgarien gebaut haben, wurden die Energielinien auf der Erde erforscht. Mein letzter Trainer Helmut Stechemesser hat 700 Muskelbiopsien selbst durchgeführt. Und er war nur einer von vielen. Pansold war ein Fachmann für Höhentrainingslager. Er hat sich in der Vergangenheit mitschuldig gemacht, er wurde auch verurteilt. Vielleicht sollte er öffentlich sagen, was zu verurteilen ist. Aber deshalb sein ganzes Wissen wegzuschmeißen finde ich auch nicht richtig. Warum soll ein Unternehmen wie Red Bull nicht die positiven Fähigkeiten Pansolds nützen?

Haben Sie das Gefühl, dass die Ermittlungen gegen Sie unvoreingenommen geführt wurden?

Sportminister Norbert Darabos hat offenbar nicht gewusst, in welches Wespennest er mit der Soko Doping sticht. Die Beamten haben den Riesenfehler gemacht, nur fünf Wochen lang zu observieren, Wenn sie sich dafür ein Jahr Zeit gelassen und das System kennengelernt hätten, wären sie zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Alle Sportler, die mit Doping zu tun gehabt haben, haben falsch ausgesagt.

Sie haben böse Dinge gemacht. Suchen Sie ein neues Selbstverständnis?

Ich bin kein böser Mensch. In dem Geschäft, das ich betrieben habe, muss man ein von Grund auf ehrlicher Mensch sein. Alles basiert auf Vertrauen. In diesem geschlossenen Kreis redet jeder ehrlich über das Vorhandene.

Sie beschreiben doch die Unehrlichkeit mehrfach. Bernhard Kohl hat hinter Ihrem Rücken zusätzlich Cera genommen, das hat ihn die Karriere gekostet.

Das stimmt. Aber meine Ansprüche an zwischenmenschliche und geschäftliche Beziehungen sind hoch, ich ziehe niemanden über den Tisch. Außerdem habe ich die Materie studiert: Was passiert, wenn einer hart trainiert und nicht unterstützt? Ist es manchmal sogar gesünder, wenn man minimal unterstützt?

Chronologie: Aus einem Leichtathleten wurde ein verurteilter Dopingdealer

2003: Stefan Matschiner (*14. 5. 1975) gründet mit Manfred Kiesl, in dessen Wohnhaus 1997 Dopingmittel beschlagnahmt wurden, die Agentur „International Sports Agency“.

18. 2. 2006:Matschiner weilt auf Einladung von Walter Mayer als „Privatperson“ bei den Winterspielen in Turin und erlebt die Razzia in den Privatquartieren „live“ mit.

25. 7. 2007: Matschiners Schützling Michael Rasmussen steigt bei der Tour de France aus, er wird 2008 wegen verpasster Dopingproben gesperrt.

9. 5. 2008: Mit Lisa Hütthaler wird eine Kundin Matschiners positiv auf EPO getestet. Im Juli wird Simon Vroemen (NED) überführt.

11. 8. 2008: Das neue Anti-Doping-Gesetz tritt in Kraft.

11. 10. 2008: Radprofi Bernhard Kohl wird des Dopings überführt.

Jänner 2009: Die „Soko Doping“ ermittelt gegen Matschiner.

27. 3. 2009: Hütthaler nennt ihn in ihrem Dopinggeständnis als EPO-Dealer und Blutdoping-Betreiber.

31. 3. 2009:Matschiner wird verhaftet und bleibt bis 7. Mai in U-Haft. Bernhard Kohl belastet ihn fortan schwer – er habe ihm EPO, Hormone und Insulin besorgt sowie Blutdoping durchgeführt. Der letzte Bluttransfer habe im September 2008 stattgefunden – in einer Zeit, für die das neue Anti-Doping-Gesetz gilt.

10. 6. 2010: Matschiner muss sich vor Gericht verantworten. Die Wiener Staatsanwaltschaft wirft dem Oberösterreicher Blutdoping im Sinne des §22a Anti-Doping-Gesetz und den Verstoß gegen § 84 Arzneimittelgesetz vor.

11. 10. 2010:Matschiner wird schuldig gesprochen, von 15 Monaten Haft wurde aber nur eines unbedingt verhängt. Die U-Haft wird auf die Strafe angerechnet, er muss nicht mehr ins Gefängnis.

12. 10. 2010:Matschiner bestätigt seinen Rückzug aus der Sportszene und kündigt ein Enthüllungsbuch an. Nebenbei arbeitet er als Kellner und plant eine Champignonzucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2011)