Schriftsteller Hamed Abboud ist müde vom vielen Erklären. In seinem neuen Buch flüchtet er in seine Kindheit in Syrien – und schreibt zum ersten Mal auf Deutsch. Am Freitag präsentiert er die humorvollen Erzählungen in der Brunnenpassage.
Manches verwendet Hamed Abboud gern so, wie man es im Arabischen formuliert. Etwa wenn er sagt: „Die Inspiration fiel auf meinen Kopf.“
Die Inspiration, die im konkreten Fall auf seinen Kopf fiel, war Christian Futschers Roman „Mein Vater, der Vogel“. Der Wiener Autor sammelt darin lustige Erinnerungen und flüchtige Momente seiner Familiengeschichte. So wie Futscher, sagt Abboud, wollte er auch von seinem Vater erzählen.
„Meine vielen Väter“ heißt nun das Buch, in dem letztlich nicht nur der humorvolle Lehrer und Bäcker seinen Auftritt hat. Auch die übrigen Familienmitglieder wandern immer wieder ins Bild. Geschwister, Onkel, natürlich die Mutter, jene „Ausbildungskreuzritterin“, die mit Lackstift die Wände der Wohnung vollschreibt, damit die Kinder all das, was sie aus dem Unterricht nicht gut beherrschen, Tag und Nacht vor sich sehen.
Hamed Abboud nennt das Buch, in dem er in seine Vergangenheit in Syrien eintaucht, eine „Erholung“. Einen „Atemort“, den er dringend nötig gehabt habe. Seine ersten beiden Bücher, „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“ und „In meinem Bart versteckte Geschichten“, seien „verzierte Baustellen“ gewesen. Texte, in denen er mit den Mitteln der Literatur Krieg und Flucht, Exil und das Leben zwischen den Kulturen bearbeitete. Das Publikum kennt ihn seither als den „Flüchtlingsautor“, als Integrationsbotschafter. Als jemanden, der auf seinen Lesungen versucht, zu erklären, Verständnis zu schaffen, Vorurteile abzubauen. „Aber ich bin müde“, sagt Abboud. Das Buch nun sei keine Baustelle. „Kein komplexes Hin und Her. Nur die Darstellung der Erinnerung. Es war wie Urlaub für mich.“
Lyrik als Zwölfjähriger
Zu Schreiben begonnen hat Hamed Abboud schon als Zwölfjähriger. Anlass? „Die Liebe“. Oder eher Liebeskummer. „Etwas musste raus“, sagt er über seine ersten rhythmische Sätze. Erst später erfuhr er, dass es so etwas wie Literatur gibt. Poesie kam in der Schule erst später, an Büchern gab es in der Wohnung nur die englische und mathematische Fachliteratur seiner Eltern. Kinderbücher gab es keine, „dafür immer die Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter“.
Heute lebt die Familie aus Deir Ez-Zor auf drei Länder verstreut. Hamed Abboud und ein Bruder sind in Österreich, Mutter, Schwester und ein Bruder in Frankreich. Nur Abbouds Vater lebt immer noch in Syrien, das er nicht verlassen will. Hamed Abboud selbst landete zunächst im Burgenland, wo er sich schnell zugehörig fühlte, und er wäre dort geblieben, wenn ihn seine burgenländischen Freunde nicht schließlich nach Wien bugsiert hätten, um Karriere zu machen: Am Land leben könne er später immer noch.
Die Idee einer Karriere als Schriftsteller, sagt der studierte Telekommunikationsingenieur, sei ihm gar nicht gekommen. In Syrien sei das keine Möglichkeit. Und auch in Österreich, dachte er, würde es wohl nur eine Leidenschaft bleiben, mit Publikationen in arabischen Magazinen. „Aber zum Glück hat das Leben so viele Überraschungen versteckt im Ärmel.“
Es waren österreichische Freunde, die seine ersten Lesungen organisierten, nicht zuletzt in der Schweiz, wo sich sein erster Verleger fand. Und es war sein Publikum, das ihn mit Buchbestellungen zu Beginn der Pandemie über Wasser hielt. Im Vorjahr dann war Abboud ein Drittel des Jahres unterwegs. 57 Lesungen waren es im ganzen deutschsprachigen Raum.
Mit der neuen Sprache kam ein neuer Stil
Nun auch selbst auf Deutsch zu schreiben, hatte er indes in absehbarer Zukunft gar nicht vorgehabt. Dass er es dennoch tat, sei keine bewusste Entscheidung gewesen: Die ganze Idee zum Buch sei auf Deutsch entstanden. Hätte er auf Arabisch geschrieben, sagt Abboud, wäre das Ergebnis länger, trauriger, nostalgischer gewesen. „Durch die Sprache gewann ich einen entspannten Abstand.“
Und mit der Sprache wandelte sich auch der Stil. Aus blumigen Formulierungen und vielen Metaphern wurden kurze, leichte Sätze. Wie ein Baby, das mit Sand spielt, beschreibt Abboud seinen Zugang beim Schreiben der rund 60 kurzen Texte. „Picknickliteratur“ nennt er scherzhaft den grünen Band, der ihn an seine „grüne Heimat, wo der Euphrat fließt“, erinnert. Und vielleicht, hofft er, könnten die Schilderungen den Leser auch in eigene Erinnerungen eintauchen lassen. „Ich glaube, dass jede Familie ihre eigenen lustigen, humorvollen Seiten hat.“
Literaturhinweis:
Auf einen Blick
Hamed Abboud (geb. 1987 in Deir Ez-Zor) studierte Telekommunikationstechnologie in Aleppo und lebt seit 2014 in Österreich. 2017 erschien „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“, 2020 folgte „In meinem Bart versteckte Geschichten“.
Neues Buch: „Meine vielen Väter“, Edition Korrespondenzen, 128 Seiten, 22 Euro.
Termin: Am Freitag, 14. April, wird das Buch in der Brunnenpassage präsentiert. 19 Uhr, Brunnengasse 71 / Yppenplatz.