Angewandte Mathemodik

Angewandte Mathemodik
Angewandte Mathemodik(c) Clemens Fabry
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Je ungewöhnlicher die Kombination, desto spannender das Ergebnis: Design Thinking bringt Kreativität und Wissenschaft unter einen Hut, auch Mode und Mathematik.

Hand aufs Herz: Wie viele Kommastellen der Zahl Pi schütteln Sie in einer gepflegten Dinnerkonversation aus dem Ärmel, und was kommt Ihnen, sagen wir, bei Erwähnung der Euler'schen Zahl in den Sinn? Nichts? Nacktes Grauen? Wenn dem so ist, sind Sie vielleicht in guter, fraglos jedoch umfangreicher Gesellschaft. Schließlich ist die Mathematik weit davon entfernt, Gassenhauer unter den Wissenschaften zu sein. Und das, obwohl diejenigen, denen sich die abstrakte Schönheit rechnerischer Denksphären erschlossen hat, von essenziellem Erkenntnisgewinn schwärmen.

„Für mich persönlich ist die Mathematik eines der fundamentalsten Gebiete der Naturwissenschaft, denn mit ihr kann ich das, was ich von der Welt wissen will, erklären“, gibt sich die junge Modedesignerin Sophie Skach begeistert. Seit sie durch Vorträge von Math.Space-Initiator Rudolf Taschner auf den Geschmack gekommen ist, und das war noch während ihrer Schulzeit der Fall, lässt sie die Mathematik nicht mehr los.

Sowohl durch ein paralleles Mode- und Mathematikstudium als auch in ihren Kollektionen, die sie bislang etwa im Rahmen des Projekts „Dirndl Meets Kimono“ bei der Tokioter Modewoche präsentierte, ist Skach darum bemüht, die beiden Gebiete zusammenzuführen. „Mir geht es um die Ästhetik der Mathematik und die Fundamentalität dieser Wissenschaft“, präzisiert sie.

Ihr Hauptaugenmerk gilt aber dem Modemachen, das sie als Werkzeug begreift: „Es ist mir ein großes Anliegen, die Mathematik in der Mode darzustellen, und ich freue mich sehr, wenn jemand zum Beispiel nachfragt, was eine Formel bedeutet – weil ich ja selbst so dazu gekommen bin.“ In manchen, besonders ihren frühen Arbeiten, ist Skachs Herangehensweise durchaus plakativ, und Zahlenkonstrukte prangen als ornamentale Zierde auf Kleidungsstücken.

Descartes-Kollektion. Da sie sich jedoch selbst der Tatsache bewusst ist, dass eine allzu explizite Umsetzung dieser Inspiration bei oftmaliger Wiederholung rasch monotone Resultate zeitigen würde, geht sie verstärkt ins Detail, das sich dem Uneingeweihten nicht gleich erschließt: So ziert das kartesianische Koordinatensystem in abstrahierter Form einen Pullover ihrer Descartes-Kollektion, oder die Maschen eines Strickbundes folgen der Zahlenreihe einer mathematischen Beweisführung.

Interessant für begeisterte Wurzelzieher, harmlos für Mathegeschädigte. Wirklich? „Für mich liegt in der Mathematik einfach eine große Faszination“, so die junge Designerin, „und durch meine Arbeitsweise wählt sich eigentlich auch die Zielgruppe von selbst. Je länger ich nach diesem Konzept arbeite, desto größer wird das Anliegen, das Thema auch zu vermitteln.“ Durch ihren Zugang, der zwar den Akzent auf den Designprozess legt, zugleich aber eine interdisziplinäre Dimension beinhaltet, bewegt sich Sophie Skach in Richtung des sogenannten „Design Thinking“. Diese Methode bringt Kreative, Wissenschaftler und Vertreter anderer Sparten zusammen, auf dass gemeinsam innovative Lösungen entwickelt werden.

Das kann in Richtung besonders benutzerorientierter Anwendungen gehen, auf neue Impulse für Businesslösungen abzielen (Stichwort: Querdenken) oder auch adäquate Wege der Wissensvermittlung erschließen. „Design Thinking versuchen sich derzeit viele Leute aufs Banner zu schreiben, vor allem im Bereich von Organisation und Management“, erläutert Ruth Mateus-Berr, Assistentin an der Universität für angewandte Kunst. „Ursprünglich kommt es aber aus dem Bereich von Architektur und Design, da man den Anspruch hatte, für Menschen zu arbeiten, die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer zu identifizieren.“

Ideal grenzgängerisch teilt sich die laut Eigendefinition „hybride Persönlichkeit“ von Mateus-Berr zwischen Wissenschaft, Kunst und Designpädagogik auf: So war sie auch eine der Betreuerinnen von „Design Goes Maths“, das von 2007 bis 2010 lief und Studierende und Lehrende der Angewandten, der TU Wien und der Hauptuniversität zusammenbrachte.

Brückenbauen. Nach Abschluss dieser Kooperation formierte sich aus einer Kernzelle das Folgeprojekt „Design Goes Fashion“, das derzeit konkrete Züge annimmt. „Wir stehen erst am Anfang, und es ist durchaus möglich, dass wir im Lauf unserer Arbeit verschiedene Anwendungen für verschiedene Zusammenhänge entwickeln werden“, so Mateus-Berr.

Auf der im Juli 2011 in Coimbra stattfindenden Konferenz der Bridges Organization, die seit 1998 um die Erschließung mathematischer Zusammenhänge in Kunst, Design und Musik bemüht ist, sollen erste Zwischenergebnisse präsentiert werden.

Walter Lunzer, Modedesigner und als Leiter sogenannter „Stitching Sessions“ beliebte Anlaufstelle der Do-it-yourself-Fangemeinde, ist ebenfalls beteiligt an „Fashion Goes Maths“. Stoßrichtungen gibt es seiner Meinung nach viele: So könne es für Designer darum gehen, der eigenen Arbeit mehr Tiefgang zu verleihen – ein Ansatz, den Sophie Skach verfolgt. Darüber hinaus gilt Lunzers Begeisterung dem pädagogischen Aspekt, da er selbst aufmerksam Science Center besucht: Dabei handelt es sich um interaktiv angelegte Museumsmodelle, in denen Besucher sich selbsttätig Inhalte erarbeiten.

Rechenbeispiel. Mit diesem Ansatz eng verwandt ist eine der Ursprungsideen, Mode und Mathematik zusammenzuführen, die nämlich nach Optionen überraschender Unterrichtsgestaltung sucht. „Die Abwicklung dreidimensionaler Kugelformen, ähnlich wie beim Schnittzeichnen, ist eine Richtung, in die ich derzeit gehe. Eine andere Idee war, Linien der Zentrifugalkraft zu visualisieren, indem man an einen schwingenden Rock eine Leuchtdiode anbringt und mit Langzeitbelichtung fotografiert“, meint Lunzer.

Auf den Erfolg von Visualisierungen der Mandelbrot-Menge verweisend, ergänzt er: „Ich finde leichter Zugang zu einem schönen Bild als zu einer reinen Formel.“ Nach einem ähnlichen Prinzip kann auch die Mathematik-Mode funktionieren. Nicht nur Leute werden also von Kleidern gemacht, sondern neuerdings auch wissenschaftlicher Nachwuchs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)

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