Kuriose kulturpolitische Fehlleistung konnte im letzten Moment mit der kosmetischen Aktion einer Vertragsverlängerung verhindert werden.
Die Bregenzer Festspiele sind an einer internationalen Blamage knapp vorbeigeschrammt. Am vergangenen Wochenende war zu erfahren, dass der Vertrag des amtierenden Intendanten, David Pountney, um ein Jahr verlängert worden ist. Das ist ganz offenkundig eine Augenauswischerei. Doch wahren auf diese Weise alle Beteiligten, Stiftungsrat wie Pountney, ihre Gesichter.
Eine Zeitlang hatte es beinah so ausgesehen, als könnte eine Intrige die Festspiele um die Möglichkeit der längst fälligen künstlerischen Erneuerung bringen. Diese Intrige begann kurioserweise mit einem scheinbar ganz normalen Vorgang: Pountney, seit 2004 im Amt, hat sich auf die Ausschreibung des Intendantenpostens ab 2014 – also um eine Vertragsverlängerung – beworben.
Nun war aber der Stiftungsrat der Festspiele im vergangenen Frühjahr aus guten Gründen übereingekommen, Pountney nach zehn Jahren nicht ein weiteres Mal ins Rennen gehen zu lassen. Das war, so verlautete damals, mit Pountney auch akkordiert.
Indem er nun dennoch eine Bewerbung abschickte, gelang es dem Intendanten, jene Mitglieder des Stiftungsrates zu brüskieren, die mittels Ausschreibung einen neuen Intendanten finden wollten; allen voran den langjährigen Festspiel-Präsidenten Günter Rhomberg.
Im Raum stand mit einem Mal nicht mehr Pountneys, sondern Günter Rhombergs Rückzug. Nun könnten jene Argumente, die gegen Pountney ins Treffen geführt werden – voran die Tatsache, dass sich der Intendant mehr dem Regieführen in aller Welt widmet als dem gedeihlichen Entwickeln des Festspiel-Gedankens – ähnlich auch gegen Rhomberg formulierten werden, der als Mitglied des Stiftungsrates des Wiener Theaters in der Josefstadt öfter in Wien anzutreffen ist als im Ländle.
Schwerer wiegen freilich die oft zynischen Kommentare über die künstlerischen Aktivitäten Pountneys – zuletzt wegen seiner Inszenierung der „Trojaner“ von Berlioz in Berlin. Sie sind für das Ansehen der Bregenzer Festspiele so wenig förderlich wie die programmatischen Ideen, die in den vergangenen Jahren am See realisiert wurden. Vom Renommee, das sich die Festspiele unter der Führung Alfred Wopmanns (seit 1983) erwerben konnten, sind sie in der Ära Pountney weit entfernt.
Als Regisseur war Pountney zwar an manchen Erfolgen der Wopmann-Zeit mit beteiligt. Als Intendant gelang es ihm jedoch nicht, ähnlich stimmige Konzepte zu entwickeln. Zeit also für einen Wechsel – auf dem Intendantensessel! In Bregenz wäre man gut beraten, den Präsidenten erst auszuwechseln, wenn dieser – ein seltener Fall eines Managers von echter Kulturaffinität – die Weichen für die Zukunft mit Umsicht gestellt hat. Man hat jetzt ein Jahr Frist gewonnen ...
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2011)