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Toni Giger: "Nicht das Material, der Athlet gewinnt"

Toni Giger Nicht Material
Giger(c) APA/HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)
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Österreichs ehemaliger Cheftrainer des Herrenskiteams leitet nun die ÖSV-Forschungsabteilung. Der "Presse am Sonntag" erklärt er, warum die Routine eines Didier Cuche wichtiger ist als das beste Material der Welt.

Sie waren elf Jahre lang Cheftrainer des österreichischen Herrenskiteams, sind seit Sommer Leiter der Abteilung für Entwicklung, Forschung und Innovation. Was darf man sich darunter vorstellen?

Toni Giger: Ich bin ein Bindeglied. Ein Bindeglied zwischen Mannschaft, Ausrüstern und Universitäten. Und ich bin Bindeglied zwischen den verschiedenen Sparten, die wir im ÖSV haben. Also nicht nur zwischen dem alpinen Skilauf, sondern auch Skispringen, Langlaufen, Kombinieren, Snowboard, Ski Cross. Als Cheftrainer lebst du in einer eigenen Welt, Damen und Herren sind getrennt, jeder ist unterwegs. Du hast kaum Berührungspunkte mit den anderen. Als Skitrainer beginnt die Arbeit im Morgengrauen, endet in den Nachtstunden.

 

Was haben beispielsweise Skispringen und Abfahrt miteinander zu tun?

Wir reden hier von Schneesport. Jeder Sport, der auf Schnee betrieben wird, hat mit Reibung auf dem Schnee und mit Aerodynamik zu tun. Das sind schon einmal zwei Berührungspunkte. Natürlich in unterschiedlicher Ausprägung und in verschiedenen Spielformen. Auch die Geschwindigkeiten sind unterschiedlich. Wobei man die Geschwindigkeit beim Langlauf nicht unterschätzen darf. Insgesamt haben wir beim ÖSV 35 Serviceleute. Wir müssen 360 Athleten betreuen. Im Vergleich dazu gibt es bei den Alpinen im Weltcup etwa 20 Serviceleute von den Firmen.

Wie entscheidend ist das Material?

Also, eines muss ich einmal klar festhalten: Der Athlet steht immer im Zentrum. Und die letzte Entscheidung hat auch immer der Athlet. Er ist es, der einen Wettkampf gewinnt. Natürlich verschafft man sich einen Vorteil, wenn man über gutes Material verfügt. So entsteht ein psychologischer Vorteil. Ohne Topmaterial bist du verloren. Wir vom Verband können Athleten nur unterstützen.

Verfügt der ÖSV wieder über Topmaterial? Wie ist es um die Rennanzüge bestellt?

Ich behaupte: Wir haben mit unseren Rennanzügen die Nase vorn. Wir verfügen über die schnellsten Anzüge. Mit Schöffel ist es gelungen, uns auf deutsche Qualitätsprodukte verlassen zu können.

 

Anzüge, die bei hoher Geschwindigkeit tatsächlich pfeifen?

Ja, wir haben diese Geräusche nicht weggebracht. Warum sie pfeifen, das wissen wir nicht. Aber von mir aus kann die Konkurrenz ruhig darüber lachen.

Das heißt, Österreich hat den Nachteil auf dem Materialsektor, der entstanden ist, schon wieder aufgeholt?

Zur Klarstellung: Wir hatten keinen Nachteil. Früher hatten wir Asics als Ausrüster. Diese Firma ist von sich aus ausgestiegen, die Produkte wurden exklusiv für uns gemacht. Dann ist Spyder gekommen – aber wir hatten keinen Exklusivkontrakt. Auch damals haben wir die Anzüge optimiert, aber später wurden die Produkte auf der ganzen Welt verkauft. Wir haben den Karren gezogen – heute sehe ich noch Teams mit unserem Material. Der ÖSV hat noch einmal den Ausrüster gewechselt, dann ist aber Anzi Besson in Konkurs gegangen. Damit konnte niemand rechnen.

Welche Aufgaben haben Sie noch zu lösen?

Man muss unterscheiden zwischen Wissenschaft und Praxis. Die Umsetzung funktioniert nicht von selbst. Wir verfügen über ein Testteam, werden Teststrecken bauen. Man darf sich bei dieser Arbeit nicht nur auf den Windkanal konzentrieren. In der freien Natur schaut dann manchmal alles ganz anders aus. Oder zumindest ein wenig anders. Im Freien gibt es eben andere Einflüsse, Unberechenbarkeiten.

Hat Ihre Abteilung auch schon in Garmisch, wo die Weltmeisterschaft stattfindet, getestet?

Man muss immer dranbleiben (lacht). Natürlich versucht man, sich auf bestimmte Ereignisse vorzubereiten. Aber unsere Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen, die geht natürlich auch während der WM weiter.

Wie viel Geld stellt der ÖSV für die Forschungsabteilung zur Verfügung?

Das müsste der Herr Präsident (Peter Schröcksnadel, Anm.) beantworten. Aber es ist nie genug. Wir haben an die 40 Mitarbeiter, die sitzen in ganz Österreich. Fünf Mitarbeiter sind in Kitzbühel vor Ort. Aber von der Formel 1 sind wir noch weit entfernt. Das Material oder die Wissenschaft spielen nicht so eine große Rolle wie im Motorsport. Skifahren ist viel komplexer. Das liegt an der unterschiedlichen Beschaffenheit der Strecken, des Untergrunds.

Ist der Skisport schon ausgereizt?

Im Sport geht es immer darum, Grenzen zu verschieben. Durch mehr Kurven hat man die Geschwindigkeit grundsätzlich reduziert. Aber es kommt dadurch zu mehr Fehlbelastungen, zu Nebenwirkungen. Was das Thema Netze und Sicherheit betrifft, wird perfekte Arbeit geleistet. Aber der Formel-1-Pilot sitzt in einem Gehäuse, unsere Athleten fahren fast nackt.

Wie schaut es mit dem Risiko-Gewinn-Verhältnis im Skizirkus aus? Rechtfertigt das Einkommen die große Verletzungsgefahr?

Das regelt der Markt. Man soll nie verschiedene Sportarten miteinander vergleichen, das hinkt immer. Das gilt auch für Trainer. Geld sollte nie die erste Triebfeder sein. Wie überall geht es um Fanatismus. Und um eine gute Ausbildung.

 

Ist es Zufall, dass bei den großen klassischen Abfahrten wie Kitzbühel meist Routiniers wie Didier Cuche gewinnen, die ihren 30. Geburtstag längst hinter sich haben?

Nein. Routine ist das Wichtigste. Viele kommen aus den technischen Disziplinen, werden erst später universeller. Speziell in der Abfahrt dauert der Entwicklungsprozess normalerweise viel länger.

 

Haben Sie die Schlappe von Vancouver mittlerweile verarbeitet?

Wir haben bei Olympia enttäuscht, wichtige Rennen nicht gewonnen. Aber die Mannschaft hat sich nicht zerfleischt oder zerkriegt. Ich persönlich habe eigene Ziele nicht erreicht. Aber es war vor den Spielen schon fix, dass ich als Herrencheftrainer aufhöre. Ich wollte eine neue Herausforderung – der ÖSV war und ist meine erste Adresse. Und die habe ich gefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)