Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) genießt beim Neujahrsempfang in der Wiener Hofburg die volle Aufmerksamkeit und kündigt kämpferisch ein Jahr der Neuerungen an. Er hat offenbar damit bei sich selbst begonnen.
Wien. Wie bekommt man garantiert Standing Ovations? Man lädt zu einem Neujahrsempfang und nicht etwa zu einer Rede an die Nation. Für Ersteres benötigt man nämlich keine Bestuhlung.
Es sind diese kleinen Gemeinheiten, die Kanzler Werner Faymann und seinen Vizekanzler Josef Pröll zuletzt immer wieder geärgert haben. Denn, so lautet die Botschaft der beiden ab sofort: 2011 geht es nicht mehr um kleinlichen Streit, sondern um Sachpolitik. Und um Reformen. Ja, auch wenn es keiner mehr hören oder glauben kann: Werner Faymann sagt an diesem Mittwochvormittag im Großen Saal der Hofburg sogar mit betont ernstem Gesichtsausdruck, dass er, also die Regierung, nun eine Bundesstaatsreform angehen würden. Vor Kurzem hatte er deren Notwendigkeit heruntergespielt, als er meinte, es sei eine Illusion zu glauben, man könne damit Milliarden einsparen.
1600 Gäste lauschen Faymann und dem Finanzminister („Wir stehen gut da“) davor. Politiker, Beamte, Diplomaten, Journalisten und einige ranghohe Wirtschaftsvertreter sind gekommen, die halbe Republik, wie manche gerne sagen. Auf jeden Fall jene Köpfe der österreichischen Gesellschaft, die so viel mit sich beschäftigt sind, dass sie manchmal vergessen, dass es noch viele andere gibt.
Vor diesem Publikum wirkt es fast ironisch, wenn Faymann in den Saal ruft: „Wir brauchen einen Saal voller Menschen wie Sie, die sagen, wir gehen es an.“ Bundespräsident Heinz Fischer, die Minister Maria Fekter und Norbert Darabos klatschen artig, Fritz Neugebauer in der zweiten Reihe auch.
Josef Pröll hält die Arme vor der Brust verschränkt, er war schon dran, hat die Bedeutung der Wehrpflicht betont und vor einem zustimmenden nickenden Faymann darauf hingewiesen, dass Österreich besser als die meisten anderen aus der Krise gekommen sei. Auch Faymann bietet nach ihm inhaltlich nicht viel Neues: Die Wehrpflicht soll fallen, das Volk darf man fragen und wie immer ist nichts in Stein gemeißelt.
Aber an diesem Tag genießt Faymann die volle Aufmerksamkeit: Nicht, was er nicht sagt, sondern wie er es sagt, beschäftigt die Zuhörer. Faymann verwendet wie schon bei seinen jüngsten Auftritten eine deutlich direktere Sprache, verwendet eine leicht theatralische Gestik, spricht viel lauter und versucht dies mit einer dunkleren Stimmlage.
Thomas Hofer, von Journalisten gerne zitierter Experte für politische Inszenierung, wenn die eigene Beobachtungsgabe nicht ausreicht, sagt schon „Nein!“, bevor man nach dem Empfang die Frage formulieren kann. Nein, er wisse auch nicht, wer der Coach Faymanns ist. Dessen neuer Pressesprecher, Nedeljko Bilalic, bestreitet dies ohnehin vehement: Faymann habe kein Training bekommen, sei völlig authentisch und schon längere Zeit angriffig. Und in der Partei verweist man auf das gestärkte Selbstvertrauen, das sich bemerkbar mache.
Die Angst, ein Training Faymanns könnte publik werden, ist groß: Seit Viktor Klima gelten Beratung und Inszenierung als manipulativ und die beste Methode, in der Öffentlichkeit als Marionette dargestellt zu werden. Nur Alfred Gusenbauer wurde vorgeworfen, beratungsresistent zu sein.
Bei aller kämpferischen Rhetorik darf Pathos und Faymanns einstige Kernkompetenz nicht ganz fehlen. Den alten Harmonie-Kanzler gibt es noch: Am liebsten verwendet er das Wörtchen „gemeinsam“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2011)