Gastkommentar

Gendern: Für Fairness und Verständlichkeit

Sich an der Sprache zu vergehen ist leicht und schäbig zugleich. Denn sie ist zart, verletzlich und kann sich nicht wehren.

Der Autor:

Rudolf Tascher (*1953) ist Mathematiker und Angeordneter der ÖVP zum Nationalrat und war Kolumnist der „Presse“.

Ein von der Pädagogischen Hochschule Tirol publizierter „Sprachleitfaden“ als Beispiel von vielen für die Intoleranz der sich als moralisch korrekt Aufplusternden veranlasst, die beiden nachfolgenden Gedanken zu Papier zu bringen.

1. Gedanke: Das Problem:

Nachdem Golo Mann in seiner „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ auf mehr als tausend Seiten dargelegt hat, zu welchen Verwerfungen die nationale Idee geführt hat, kommt er im letzten Absatz seines monumentalen Werks auf die Eigenart des Deutschen zu sprechen: „Wir hoffen, das, was die Nation von anderen Nationen immer unterschied und unterscheiden wird, auch wenn ephemere Gegensätze verschwunden sind, unsere schöne Sprache, werde nicht dürr und gemein werden, sondern ihren Adel erneuern, und mit ihr alles, was im Wort seinen Ausdruck findet.“

Nun aber wird der Sprache Gewalt angetan. Hehre Motive mögen dazu antreiben. Der Sprache Sache sind sie nicht. Nele Polatschek belegt es brillant im Artikel „Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer“ des Berliner „Tagesspiegels“ (31. 8. 2020). Sich an der Sprache zu vergehen ist leicht und schäbig zugleich. Denn sie ist zart, verletzlich und kann sich nicht wehren. Von einem „Gefühl des Ekels“ spricht Ludwig Wittgenstein, „wenn wir ein erfundenes Wort mit erfundenen Ableitungssilben aussprechen“. So verdorrt Sprache, wird „dürr und gemein“. Wer der Sprache, ihrer Verständlichkeit, ihrer Klarheit, ihrer Schönheit verpflichtet ist, kann dies nicht wollen.

2. Gedanke: Ein Lösungsvorschlag: Da es einerseits der Sprache Verständlichkeit und Schönheit zu bewahren und andererseits dem Verlangen nach Fairness den Geschlechtern gegenüber Genüge zu leisten gilt, empfiehlt sich für Schriftstücke, bei denen es angebracht ist, insbesondere für jene mit offiziellem Charakter, der folgende elegante, u. a. von Andrea Schurian vorgeschlagene Schreibstil: Man hält sich, wie es die Sprache verlangt, an das Genus des personenbezogenen Hauptworts, das ja mit dem Sexus der von ihm bezeichneten Person oder Personengruppe höchstens von der Wortherkunft ein wenig, sachlich aber gar nichts zu tun hat, und setzt danach den Klammerausdruck (w/m/*). Dieses Symbol braucht man natürlich nicht immer, sondern nur fallweise zu setzen. Der Leser (w/m/*) nimmt damit zur Kenntnis, dass der Autor (w/m/*) des Texts weibliche wie männliche Personen benennen möchte, wie auch jene, die sich geschlechtlich zu orten weigern oder dies nicht vermögen.

Beim Vorlesen wird man im Allgemeinen das Symbol (w/m/*) überlesen oder in einer Paraphrase, z. B. „jedweden Geschlechts“ oder „welchen Geschlechts auch immer“, umschreiben.

Bei Schriftstücken, in denen das Symbol (w/m/*) störend oder aufdringlich wirkt, empfiehlt sich der Vorschlag von Christian Högl im Artikel „Das Gendern als Sollbruchstelle“ in der „Presse“ (17. 3. 2021): Man verwendet die Grundform der Hauptwörter und fügt im Fall eines maskulinen Hauptworts, wenn es stilgerecht und passend ist, die flektierte feminine Form hinzu.

Zwang ist Unfug

Es gibt sicher weitere Weisen, das oben genannte zweifache Ziel anzupeilen. Unabdingbar allerdings ist, bei jeglicher Gestaltung von Sprache zwar Verständlichkeit zu erwarten, jedoch jeder und jedem der Sprache Mächtigen Freiheit zu gewähren. Zwanghaft verordnete Reglementierungen sind Unfug. Zu befehlen oder zu verbieten gibt es hier nichts: weder das hässliche und in seiner penetranten Betulichkeit spießige Gendern, noch dass man statt „Nase“ immer nur „Gesichtserker“ sagt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2023)


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