Liebe Wutbürger, es ist alles nicht so schlimm!

Österreich war vor Kreisky nicht nur dumpf und stumpf – und es hat nach 1970 nicht alle „bürgerlichen Werte“ verloren.

Jetzt haben sie uns auch noch den „Wutbürger“ fast zum „Unwort des Jahres“ gemacht: zweiter Platz nach dem in der Tat hässlichen Adjektiv „alternativlos“! Sie, das ist diesfalls die Gesellschaft für deutsche Sprache, die den „Wutbürger“ bereits zum „Wort des Jahres“ erklärt hat. Wort und Unwort zugleich, das ist gut. Und gibt mir Gelegenheit, allen, die sich über die letzte „Metaware“ („Wutbürger, braucht ihr denn eine Nasenzange?“, 13.1.) echauffiert haben, zu versichern: Das war kein Angriff auf die Wut an sich! (Nur auf die Idee, dass Wut ein politisches Argument sei.) Auch war Heimito von Doderer, aus dessen „Merowingern“ ich zitiert habe, kein Körpertherapeut, sondern Schriftsteller: Niemand erwägt, Wutbürger wirklich an die Nasenzange zu nehmen oder ihren Fußwinkel zu messen!

Seltsam scheint mir allerdings, dass etliche Leserbriefschreiber offenbar davon ausgehen, dass man nur über sozialdemokratische Politiker wütend sein könne, dass also meine Kritik an der stolz zur Schau gestellten Wut einer Verteidigung der SPÖ (und/oder der Gewerkschaften, der ÖBB etc.) gleichkomme. Wie zornig haben sich doch einst viele Gegner der ÖVP-FPÖ-Koalition gebärdet! Oder ist diese Wut grundsätzlich anders zu bewerten? Kann man einer Empörung rein äußerlich ansehen, ob sie politisch korrekt ist oder nicht? Ich bezweifle das.

Den Wutartisten verwandt sind die Übertreibungskünstler. Vor Kreisky sei Österreich „dumpf“, „stumpf“ und „wie gelähmt“ gewesen, sagte kürzlich eine Teilnehmerin einer Diskussion über Kreisky und die Avantgarde im Burgtheater. „Wie Österreich ausgeschaut hat, bevor der (i.e. Kreisky) drankam, das könnt ihr Jungen euch gar nicht vorstellen“, sagt André Heller im Kreisky-Porträt von Helene Maimann (siehe Seite 24). Das ist genauso ein Unsinn wie die in der anderen Reichshälfte (oder, wie man heute realistischerweise sagen muss: im zweiten Reichsdrittel) grassierende Idee, dass mit Beginn der SP-Alleinregierung diesem Land die „bürgerlichen Werte“ und der Anstand verloren gegangen seien. Sicher: Wer zum Beispiel 1970 „eingeschult“ wurde, wie man damals sagte, hat die Kreisky-Jahre auch deshalb (wenn auch gewiss nicht nur deshalb) als Zeit des Aufbruchs in Erinnerung, weil er damals selbst jung, lernbegierig, im Aufbruch war. Aber darum zu glauben, dass vorher alles dumpf und stumpf war, gleicht der fixen Idee mancher heute 45-jährigen Ex-Provinzstudenten, dass Wien vor ihrer glorreichen Ankunft (also vor den frühen Achtzigerjahren) ein ödes, totes Pflaster gewesen sei.

Zeitzeugen bestätigen: Man konnte auch unter den Kanzlern Renner, Figl, Raab, Gorbach und Klaus eine kindliche Kindheit und eine jugendliche Jugend erleben. Ebenso wie unter den Regierungen Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel und Gusenbauer. Und ich wette: In 40 Jahren wird so mancher Leider-doch-noch-nicht-Pensionist seufzen: „Ja, damals, als der Faymann Kanzler war, da war das Studentenleben noch lustig! Und Wutbürger hat es damals gegeben... Da sind die heutigen richtig fad dagegen.“

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2011)

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