Angelika Kirchschlager ist gerade nicht auf internationalen Podien aktiv, studiert auch kein neues Lied-Programm ein, sondern memoriert im stillen Kämmerlein eine Opern-Partie.
Endlich einmal Ruhe, um mich konsequent auf eine Premiere vorzubereiten“ – Angelika Kirchschlager beschreibt die für sie ungewöhnliche Tatsache, dass sie sich in Wien mit Benjamin Brittens „Rape of Lucretia“ beschäftigen kann, ohne zwischendurch beständig zu irgendwelchen Routine-Auftritten reisen zu müssen. Das ungewöhnliche Stück über die arme Lucretia, das im Februar im Theater an der Wien herauskommt, ist Kirchschlager vertraut, aber bis dato nur aus konzertanten Wiedergaben.
„Ich hab die Lucretia gesungen, aber noch nie ohne Noten“, bekennt sie. Im Konzert hat man, Dramatik hin oder her, doch immer die Möglichkeit, bei einer so heiklen Komposition in den Klavierauszug zu schauen. Auf der Opernbühne heißt es dann, auch den kompliziertesten Einsatz im rechten Moment zu absolvieren.
Wie lange man dafür braucht, eine neue Partie in die Gurgel und ins Gedächtnis zu bekommen, hängt davon ab, wie hoch die Anforderungen an Gesangskunst und Merkvermögen sind. Brittens Musik ist ja, vordergründig betrachtet, viel weniger leicht zu durchschauen, klingt weniger „natürlich“ als Klassik oder Barockes. Freilich, Angelika Kirchschlager weiß aus Erfahrung, dass es einen Moment gibt, in dem sich die Dinge umkehren: „Bei Stücken wie Lucretia oder gewissen Richard-Strauss-Rollen denkt man zunächst: Das lerne ich nie, so vertrackt wirken sie. Aber dann macht es bei solchen Meisterwerken plötzlich klick und die Musik ist im Körper – und zwar für den Rest des Lebens. Dann macht man keine Fehler mehr. Hingegen hat man bei den scheinbar einfacheren Herausforderungen, bei Mozart oder Händel zum Beispiel, lebenslang die Angst, irgendwo auf die falsche Schiene zu kommen . . .“
Für die Auftritte in den Konzertsälen bereitet sich Angelika Kirchschlager am liebsten mit Pianisten wie Anthony Spiri vor, mit dem sie jüngst eine ORF-CD mit Liedern von Joseph Marx aufgenommen hat, die nicht nur für sie, sondern auch für die Hörer hinreißende Entdeckungen darstellen; und allen voran mit Helmut Deutsch (im Bild oben) – „er bleibt meine Nummer eins“ auch in Sachen Programm-Wahl und -Harmonisierung. Wild & Team
Rape of Lucretia, Theater an der Wien ab 17. 2.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)