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Die Ära Kreisky geht doch noch zu Ende Ideologie des Plünderns hat ausgedient

Zum hundertsten Geburtstag Bruno Kreiskys sind in Europa die rauchenden Ruinen einer Wirtschaftspolitik zu besichtigen, zu der er sich noch kokett bekannt hat: Schulden machen, solange es geht.

Wäre Bruno Kreisky noch am Leben – gleichsam ein Juppi Heesters der Innenpolitik – und beginge deshalb morgen seinen 100.Geburtstag, so böte sich für den ehrwürdigen Alten ein ebenso wunderbares wie passendes Geburtstagsgeschenk an.

Jener noch namenlose europäische Milliardenschutzschirm, mit dessen Hilfe derzeit ja die stark verschuldeten EU-Staaten die noch stärker verschuldeten EU-Staaten vor der Pleite retten müssen, könnte nämlich dem Anlass entsprechend auf „Europäischer Dr.-Bruno-Kreisky-Schutzschirm“ (kurz „Euro-Kreisch“) getauft werden, vielleicht im Rahmen eines feierlichen Sektempfangs in den Räumlichkeiten der Wiener Schuldnerberatung.

Denn in gewisser Weise ist jener verzweifelte Kampf, den Europa nun gegen die immer weiter eskalierende Staatsschuldenkrise führen muss, das vorläufige unrühmliche Finale einer Wirtschaftspolitik , für die Bruno Kreisky geradezu prototypisch stand (auch wenn er natürlich nicht ihr einziger Vater war).

Im Wesentlichen besteht diese Wirtschaftspolitik à la Kreisky daraus, als Politiker mit Geld, das man nicht hat, dem Wähler einen Wohlstand zu verschaffen, den dieser nicht erarbeitet hat, um damit Stimmen zu bekommen, die man sonst nicht bekäme.

Das Ganze hat in fast ganz Europa prächtig funktioniert – so lange, bis die Gläubiger, die das dazu notwendige Bare herborgen, irgendwann einmal fürchten müssen, ihr Geld nicht mehr zurückzubekommen. Dann droht Game over, siehe Griechenland & Co. „Ein paar hundert Millionen mehr Schulden“ (Kreisky) rauben einem als Politiker nur so lange nicht den Schlaf, solange es noch jemanden gibt, der sie einem borgt.

Es ist ein sinniger Zufall der Weltgeschichte, dass pünktlich zum hundertsten Geburtstag eines der Väter dieser Ideologie des Plünderns der Zukunft nun deren Kollaps und absehbares Ende in ganz Europa zu besichtigen ist. Denn selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass es keine Staatspleiten in Europa geben wird, dass die Steuerzahler in Deutschland, in den Niederlanden und Österreich ohne zu Murren Milliarden für die Pleitiers zahlen: Die Zeit der Schuldenexzesse zum Zwecke der Wählerbestechung in Europa ist im Großen und Ganzen wohl vorerst trotzdem vorbei.

Das nicht etwa wegen eines allfälligen Erkenntnisgewinnes der Eliten, sondern, weil die Geldgeber da nicht mehr mitspielen werden, jedenfalls nicht im bisherigen Rahmen. Was unter Kreisky und viel mehr noch seinen zahllosen – gern auch bürgerlichen – Epigonen späterer Politikergenerationen in den vergangenen Jahrzehnten vorgefressen worden ist, muss nun eben irgendwie nachgehungert werden, daran führt kein Weg vorbei. In gewisser Weise ist die Ära Kreisky erst jetzt, tief im 21.Jahrhundert, so richtig vorbei.

Dass die Mehrheit der Österreicher Kreisky noch immer für den bedeutendsten Politiker seit 1945 hält, sagt wohl mehr über die Mehrheit der Österreicher als über Kreisky aus. Denn darin spiegelt sich wohl nicht zuletzt die Sehnsucht nach der Illusion wider, Wohlstand nicht erarbeiten zu müssen, sondern auf Kosten einer fernen Zukunft verschmausen zu können.

Es ist eine Illusion, die in Europa gerade relativ schmerzhaft mit der Realität zusammengekracht ist.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)