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„Orbán und seine Partei missbrauchen Machtfülle“

(c) EPA (LASZLO BELICZAY)
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Der Schriftsteller Endre Kukorelly versucht sich als Parlamentsabgeordneter der Ökopartei LMP. Nach einem Jahr hat er bereits genug: Er hat gute Lust, aufzuhören. Ein Lokalaugenschein im ungarischem Parlament.

Endre Kukorelly ist entnervt: Schon bei der Begrüßung vor dem „Weißen Haus“, dem realsozialistischen Bürogebäude der ungarischen Abgeordneten, macht er seinem Frust Luft: „Mein verdammter Computer hat sich einen Virus eingefangen. Das macht mich total depressiv.“ Auf den Einwand, dass es im Leben wohl Schlimmeres gebe, bemerkt er sauer: „Ja, wenn man Krebs hat.“ Alles, was in seinem Leben zähle, habe er auf dem Computer gespeichert, sagt er.

Nein, Endre Kukorelly ist kein Informatiker. Er ist Schriftsteller – und seit Juni Parlamentsabgeordneter der Ökopartei LMP, die Abkürzung steht übersetzt für „Eine andere Politik ist möglich“. Kukorelly bietet an, mit dem Auto zum Parlament zu fahren, das keine 500 Meter entfernt ist. Auf den neuerlichen Einwand, dass man vom Abgeordneten einer Ökopartei erwarten würde, mit dem Fahrrad oder zumindest öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, reagiert er wieder gereizt: „Ökopartei hin oder her, ich wohne außerhalb von Budapest, noch dazu bin ich zu alt fürs Radfahren.“ Kukorelly ist 59.

In einem roten Sportwagen, der schon bessere Tage gesehen hat, geht es zum Parlament, Fahrzeit eineinhalb Minuten. Vor dem kolossalen neogotischen Gebäude kramt Kukorelly rasch ein Sakko hervor, das er über sein schlichtes Hemd zieht. Auf dem Weg durch das labyrinthische Gebäude erzählt er, wie er zur Politik gekommen ist: „Mir gefiel die Herangehensweise der LMP, eine Politik jenseits des eingefahrenen politischen Diskurses, der falsch, verlogen, zynisch und böswillig ist.“

 

Spott über die „Ja-Sager“

Wie die Politiker so sind? „Wie die Menschen im Allgemeinen. Es gibt gute und schlechte, fromme und böse, selbstbezogene und selbstlose, gescheite und halbdumme.“ Letzteres seien vor allem die „Ja-Sager“, die auf Geheiß ihrer Partei nichts anderes tun, als bei Abstimmungen den richtigen Knopf zu drücken und bei Reden ihrer Parteifreunde leidenschaftlich zu applaudieren. Kukorelly ortet diese Sorte Politiker vor allem in der Regierungspartei Fidesz. „Orbán und seine Partei missbrauchen ihre Machtfülle völlig ungeniert.“

Im prunkvollen Plenarsaal hält LMP-Chef András Schiffer gerade eine Rede. Kaum jemand hört ihm zu. Stattdessen surfen die Abgeordneten via Laptop im Internet, nesteln an ihren Handys herum, telefonieren, lesen Zeitung oder plaudern. Sie scheren sich nicht um Schiffers schwerwiegende Worte: Er spricht von einer „Verfassungskrise“ und dem „Abbau des Rechtsstaates“. Sogar Gábor Vona, Chef der rechtsradikalen Partei Jobbik, sieht sich im Anschluss bemüßigt, für den „demokratischen Rechtsstaat“ seine Stimme zu erheben. Vona schlägt eine neue Verfassung mit nur zwei Sätzen vor: „In allem hat Fidesz recht. Wenn nicht, ist der erste Satz gültig.“ Gelächter, selbst unter den Fidesz-Abgeordneten.

In einer Sitzungspause beschwert sich Kukorelly über das „Kunstbanausentum“ der Politiker und der Gesellschaft allgemein. Man arbeite sich ständig an belanglosen Dingen ab. Da stöckelt eine junge Schönheit vorbei; Kukorelly blickt ihr lange nach: „Mensch! Das sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben.“ In seinem letzten Prosaband hat der kinderlose Dichter seine vielfältigen Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verarbeitet.

 

Genug von der Politik

Was er von der Jobbik halte? In deren Reihen seien viele intelligente und fähige Politiker: „Und die sind auch tolle Redner.“ Von wegen dumpfe Nazis. Die Welt sei nicht so einfach, wie sie von den Medien oft dargestellt werde, sagt Kukorelly. Den ewigen Kreislauf kleinlichen parteipolitischen Hickhacks ist Kukorelly nach weniger als einem Jahr bereits leid: Er hat gute Lust, aufzuhören. Selbst wenn er heute mit dem Abgeordnetensalär von 385.000 Forint netto finanziell besser dastehe als je zuvor, ziehe es ihn weg. Es gebe wichtigere Dinge im Leben als Politik: „Literatur, Kunst, Fußball, Frauen.“

Zur Person

Endre Kukorelly (*1951 in Budapest) ist ein ungarischer Schriftsteller. Der studierte Historiker arbeitete zunächst als Journalist. Er schreibt Prosa und Lyrik, mehrere Werke wurden ins Deutsche übersetzt. Seit Juni sitzt er für die aus mehreren NGO hervorgegangene ökologisch orientierte Partei LMP („Eine andere Politik ist möglich“) im Parlament. Ein Ziel der Partei ist die Verbesserung der politischen Kultur. [Peter Bognar]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2011)