Europäische Erstaufführung von Paul Schraders recht konventionellen, aber spannenden, gut konstruierten Theaterstück "Der Cleopatra Club" im Stadttheater Walfischgasse: Ein Erfolg - in Anwesenheit des Autors.
Es sei „Chuzpe“ gewesen, den großen Regisseur Paul Schrader einfach nach Wien, ins kleine Stadttheater, einzuladen, sagte Regisseur Rupert Henning, als ihn schon Applaus umbrandete. Die Chuzpe hat sich ausgezahlt. Schraders „Cleopatra Club“ ist ein recht konventionelles, aber spannendes, gut konstruiertes Stück, das den „Culture Clash“ zwischen islamischer und westlicher Welt exemplarisch behandelt.
„I'm stranded in this nameless place“, singt Bob Dylan: Zwei Amerikaner, beide aus der Filmbranche, beide nicht mehr die Frischesten, sind in einem Hotel gestrandet, zwar nicht in einem namenlosen Ort, aber in einem Kairo, das sich verändert hat seit den alten Tagen, als für die Herren aus Amerika dort noch alles wohlfeil war, als in Etablissements wie dem „Cleopatra Club“ die Prostitution blühte.
„Ich vermisse die Zeit, als es noch nicht so viel Scheiß-Nostalgie gab!“, ruft der heruntergekommene, dem Alkohol verfallene, von Alzheimer im Anfangsstadium befallene Filmkritiker Thomas, der mit Kellnern herrisch umspringt, auch ihm wenn das längst nicht mehr zukommt. Mark, der „bedeutendste unterschätzte amerikanische Regisseur“, der sich etwas besser gehalten hat, pflichtet ihm bei. Wie zwei alte Mimen beim Abschminken lamentieren sie, blicken aus dem Fenster auf die Pyramiden (= ins Publikum), gestehen einander ihre Schwächen, fallen einander in die Arme, vergessen fast, dass sie eigentlich in Kairo sind, um auf einem Filmfestival zu repräsentieren.
Schwer verkatert in der Polizeistation
Auf diese mehr triste als tragische Doppelconférence folgt nach der Pause ein abgründigeres Spiel unter nackten Lichtern. Die beiden finden sich schwer verkatert in der Polizeistation, Thomas ist bestohlen worden, Mark ist unter Verdacht. Doch sie merken bald: Darum geht es nicht wirklich, es geht um die Ehre. Das heißt: um das, was der verhörende Oberst als die Ehre seines Landes versteht. Ein Film über eine Beziehung zwischen einem Juden und einer Araberin hat diese beleidigt, wurde aus dem Programm des Festivals gestrichen, dagegen wird protestiert, Mark und Thomas haben die Resolution unterschrieben. Dazu kommt, dass Mark als Homosexueller und Jude ein doppeltes Feindbild für den Oberst ist, der sich einredet, dass er gegen den drohenden Islamismus kämpft, indem er dessen Begriffe von Anstand und Ehre prophylaktisch erfüllt.
Am Ende ist der Fall geklärt bzw. vertuscht, löst sich in unheimlichem Wohlgefallen auf: Der Protest wurde widerrufen, der Oberst lädt Mark und Thomas zum Essen ein, die christliche Dolmetscherin trägt ein Kopftuch. Es wird beinahe wieder komisch.
Das liegt natürlich auch an Thomas Anzenhofer (als Thomas) und Bernd Jeschek (Mark), beide komisch in der Melancholie und melancholisch in der Komik. Dass man als Zuseher nicht mit unreflektiertem Zorn auf den Polizeistaat Ägypten reagiert, dankt sich der Kunst von Faris Endris Rahoma, der auch die Unsicherheit, das Minderwertigkeitsgefühl hinter der Brutalität des Obersts darstellt. Er sei ja als Gegner des Islamismus selbst ein „Dinosaurier“, ruft er einmal, als ob er sich an die einstigen Herren anbiedern wollte, obwohl sie doch schon ganz erbärmlich und in seiner Gewalt sind. Sie sind eben noch immer, wie er wieder und wieder mit Bitterkeit sagt, „Ehrengäste“.
Das Publikum, in dem einige namhafte Gäste (Arik Brauer, Peter Turrini, Thomas Maurer, Danielle Spera etc.) saßen, war begeistert; Paul Schrader schien zufrieden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)