Gastkommentar

Warum wir Mütter und Babyboomer brauchen

Arbeitsmarkt. Lösungen für den Mangel an Arbeitskräften gibt es. Man muss sie nur sehen.

Der Autor:

Dr. Daniel Dettling leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.institutzukunftspolitik.de). Sein aktuelles Buch: „Eine bessere Zukunft ist möglich. Ideen für die Welt von morgen“ (Kösel). Eine längere Version dieses Textes ist gerade in der deutschen Zeitung „Die Welt“ erschienen.

Österreich steht vor einer neuen Ära, einer Ära der Arbeiterlosigkeit. Bis 2035 fehlen dem Land Hunderttausende Arbeitskräfte. Der Mangel an Arbeitskräften wird zur größten Wachstumsbremse. Wenn die demografische Zeitenwende nicht zu einem Verlust an Wohlstand und Versorgung führen soll, braucht es intelligente Lösungen und keine Tabus. Wenn die Jungen fehlen, müssen die „stillen Reserven“ ran: Frauen und Ältere.

Österreich gehört in Europa zu den Teilzeitmeistern. Während nur zwölf Prozent der Männer Teilzeit arbeiten, arbeitet bei den Frauen jede Zweite Teilzeit. Deutlich mehr sind es bei Frauen mit Kindern. Nur jeder dritte Frau mit einem Kind unter drei Jahren ist berufstätig. Mehr als 80 Prozent von ihnen arbeiten in Teilzeit. Bei der Teilzeitquote von Frauen liegt Österreich mit 50 Prozent auf Rang zwei hinter den Niederlanden. Würden Frauen länger arbeiten, wäre das Fachkräfteproblem erheblich entschärft. Mehr Arbeit bedeutet mehr Einkommen und weniger Ungleichheit. Hauptursache für den Gender-Pay-Gap ist der Gender-Work-Gap. Dabei wollen immer mehr Frauen ihre Arbeitszeit aufstocken. Lassen wir sie!

Die Silver Worker kommen

Die zweite Gruppe, auf die es ankommt, sind die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer. Der durchschnittliche Beschäftigte geht in Österreich mit 62 Jahren in Rente. Der Anteil der Generation 60 plus im Erwerbsleben ist nur halb so groß wie in Deutschland. Die Zukunft gehört den „Silver Workers“ – Älteren, die trotz Rente arbeiten. Der Anteil der deutschen Erwerbstätigen ab 65 Jahren hat sich in Deutschland zuletzt fast verdoppelt und nimmt seitdem kontinuierlich zu. Zwei Drittel sind noch Männer, der Anteil der Frauen steigt aber schneller.

Das Durchschnittsalter der Silver Worker liegt bei 71 Jahren. Zwei Drittel von ihnen arbeiten aus persönlichen und weniger aus finanziellen Gründen länger. Wie fit und auf der Suche nach einer besseren Zukunft die Generation 60 plus ist, zeigt auch der Heiratsmarkt. Immer mehr verpartnern sich mit 65, 70 und 80 neu und sind unternehmungslustig. Fördern wir den Trend und lassen die Babyboomer auch länger arbeiten!

Weniger Teilzeit, mehr Zeit

Die beiden Hebel zu mehr Geschlechter- und Generationengerechtigkeit sind weniger Teilzeit und länger arbeiten. Wenn Frauen, insbesondere Mütter, weniger Teilzeit und Ältere länger arbeiteten, könnten wir die demografische Katastrophe abwenden und die Folgen der Schrumpfung mehr als halbieren. Voraussetzung ist ein dritter Hebel: ein Bewusstseinswandel bei den Männern und in den Unternehmen. Es ist richtig, wenn sich männliche Wirtschaftsbosse und Arbeitgeberfunktionäre für mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren einsetzen. Nur sollten wir sie nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten messen. Ein flächendeckender Ausbau der Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen kostet viele Millionen Euro. Aber warum soll dies nur der Staat leisten? Von den rund 10.000 Kindergärten in Österreich sind nur etwas mehr als ein Prozent Betriebskindergärten. Mehr Kinderbetreuungseinrichtungen in den Unternehmen hätten einen doppelten Effekt: zufriedene Beschäftigte und mehr Babys.

Hohe Teilzeitquoten von Frauen und Müttern und geringe Erwerbsquoten von Älteren sind Relikte einer Arbeitsgesellschaft, die demografisch auf Kosten der Zukunft lebt. Tragen wir diese alte Arbeitsgesellschaft endlich zu Grabe.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2023)

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