Schnellauswahl

Nachts sind alle Wege blau

Vladimir Sorokins Buch „Der Zuckerkreml“ ist in seiner Verflechtung von Schäbigkeit und Zukunftsvision eine fantastische Literatur jenseits von Utopie, Horror und Märchen – und doch all das zugleich.

Die Erzählung von der elfjährigen Marfuscha beginnt wie eine Weihnachtsgeschichte, voll mit Anspielungen auf russische literarische und reale Traditionen, wenngleich die schräge Formulierung vom „kalten Sonnenstrahl“, der Marfuscha weckte, indem er ihr in die Nase stach, eher in Richtung Groteske verweist. Allmählich häufen sich die Merkwürdigkeiten. Wir befinden uns in einem Moskau, in dem Zukünftiges und Altes direkt nebeneinander liegen. Einmal wird das Jahr 2028 genannt. Von Chinesen ist da die Rede und von Opritschniks, den Leibwächtern der Zaren und Vorläufern der Geheimpolizisten („Der Tag des Opritschniks“ hieß der vorausgegangene Roman des Autors). Zum Frühstück gibt es Hirsebrei mit Milch, dazu Weißbrot mit Apfelmarmelade und chinesischen Tee. Amonja Kiewogorodski schwebt über den Dächern von Moskau und verkündet fließendes Gardistenblut. Das ist fantastische Literatur jenseits von Utopie, Horror und Märchen und all das zugleich. Am Ende des Kapitels schweben rote Ballons vom Himmel mit kleinen Schächtelchen, in denen sich ein Kreml aus Zucker befindet. Dieser gibt dem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Buch von Vladimir Sorokin aus dem Jahr 2008 den Titel.

Wenn von den beiden Mottos am Anfang eins von Velimir Chlebnikow stammt, dann ist nicht nur der Zweizeiler, sondern auch der Autor Programm. Chlebnikow gilt als der bedeutendste russische Avantgardist nach 1900 und Vladimir Sorokin ist seit seinem Roman „Die Schlange“ und der verdienstvollen Vermittlung durch Norbert Wehr und seine Zeitschrift „Schreibheft“ der im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Erbe dieser Avantgarde. Mit seinen späteren Romanen hat er sich teils in die Nachbarschaft von Science-Fiction-Großmeister Stanislaw Lem begeben. Dem Vorwurf russischer Kollegen, er sei ein nicht ernst zu nehmender Unterhaltungsautor geworden, begegnet Sorokin mit dem Argument, er wolle bei jedem Buch ein neues Genre für sich entdecken. „Ich unterhalte vor allem mich selbst.“

Die direkte Nachbarschaft, ja Verflechtung von Schäbigkeit und Zukunftsvision, von Spuren zaristischer, sowjetischer und postsowjetischer Vergangenheit und negativer Utopie, die an Bilder aus Tarkowskis Film „Stalker“ erinnert, erzeugt den seltsamen Effekt von Gegenwärtigkeit in einer Welt des Stillstands, der Ausweglosigkeit. Dieser Text entwirft ja nicht, wie das Science-Fiction gemeinhin tut, das wünschenswerte oder zu befürchtende Andere, und er protokolliert nicht, wie die Lagerliteratur, Erinnertes. Er markiert eine Etappe in einem Kontinuum, in dem es keinen Fortschritt gibt. Diese statische Sicht fügt sich nahtlos in eine Reihe belletristischer und nicht fiktionaler Werke, die belegen, dass viel, was man früher für typisch sowjetisch hielt, in Wahrheit originär russisch ist und die Sowjetzeit in beiden Richtungen überschreitet, ihr also vorausgegangen ist, sie überlebt hat und, folgt man Sorokins Vision, in noch drastischerer Ausprägung weiter existieren wird.

Da sitzen die Scharfrichter beisammen am Stammtisch in der Kneipe „Glückliches Moskowien“ und unterhalten sich lustvoll über das Auspeitschen von Ärschen. Nebeneinander stehen die Wörter „Roboter“, „Rute“ und „Knute“. Befinden wir uns im Zeitalter Iwans des Schrecklichen oder im Jahr 2028? Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Form, die von konservativen Kritikern, für die Thomas Mann und Heinrich Böll immer noch das Maß guter Literatur bereitstellen, beharrlich eingemahnt werden, sind Sorokin schnurz. Nichts hindert ihn, vom erzählenden Märchenton in eine dramatische Szene zu wechseln, von dort in die satirisch-groteske Erzählung in der Tradition Gogols und Bulgakows, wobei er offenlässt, wo er zitiert, wo er parodiert und wo er eine verklausulierte Hommage deponiert.

Auf einen Kapitel füllenden Dialog, dessen Sprecher ausgespart bleiben, folgt ein seitenlanger Brief, der wiederum in eine Art konkreter Poesie mündet. Auch das Personal wechselt, es bleibt lediglich eine äußerst ungemütliche Stimmung. Selbst wo Sorokins Welt komisch wirkt, ist sie nichts weniger als behaglich. Leitmotivisch zieht sich der Kreml durch das Buch, der zuckerne, der Gebäudekomplex im Zentrum Moskaus und die politische Macht, die er beherbergt und für die er als Metonymie dient. Im Übrigen verweigert das Titelblatt eine Gattungseinordnung. Man kann den „Zuckerkreml“ als Roman lesen oder auch als Sammlung von Erzählungen. Die Entscheidung wird dem Leser nicht abgenommen. Aber muss er sie überhaupt fällen? Muss man sich auch entscheiden zwischen einer Literatur des Erzählens und einer Literatur, die sich mehr oder weniger ausschließlich über die nicht semantischen Aspekte der Sprache definiert, für die sich etwa Ernst Jandl in seinen eben auf DVD erschienenen Frankfurter Poetikvorlesungen „Das Öffnen und Schließen des Mundes“ stark macht?

Vladimir Sorokins „Zuckerkreml“ wagt den Versuch einer Synthese dieser beiden poetologischen Auffassungen. Er erzählt durchaus, wenngleich mit geringer Bindung an die außersprachliche russische Wirklichkeit, lässt aber über Partien hinweg der Sprache freien Lauf. Er geht dabei zwar nicht annähernd so weit wie Chlebnikow, von dem er sich ein Motto geliehen hat, aber ohne dessen Experimente wäre auch Sorokin kaum denkbar.

Das Motto von Chlebnikow heißt im Wortlaut: „Russland, Kuss in Eiseskälte! / Nachts sind alle Wege blau“. Können wir uns unter der Metapher des ersten Verses noch leicht etwas vorstellen, so schafft der disparat erscheinende zweite Vers eine poetische Leerstelle. Was haben die Wege, die nachts blau sind, mit Russland zu tun? Insgesamt kontrastiert der Zweizeiler mit dem anderen Motto, das Sorokin seinem Text voranstellt. Es stammt von dem französischen Reiseschriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts Astolphe de Custine und lautet: „Aber – bei dieser Ruhe, die ich theile und bewundere, welche Unordnung! welche Gewaltthätigkeit! welche trügerische Sicherheit!“ Das ist eine alltagssprachliche Aussage über Russland. In Sorokins Buch findet eine Verschränkung statt zwischen der Rätselhaftigkeit Chlebnikows und der unmissverständlichen Aussage de Custines.

Das Buch, aus dem de Custines Zitat stammt, war im zaristischen Russland verboten. Heute werden die Organisatoren der Ausstellung „Verbotene Kunst“ vor Gericht gestellt. „Knute und Rute sind wie Alpha und Omega“, sagt bei Sorokin ein Helfershelfer der Scharfrichter. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2011)