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Geld für arme Länder: China vor Weltbank

Geld fuer arme Laender
(c) Wodicka (Wodicka)
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Peking vergibt bereits mehr Kredite an Schwellenländer. Der Westen ist alarmiert: Peking könnte die Kontrolle über die Rohstoffmärkte gewinnen, wie es bei den "Seltenen Erden" bereits geschehen ist.

Wien. Zehn Milliarden Dollar – das ist, in globalen Größenordnungen, nicht die Welt. Aber es kann ein starkes Zeichen dafür sein, dass sich der Lauf der Welt verändert – wenn nämlich chinesische Banken in den letzten beiden Jahren um diesen Betrag mehr Kredite an andere Schwellen- und Entwicklungsländer vergeben haben als die Weltbank in Washington. China läutet damit eine neue Periode der Globalisierung ein, die auf der Südhalbkugel stattfindet und in der Peking den Takt vorgibt.

Kredite um 100,3 Mrd. hat die Weltbank zwischen Mitte 2008 bis Mitte 2010 an ärmere Staaten in Afrika, Lateinamerika und Asien vergeben – eine Rekordsumme als Reaktion auf die globale Krise. Vor nicht langer Zeit war noch China selbst einer der größten Kreditnehmer der internationalen Institution unter amerikanischer Dominanz.

Das ist passé: Mit in Summe mindestens 110 Mrd. Dollar haben Institute wie die Chinesische Entwicklungsbank und die Chinesische Export-Import-Bank die Rolle des größten Geldgebers für aufstrebende Märkte übernommen.

 

Geld gegen Rohstoffe

Anders als die Zahlen der Weltbank ist die Summe für China nicht offiziell. Die „Financial Times“ hat sie aus einzelnen Ankündigungen der Banken, der Empfänger und der Regierung in Peking zusammengezählt; die tatsächliche Zahl dürfte also noch um einiges höher liegen.

Anders als der Weltbank geht es Peking nicht um Entwicklungshilfe. Wichtigstes Ziel ist der bevorzugte Zugang zu Rohstoffen, allen voran Öl. Mit Russland, Venezuela und Brasilien wurde ganz konkret „Geld gegen Öl“ paktiert: Die Gegenleistung für die Kredite sind langfristige Liefervereinbarungen. Pipelines nach Kasachstan und Burma stehen ebenso auf der Liste der finanzierten wie Infrastruktur-Projekte mit dem ölreichen Ghana oder der Soja-Hochburg Argentinien. Zudem will China – als Lehre aus der Finanzkrise – seine Handelsbasis erweitern und damit die Abhängigkeit von den verschuldeten US-Konsumenten verringern. Mit Erfolg: Etwa die Hälfte von Chinas Exporten entfällt bereits auf die „Süd-Süd-Kooperation“.

Und schließlich soll auch der Yuan als alternative Leitwährung in Stellung gebracht werden. Vor allem bei den asiatischen Nachbarn, aber nicht nur dort: So notierte auch die Hälfte eines 20-Milliarden-Darlehens an Venezuela in Yuan. Kaufen können sich die Südamerikaner damit freilich nur Waren und Ausstattung aus China.

 

Neue Form der Globalisierung

Der Westen ist aus gutem Grund alarmiert: In den letzten Jahrzehnten fand der Prozess der Globalisierung nach den Spielregeln der USA statt. Auch China will die Integration des Welthandels beschleunigen, aber nach eigenen Regeln.

Die Geostrategen in Europa und Amerika fürchten, dass Peking durch seine neue Form des Kolonialismus die Kontrolle über die Rohstoffmärkte gewinnt – was bei den „Seltenen Erden“, den Rohstoffen für viele Hightech-Produkte, bereits geschehen ist.

Für die Entwicklungsländer selbst steht noch mehr auf dem Spiel: die Entwicklung zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Weltbank bindet ihre Kreditzusagen an das politische Wohlverhalten der Empfängerländer. Den Staatskapitalisten aus Peking hingegen ist für die Erreichung ihrer strategischen Ziele so ziemlich jeder Partner recht – von afrikanischen Diktatoren, wie etwa im Sudan, bis zu erklärten Feinden der US-„Imperialisten“ wie Venezuelas Hugo Chávez. Gefordert werden nur wirtschaftliche Reformen zum Schutz der Investoren.

Gerade deshalb wird die ausgestreckte Hand aus dem Reich der Mitte vor allem in Afrika so gerne ergriffen: Nicht nur die finanziellen Konditionen sind oft besser als bei der Weltbank, auch die lästigen Vorgaben von freien Wahlen bis zur Korruptionsbekämpfung fallen weg.

Auch stärkere Schwellenländer schlagen ein, fürchten aber, vom Drachen erdrückt zu werden. Indien beklagt den künstlich schwachen Yuan, der unfaire Voraussetzungen im Handel schaffe. Und Brasiliens neue Präsidentin Dilma Rousseff hat Gespräche mit China über die künftige Handels- und Währungspolitik an die Spitze ihrer Agenda gesetzt. Auch sie will wissen, wohin die Reise für die Schwellen- und Entwicklungsländer geht. Dass Peking dabei immer öfter die Richtung vorgibt, ist nicht mehr zu leugnen.

Auf einen Blick

China hat in den Jahren 2008 und 2009 mit 110 Mrd. Dollar erstmals mehr Kredite an Schwellen- und Entwicklungsländer vergeben als die Weltbank. Beobachter werten das als Zeichen einer wachsenden wirtschaftlichen Dominanz Pekings auf der Südhalbkugel. Ziel ist die Kontrolle der Rohstoffmärkte und weniger Abhängigkeit von den USA. Die Weltbank bindet ihre Geldvergabe an politische, soziale und ökologische Vorgaben – und macht sich damit in Afrika und Südamerika unbeliebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2011)