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In der GarageX wird Arthur Miller mit Witz modernisiert

(c) Garage X (Yasmina Haddad)
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Burgschauspieler Philipp Hauß präsentiert sich mit "Überleben eines Handlungsreisenden - Eine Beratung" als Regisseur. Die Aufführung ist perfekt gemacht. Die Frage ist, kann sie mit Millers Stück mithalten?

Schon beim Betreten der Bühne müssen sich die Akteure bücken und durch Metallschlangen winden: Die GarageX hat sich der Kapitalismuskritik verschrieben. „Ums nackte Überleben“ geht es im neuesten Schwerpunkt. Philipp Hauß und Bettina Kraus haben ein Drama um Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ entwickelt: Willy Lomans Sohn Biff will nach dem Tod seines Vaters aus dessen Schatten fliehen. Er pflügt durch die Szene der Berater.

Die Familienaufstellung zu Beginn ist noch etwas spröde. Später trifft Biff auf einen Shiatsu-Trainer, eine Energie-Bändigerin sowie auf knallharte Coaches. Jeder Schauspieler spielt mehrere Rollen. Die Künstler haben die betreffenden Experten selbst aufgesucht. Angesichts der Scharlatanerie, die sich hier auftut, kriegt man Sehnsucht nach Papa Freud und seinen Jüngern, die vielleicht Verwerfungen der Seele realistischer beurteilen als heutige Ruckzuck-Heiler. Das Ensemble ist sehr gut, speziell Katrin Grumeth und Dietrich Kuhlbrodt.

 

Miller ist komplexer, Hauß kurzweiliger

Die Aufführung ist perfekt gemacht und amüsant. Die Frage ist, kann sie mit Millers erfolgreichstem Stück (1949) mithalten? Kaum. Vor allem Dustin Hoffman beeindruckte nachhaltig in der Verfilmung von Volker Schlöndorff (1985). Miller zerpflückte den amerikanischen Traum zu einer Zeit, da ihn alle Welt noch ungetrübt träumte, auch der Generationenkonflikt ist exemplarisch.

In Europa wurde Miller vor allem als Ibsen-Nachfolger wahrgenommen. Sein Stück wirkt vielschichtiger, auch berührender als die flotte, praktikable Aufführung in der GarageX. In wenigen Szenen – darunter das Begräbnis – erklingt Millers Originaltext, da merkt man den Unterschied doch sehr stark.

Interessant: „Überleben eines Handlungsreisenden“ zeigt den Menschen bereits entindividualisiert und komplett ins System integriert. Biff leistet sich, anders als sein Vater Willy, keine psychischen Extravaganzen. Sobald ihn welche belästigen, versucht er sie mittels Psychotrainer auszumerzen. Trotzdem verschlingt ihn das System. Der überraschende Schluss offenbart diesen Subtext, der das Beste an der Produktion ist. bp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)