Golden Globes: Ein Brite hat Hollywood verhöhnt

(c) AP (Paul Drinkwater)
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Ricky Gervais hat mit seinen Gags, die teilweise unter die Gürtellinie gingen, eine Debatte losgetreten. Gervais' Humor an der Grenze zur Geschmacklosigkeit löste einen kleinen Skandal aus.

Hollywood gibt immer wieder Rätsel auf. Nirgendwo werden Preisverleihungen akribischer organisiert als im Herzen der US-Filmindustrie. Und dennoch kann ein britischer Komiker hereinspazieren, ein paar Witze machen, die von der Masse als „politisch unkorrekt“ eingestuft werden – und einen Skandal auslösen.

Fünf Minuten und 20 Sekunden – so lange dauerte Ricky Gervais' Begrüßungsmoderation bei der Golden-Globe-Verleihung am Sonntag. Das reichte für eine Handvoll Witze, die seit Montagfrüh von US-Medien wieder und wieder aufgewärmt werden. Schon der erste Satz war brisant: „Es wird eine Partynacht mit viel Alkohol – Charlie Sheen würde ,Frühstück‘ dazu sagen.“ Da lachten die Gäste noch. Dann erklärte er, warum der Film „I Love You Philip Morris“ nicht nominiert worden sei: „Da spielen zwei Heterosexuelle – Jim Carrey und Ewan McGregor – zwei Schwule. Das ist gewissermaßen das Gegenteil zu einigen berühmten Scientologen.“ Das Publikum reagierte mit einem pikierten „Ooohhh“. Worauf Gervais nachlegte: „Meine Anwälte haben mir bei der Formulierung dieses Witzes geholfen.“

Unappetitliche Tipps für Hugh Hefners Frau

Im Weiteren verging einigen Gästen das Lachen. Der Sängerin Cher etwa: „Wollen Sie Cher sehen? Nein. Wieso nicht? Weil nicht 1975 ist.“ Oder dem 84-jährigen „Playboy“-Gründer Hugh Hefner. Ihm gab Gervais den Spitznamen „Walking Dead“ (so heißt eine TV-Serie über Untote) und dessen neuer Verlobter einschlägige Tipps fürs Liebesleben. Auf diesen Gag bezog sich die „Chicago Sun-Times“, als sie schrieb: „Ricky too icky for Globes“ („Ricky zu eklig für die Globes“).



Die Veranstalter hatten mit anderen Sagern ihre Probleme. Etwa damit: Es stimme gar nicht, dass „The Tourist“ nur als beste Komödie nominiert worden sei, damit Depp und Jolie zur Verleihung kommen: „Sie haben sich auch bestechen lassen. Sie bekamen Gratiskarten für ein Cher-Konzert.“ Gervais spielte damit auf Gerüchte über angebliche Bestechlichkeit der Mitglieder der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) an, die die Golden Globes vergibt. Auch der Chef der Association, Philip Berk, wurde zur Zielscheibe: „Ich musste ihm gerade vom Klo helfen und seine Zähne reinstopfen.“ Eine Anspielung auf das oft hohe Alter der HFPA-Mitglieder.

Berk reagierte im „Hollywood Reporter“: „Gervais hat die Grenze überschritten. Einige Dinge waren völlig inakzeptabel.“ Schon während der Show kam der Verdacht auf, die Veranstalter hätten Gervais abgezogen, da er gut eine Stunde nicht mehr zu sehen war. Ein Poster fragte in einem Forum: „Haben sie ihn erschossen?“ Auch wenn Berk abstritt, dass er Gervais während der Show zurechtgewiesen habe, war spürbar, dass dieser nach der „Pause“ sanfter moderierte. Hat die Association ihm doch einen „Maulkorb“ verpasst?

Gervais ist ein Brite: Das sehen manche Amerikaner als Entschuldigung für seine Entgleisungen, manche just nicht. Und manche fragen: Haben Briten – siehe Monty Python – einen laxeren Umgang mit Humor an der Grenze zur Geschmacklosigkeit?

Viele Kommentatoren freilich lassen sich gar nicht auf eine Debatte darüber ein, ob diese Art Humor „politisch korrekt“ sei. Die Show sei einfach „lahm und kriecherisch“ gewesen, schrieb die „Washington Post“. Der britische „Independent“ meinte, es sei eine „Nacht zum Vergessen“ für Gervais gewesen. Ganz konträr die „Süddeutsche“: „Das Beste an der Verleihung war der Moderator.“

„Ich hätte einen Fehler gemacht, wenn sie mich noch einmal engagieren“, hatte Gervais schon 2010 gesagt. Schwer vorstellbar, dass er ein drittes Mal die Globes moderieren wird. Immerhin erfüllte sich die (scherzhafte) Prognose von Filmproduzent Harvey Weinstein nicht: „Er wird es nicht aus der Stadt schaffen heute Nacht. Wir haben sieben Leute engagiert, die ihn töten sollen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2011)


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