Ricky Gervais hat mit seinen Gags, die teilweise unter die Gürtellinie gingen, eine Debatte losgetreten. Gervais' Humor an der Grenze zur Geschmacklosigkeit löste einen kleinen Skandal aus.
Hollywood gibt immer wieder Rätsel auf. Nirgendwo werden Preisverleihungen akribischer organisiert als im Herzen der US-Filmindustrie. Und dennoch kann ein britischer Komiker hereinspazieren, ein paar Witze machen, die von der Masse als „politisch unkorrekt“ eingestuft werden – und einen Skandal auslösen.
Fünf Minuten und 20 Sekunden – so lange dauerte Ricky Gervais' Begrüßungsmoderation bei der Golden-Globe-Verleihung am Sonntag. Das reichte für eine Handvoll Witze, die seit Montagfrüh von US-Medien wieder und wieder aufgewärmt werden. Schon der erste Satz war brisant: „Es wird eine Partynacht mit viel Alkohol – Charlie Sheen würde ,Frühstück‘ dazu sagen.“ Da lachten die Gäste noch. Dann erklärte er, warum der Film „I Love You Philip Morris“ nicht nominiert worden sei: „Da spielen zwei Heterosexuelle – Jim Carrey und Ewan McGregor – zwei Schwule. Das ist gewissermaßen das Gegenteil zu einigen berühmten Scientologen.“ Das Publikum reagierte mit einem pikierten „Ooohhh“. Worauf Gervais nachlegte: „Meine Anwälte haben mir bei der Formulierung dieses Witzes geholfen.“
Unappetitliche Tipps für Hugh Hefners Frau
Im Weiteren verging einigen Gästen das Lachen. Der Sängerin Cher etwa: „Wollen Sie Cher sehen? Nein. Wieso nicht? Weil nicht 1975 ist.“ Oder dem 84-jährigen „Playboy“-Gründer Hugh Hefner. Ihm gab Gervais den Spitznamen „Walking Dead“ (so heißt eine TV-Serie über Untote) und dessen neuer Verlobter einschlägige Tipps fürs Liebesleben. Auf diesen Gag bezog sich die „Chicago Sun-Times“, als sie schrieb: „Ricky too icky for Globes“ („Ricky zu eklig für die Globes“).
So sieht ein Gewinner aus: Regisseur David Fincher räumte mit "The Social Network" bei den diesjährigen Golden Globes ab. Der Film erhielt in der Nacht auf Montag in Beverly Hills vier der begehrten Auszeichnungen, darunter in den wichtigen Kategorien Bester Film in der Sparte Drama und Beste Regie. Der Golden Globe gilt als Vorbote des Oscars. Der von Hollywoods Auslandspresse vergebene Preis unterscheidet aber immer zwischen Drama und Komödie bzw. Musical. (c) REUTERS (HO)
Der große Favorit ging beinahe leer aus: "King's Speech" ging mit sieben Nominierungen in die Verleihung. Immerhin: Colin Firth erhielt die Trophäe für den Besten Drama-Schauspieler. Er verkörpert in dem Film den stotternden britischen König George VI. Geoffrey Rush spielt darin seinen Sprechtrainer. (c) AP (Laurie Sparham)
Die Trophäe in der Kategorie der Besten Drama-Schauspielerin ging erwartungsgemäß an Natalie Portman, die heuer ihr erstes Kind erwartet: Sie spielt in dem Ballett-Thriller "Black Swan" eine psychisch labile Ballerina. (c) AP (Paul Drinkwater)
Als Beste Komödie wurde "The Kids Are All Right" über Familie mit zwei lesbischen Müttern, deren Kinder sich auf die Suche nach ihrem biologischen Vater machen. (c) AP (Suzanne Tenner)
Annette Bening, die eine der Mütter in "The Kids Are All Right" spielt, erhielt den Golden Globe für die Beste Komödien-Darstellerin. (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)
In der Kategorie Komödie/Musical ging der Golden Globe an Paul Giamatti für "Barney's Version". Er spielt darin einem Produzenten seichter TV-Produktionen, der sein Leben Revue passieren lässt. (c) AP (Paul Drinkwater)
Der Boxfilm "The Fighter", die Geschichte des Boxers "Irish" Micky Ward (Mark Wahlberg) und seines Bruders Dicky Eklund (Christian Bale), bescherte Christian Bale und ... (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)
... Melissa Leo Golden Globes als Beste Nebendarsteller. (c) AP (Paul Drinkwater)
Zum Besten fremdsprachigen Film kürte der Verband der Auslandskorrespondenten in Hollywood den dänischen Streifen "In A Better World", worüber sich Regisseurin Susanne Bier sichtlich freute. (c) AP (Mark J. Terrill)
Der Preis für die Beste Comedy-Serie ging an "Glee". Die Serie über einen Highschool-Chor, die am 17. Jänner im deutschen Fernsehen startet, wurde mehrfach prämiert: (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)
Chris Colfer, der einen homosexuellen Schüler spielt, wurde als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Und die ... (c) AP (Chris Pizzello)
... Komödiantin Jane Lynch, die in "Glee" die Trainerin einer Cheerleader-Mannschaft verkörpert, wurde zur Besten Nebendarstellerin gewählt. (c) AP (Paul Drinkwater)
Freuen durfte sich auch Jim Parsons, der als schräger, neurotischer Physiker in der Serie "The Big Bang Theory" erfolgreich ist: Er wurde als Bester Hauptdarsteller in einer Comedy-Serie ausgezeichnet. (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)
Vier Versuche hat's gebraucht: Schauspielerin Katey Sagal erhielt eine der begehrten goldenen Weltkugeln für die Serie "Sons of Anarchy" über einen Motorrad-Club. Für die Comedy-Serie "Eine schrecklich nette Familie" war sie im Laufe ihrer Karriere vier Mal nominiert, ging aber immer leer aus. (c) AP (Chris Pizzello)
Robert DeNiro wurde mit dem Cecil B. DeMille Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der 67-Jährige blieb locker: Offensichtlich habe man seinen letzten Film ("Meine Frau, unsere Kinder und ich") noch nicht gesehen, als ihm die Ehre zugedacht wurde, mutmaßte ein gut gelaunter De Niro. (c) AP (Mark J. Terrill)
Zum Besten Animationsfilm wählte der Verband der Auslandskorrespondenten in Hollywood "Toy Story 3". Cutter Lee Unkrich holte die goldene Weltkugel ab. (c) AP (Paul Drinkwater)
Claire Danes spielte die autistische Wissenschaftlerin Temple Grandin in einem gleichnamigen TV-Mehrteiler und erhielt den Preis für die Beste Hauptrolle in einer Mini-Serie. (c) EPA (PAUL BUCK)
Zahl geworden scheint Nine-Inch-Nails-Frontmann Trent Reznor (rechts). Der Industrial-Pionier wurde gemeinsam mit Atticus Ross für die Filmmusik in "The Social Network" ausgezeichnet. (c) AP (Mark J. Terrill)
Johnny Depp war doppelt nominiert und ging trotzdem mit leeren Händen nach Hause. Er ging mit "Alice im Wunderland" und "The Tourist" ins Rennen. Dass Florian Henckel Donnersmarcks Film mit Depp und Angelina Jolie überhaupt nominiert war, verwunderte nicht wenige. Denn von der Kritik wurde er vernichtet. (c) Peter Mountain
Glamouröse Gala: Sandra Bullock übergab eine der Statuetten, ebenso wie ... (c) AP (Paul Drinkwater)
... die Jungstars Robert Pattinson und Olivia Wilde. (c) AP (Paul Drinkwater)
Leer ausgegangen ist Österreich: Österreichs zwei Einreichungen, "La Pivellina" von Rainer Frimmel und Tizza Covi und "Atem des Himmels" von Reinhold Bilgeri, wurden nicht nominiert. Auch "Die Säulen der Erde", die Verfilmung von Ken Folletts Bestseller unter ORF-Beteiligung, wurde nicht ausgezeichnet. (c) ORF (Egon Endrenyi)
Vier neue Freunde für ''The Social Network''
Die Veranstalter hatten mit anderen Sagern ihre Probleme. Etwa damit: Es stimme gar nicht, dass „The Tourist“ nur als beste Komödie nominiert worden sei, damit Depp und Jolie zur Verleihung kommen: „Sie haben sich auch bestechen lassen. Sie bekamen Gratiskarten für ein Cher-Konzert.“ Gervais spielte damit auf Gerüchte über angebliche Bestechlichkeit der Mitglieder der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) an, die die Golden Globes vergibt. Auch der Chef der Association, Philip Berk, wurde zur Zielscheibe: „Ich musste ihm gerade vom Klo helfen und seine Zähne reinstopfen.“ Eine Anspielung auf das oft hohe Alter der HFPA-Mitglieder.
Berk reagierte im „Hollywood Reporter“: „Gervais hat die Grenze überschritten. Einige Dinge waren völlig inakzeptabel.“ Schon während der Show kam der Verdacht auf, die Veranstalter hätten Gervais abgezogen, da er gut eine Stunde nicht mehr zu sehen war. Ein Poster fragte in einem Forum: „Haben sie ihn erschossen?“ Auch wenn Berk abstritt, dass er Gervais während der Show zurechtgewiesen habe, war spürbar, dass dieser nach der „Pause“ sanfter moderierte. Hat die Association ihm doch einen „Maulkorb“ verpasst?
Gervais ist ein Brite: Das sehen manche Amerikaner als Entschuldigung für seine Entgleisungen, manche just nicht. Und manche fragen: Haben Briten – siehe Monty Python – einen laxeren Umgang mit Humor an der Grenze zur Geschmacklosigkeit?
Viele Kommentatoren freilich lassen sich gar nicht auf eine Debatte darüber ein, ob diese Art Humor „politisch korrekt“ sei. Die Show sei einfach „lahm und kriecherisch“ gewesen, schrieb die „Washington Post“. Der britische „Independent“ meinte, es sei eine „Nacht zum Vergessen“ für Gervais gewesen. Ganz konträr die „Süddeutsche“: „Das Beste an der Verleihung war der Moderator.“
„Ich hätte einen Fehler gemacht, wenn sie mich noch einmal engagieren“, hatte Gervais schon 2010 gesagt. Schwer vorstellbar, dass er ein drittes Mal die Globes moderieren wird. Immerhin erfüllte sich die (scherzhafte) Prognose von Filmproduzent Harvey Weinstein nicht: „Er wird es nicht aus der Stadt schaffen heute Nacht. Wir haben sieben Leute engagiert, die ihn töten sollen.“
Der britische Comedian Ricky Gervais machte sich als Moderator der "Golden Globes" 2011 bitterböse über halb Hollywood lustig. Seine härtesten Witze: "Es wird eine Nacht des wilden Feierns und heftigen Trinkens", versprach der 49-Jährige gleich zu Beginn seines Rundumschlags. "Oder wie Charlie Sheen es nennen würde: Frühstück." (c) REUTERS (HO)
Das war nicht alles, was Gervais über Charlie Sheen zu sagen hatte: "Halten wir mal fest, was er tatsächlich getan hat: Er hat einen Pornostar aufgerissen, sie dafür bezahlt, mit ihm essen zu gehen, sie seiner Ex-Frau vorgestellt - wie man es eben macht. Sie sind in ein Hotel gegangen, haben sich betrunken und ausgezogen. Er hat das Zimmer verwüstet, während sie in einem Schrank eingesperrt war. Und das alles an einem Montag. Was macht der Typ zu Sylvester?" (c) AP (Ed Andrieski)
Gervais zu den Darstellerinnen aus ''Sex and the City 2'' "Viele große Filme wurden nicht nominiert. Keine Nominierung für 'Sex and the City 2'. Ich war mir sicher, der Golden Globe für Spezialeffekte würde an das Team gehen, das das Poster bearbeitet hat. Mädels, wir wissen, wie alt ihr seid. Ich habe eine von euch in einer Folge von 'Bonanza' gesehen." (c) EPA (MIKE NELSON)
"Wenn wir schon über 'The Walking Dead' (eine neue US-Serie, Anm.) sprechen: Ich gratuliere Hugh Hefner, der mit 84 Jahren die 24-jährige Schönheit Crystal Harris heiraten wird. Als man sie fragte, wieso sie ihn heiratet, sagte sie: 'Er hat mich über sein Alter belogen. Ich dachte, er wäre 94.' Bleib ruhig. Nur schau's dir nicht an, während du's anfasst." (c) AP (Matt Sayles)
Dann erklärte er, warum der Film "I Love You Philip Morris" nicht nominiert worden sei: "Da spielen zwei Heterosexuelle – Jim Carrey und Ewan McGregor – zwei Schwule. Das ist gewissermaßen das Gegenteil zu einigen berühmten Scientologen. Meine Anwälte haben mir bei der Formulierung dieses Witzes geholfen." (c) AP (Paul Drinkwater)
"Wollen Sie Cher sehen? Nein. Wieso nicht? Weil nicht 1975 ist." (c) AP (Matt Sayles)
Gervais stellte auch Bruce Willis vor: "Ashton Kutchers Vater". (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)
Auch für Florian Henckel von Donnersmack's Hollywood-Debüt, den Flop "The Tourist" mit Angelina Jolie und Johnny Depp, fand er passende Worte: "Es war ein großes Jahr für 3D-Filme", so Gervais. "Alles schien dreidimensional zu sein. Außer die Charaktere aus 'The Tourist'." (c) EPA (HOLLYWOOD FOREIGN PRESS ASSOCIAT)
"Ich habe 'The Tourist' gar nicht gesehen. Wer hat das schon? Aber er muss gut sein, sonst wäre er nicht nominiert, richtig? Ich will hier mit diesem lächerlichen Gerücht aufräumen, dass der einzige Grund, warum 'The Tourist' nominiert ist, der war, dass die Auslandspresse (die den Preis verleiht, Anm.) mit Angelina Jolie und Johnny Depp feiern kann. Das war nicht der einzige Grund. Sie hat auch Bestechungsgelder akzeptiert." (c) REUTERS (DANNY MOLOSHOK)
"Eines der größten Fernsehereignisse des vergangenen Jahres war das Finale von 'Lost'. Es war ziemlich kompliziert und ich bin mir nicht sicher, dass ich alles kapiert habe. So weit ich verstanden habe, hat der Dicke sie alle gefressen." (c) AP (Paul Drinkwater)
Auch der Mann, der ihn engagierte, wurde Opfer seines Spotts. Über Philip Berk, den Chef der Hollywood Foreign Press Association, sagte er: "Ich musste ihm gerade vom Klo helfen und seine Zähne reinstopfen." Ob er Gervais wieder engagieren wird, wurde Berk nach der Gala gefragt. Seine Antwort: "Kein Kommentar." Nun ist fix: Gervais moderiert die Verleihung auch 2012. (c) AP (Matt Sayles)
Die bösesten Witze von Ricky Gervais
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2011)
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