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Türkei baut Einfluss in Nahost aus

(c) AP (Petros Karadjias)
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Ob im Libanon, im Iran oder Irak - wenn es in der Region Probleme gibt, wird immer öfter die Türkei zurate gezogen. Das Verhältnis zu Israel ist jedoch nachhaltig zerstört.

Istanbul. In der türkischen Diplomatie geht es zu wie im Inneren eines Bienenschwarms. Zwar sind die Aktivitäten nicht immer gleich von Erfolg gekrönt, doch Ankara und Istanbul werden mehr und mehr zu den Zentren, um die sich die Kontakte drehen. Eben noch mit der Vermittlung im Libanon beschäftigt, steht heute der Atomgipfel zwischen dem Iran und den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates plus Deutschland in Istanbul auf dem Programm. Die Türkei ist nicht offiziell Vermittler, will aber hinter den Kulissen mit beiden Seiten reden.

Bis vor einigen Jahren waren türkische Diplomaten Personen, die vor allem endlos den türkischen Standpunkt referieren und dann eine dicke rote Linie zeichnen konnten, die auf keinen Fall zu überschreiten sei. Unter dem jetzigen Außenminister Ahmet Davutoğlu hat sich das gründlich gewandelt. Ideenreich und aktiv reist Davutoğlu umher und wird immer häufiger gerufen, wenn es schwierige Probleme gibt. Und was wäre in Nahost nicht schwierig?

So wandte sich auch Libanons Ministerpräsident Saad al-Hariri an die Türkei, nachdem sich der von der Hisbollah geführte Flügel aus Hariris Regierung zurückgezogen hatte. Doch auch die zusammen mit Katar unternommene türkische Vermittlung ist vorerst gescheitert. Der Führer der Schiiten-Partei Hisbollah, Hassan Nasrallah, stellte neue Bedingungen für die Rückkehr seiner Minister ins Kabinett. Die Hisbollah und die hinter ihr stehenden Mächte Syrien und Iran wollen keine Aufklärung des Mordes an Saad al-Hariris Vater Rafiq. Sie wollen, dass Saad al-Hariri dem mit der Aufklärung beauftragten Tribunal die Unterstützung entzieht. Ein Kompromiss ist kaum denkbar.

Doch auch wenn Davutoğlu bisher das Zaubern nicht gelernt hat, ist doch bemerkenswert, dass die Türkei die Adresse ist, an die sich al-Hariri zuletzt gewandt hat. Nicht die alte Kolonialmacht Frankreich, nicht die USA, wo Hariri studiert hat, und nicht Ägypten hat er zu Hilfe gerufen.

Der Libanon ist keine Ausnahme, auch im Irak ist die türkische Diplomatie sehr aktiv bei der Vermittlung zwischen den verfeindeten Gruppen. Westliche Diplomaten schätzen auch die Kenntnis der Türken in Afghanistan und Pakistan. Ein Grund für den Erfolg der Türken ist, dass sie lange Zeit nicht in diesen Ländern aktiv waren und daher nicht Teil irgendeiner lokalen Koalition sind.

Zudem wird die Türkei heute nicht mehr als verlängerter Arm Washingtons und Freund Israels wahrgenommen. Daher hat sie zu allen Seiten derzeit gute Beziehungen – mit Ausnahme Israels. Aus von WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten geht auch klar hervor, dass Israel in der Türkei längst keinen Verbündeten mehr sieht.

 

Demokratie ist nicht vorgesehen

Zum türkischen Ansehen als Vermittler in der Region trägt auch ein kultureller Faktor bei: Außenminister Davutoğlu erzählt dazu gern eine Anekdote. Er sprach bei Vermittlungen im Irak mit den Vertretern sunnitischer Gruppen. Davutoğlu sagte ihnen, Bagdad sei einst Zentrum der Welt, Zentrum der Kultur gewesen, und nun liege es wegen der internen Zwistigkeiten darnieder. Seine Vorschläge nahm die Versammlung zwar nicht an, doch einer der Führer stand auf und zeigte auf Davutoğlu: „Diesem Mann können wir vertrauen, denn er spricht wie ein Bürger von Bagdad!“

Diplomatisches Geschick allein löst jedoch selten Probleme. Außerdem verliert die Türkei mit der Zeit den Vorteil des Homo novus in der Region. Man fragt sich, was die Türkei selbst anstrebt. Eine neoosmanische Hegemonie in der Region wollen die übrigen Staaten sicher nicht. Schon jetzt ist in Ägypten Neid auf die türkischen Erfolge zu spüren. Und die Türkei bietet nicht für alle Probleme eine Lösung. Eine Demokratisierung hat sie zumindest in der Außenpolitik nicht auf ihre Fahnen geschrieben, sonst wäre sie in einer Region mit so viele autoritären Regimen auch kein akzeptierter Vermittler mehr.

Zu der tunesischen Revolution wusste die Türkei daher zunächst gar nichts zu sagen. Erst nachdem die Würfel gefallen waren, begrüßte Erdoğan den Umsturz. Das reichte immerhin dafür, um mit diesem Standpunkt noch einer der ersten islamischen Staaten zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)

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