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"Radioaktiv verseuchte Städte, tausende Tote"

(c) REUTERS (PAWEL KOPCZYNSKI)
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Schlachtfeld Städte: Nuklearexperte Friedrich Steinhäusler warnt vor neuer Generation des Terrors, der vor allem Europa zum Ziel hat. Terroristen wollen noch mehr schockieren, noch mehr Entsetzen als bisher.

Die Presse: Sie prophezeien eine neue Art des Terrorismus, der alles Bisherige in den Schatten stellen könnte.

Friedrich Steinhäusler: Bisher haben wir eher den „normalen“ Terrorismus gesehen, mit Paket- oder Autobomben. Doch die Terrorspirale dreht sich. So gibt es mittlerweile auch in Europa Selbstmordattentate – und das wird häufiger werden. Aber der Terror könnte in einigen Jahren noch eine neue, gefährliche Dimension bekommen.

Was könnte da auf uns zukommen?

Die nächste Stufe nach dem konventionellen ist der „strategische Terrorismus“. Diese Terroristen wollen noch mehr schockieren, noch mehr Entsetzen hervorrufen als bisher mit noch mehr Todesopfern. Erreichen können sie das durch den Einsatz von Massenvernichtungsmitteln – und zwar biologischen, chemischen, radiologischen und atomaren. Und die Städte sind dafür das geeignete Schlachtfeld. Es gab ja schon solche Versuche auf einer bescheideneren Ebene. Ich meine den Sarin-Anschlag in Tokio und die Anthrax-Anschläge in den USA.

 

Sie spielen in Ihrem Buch das Szenario durch, dass in London ein Anschlag mit einer primitiven Nuklearbombe durchgeführt wird. Wie realistisch ist so etwas?

Ich habe in einem fiktiven Szenario beschrieben, wie sich Terroristen relativ leicht waffenfähiges Uran besorgen können, das Material nach Europa bringen, mithilfe von „Schläfern“ für einen Anschlag aufbereiten und dann von Selbstmordattentätern im Stadtzentrum zur Explosion bringen lassen – mit gigantischen Auswirkungen. Tausende Menschen sterben, große Teile der Stadt werden verstrahlt.

 

Das ist doch nur ein Szenario. Der Zugang zu atomarem Material ist sicher nicht so leicht?

Doch, es ist möglich, an solche Nuklearwaffen zu kommen. Wir betreiben in Salzburg eine Datenbank über weltweit verloren gegangene Strahlenquellen und über Schmuggelfälle von nuklearem Material. Diese Datenbank beinhaltet über 2500 Fälle weltweit, bei denen man die Kontrolle über radioaktives Material verloren hat – und in mehr als 25 Fällen hat es sich um nukleares, waffenfähiges Material gehandelt.

 

Das heißt aber noch nicht, dass der Terrorist damit etwas anfangen kann.

Natürlich sind nicht alle Strahlenquellen geeignet für Terroranschläge. Der Terrorist muss wissen, welches Material er zur Verfügung hat und was er damit machen kann. Aber dass er technisch Zugang zu solchem Material hat, das ist eine Tatsache. Wenn er will, dann kann er. Nur ein Detail: Die USA haben bis jetzt die Kontrolle über 30.000 registrierte Strahlenquellen verloren.

 

Ihr Buch hat den Titel: Terrorziel Europa. Heißt das, dass wir verstärkt mit Anschlägen rechnen müssen, die USA dagegen weniger?

Ich glaube nicht, dass es in den USA weniger wird, sondern wir sind dazugekommen. Aus unterschiedlichen Gründen. Der erste wäre die politische Nähe zu den USA einiger EU-Länder. Die andere Ursache liegt darin, dass wir in Europa es verabsäumt haben, die Integrationspolitik erfolgreich zu betreiben. Wir haben in einigen EU-Mitgliedsländern einen Europäer geschaffen, der hier geboren wurde, der einen europäischen Pass hat, der eine europäische Ausbildung hat, aber als dritte Generation mit Migrationshintergrund nicht als vollwertiger Mitbürger angesehen wird. Jemand, der frustriert ist, entwickelt daraus nicht nur Ärger, sondern möglicherweise Hass.

In Ihrem Buch wird auch Österreich als potenzielles Terrorziel genannt. Warum? Wir sind doch für Terroristen nicht attraktiv.

In der Top-Ten-Liste sind wir sicher nicht drinnen, dazu sind wir nicht bedeutend, nicht medial wirksam genug. Das stimmt. Aber ausschließen kann man es nicht. Immerhin wurde hier schon ein Internetaufruf für Terrorgruppen gestaltet. Außerdem haben wir für Terroristen potenziell interessante Ziele. Die Opec, die schon einmal Ziel war, gibt es noch immer in Wien. Wir haben die UNO-City, und auf dem Flughafen gab es auch schon Anschläge. Nicht zu vergessen strategisch wichtige Gasknotenpunkte in Österreich.

 

Selbst das Wiener Donauinselfest könnte in Ihren Szenarien ein Ziel sein. Wie soll das gehen?

Wir haben ein Szenario entworfen, dass ein umgebautes Flugzeug Gift versprüht. So etwas ist in Deutschland schon theoretisch durchgespielt worden, etwa bei der Love-Parade. Das ist technisch gar nicht so aufwendig. Sie funktionieren ein Pestizid-Sprühflugzeug zu einem Werbeflugzeug um und versprühen biologischen Kampfstoff. Die Besucher merken zuerst überhaupt nichts davon, das ist mit Latenzzeit von Tagen und Wochen verbunden. Die Menschen gehen infiziert nach Hause, und so gibt es dann viele sekundäre Ausbreitungsorte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)