Nazi-Gegner und Antisemit. Vor 70 Jahren ist er gestorben. In seiner Biografie spiegelt sich der Krampf der Republik mit ihrer Geschichte.
Freitag, 9. Februar 1934. In der Provinz marschiert die Heimwehr, in Wien durchwühlt die Polizei die sozialdemokratische Parteizentrale. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Im Wiener Gemeinderat geht es um eine eher nebensächliche finanzpolitische Angelegenheit. Schließlich ergreift Leopold Kunschak, der Sprecher der christlichsozialen Opposition, das Wort. Er streift kurz das Thema der Sitzung und geht dann auf die überaus bedenkliche allgemeine Lage ein. Und welche Überraschung! Der eiserne Christlichsoziale Kunschak spricht sich ohne Wenn und Aber für eine Weggemeinschaft mit den Sozialdemokraten gegen den Nationalsozialismus aus. Angesichts dieser Bedrohung müsse alles bisher Trennende zurückstehen. Man werde daher heute „Schulter an Schulter mit jenen stimmen, von denen uns sonst eine Welt trennt“.
Der Autor
Kurt Bauer (* 1961) ist Historiker und Buchautor. Zuletzt erschienen: „Der Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen“ (Böhlau-Verlag 2019).
Kunschaks Appell verhallte ungehört. Von einer Zusammenarbeit der großen Lagerparteien gegen Hitler konnte keine Rede mehr sein. Schon drei Tage später brach – vom Dollfuß-Regime bewusst provoziert – der ebenso verzweifelte wie sinnlose Februar-Aufstand aus. Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten, der Weg war frei zur Beseitigung der letzten Reste der ersten österreichischen Demokratie.