"Così fan tutte": Wiener Mozart-Pflege, Marke 2011

tutte Wiener MozartPflege Marke
tutte Wiener MozartPflege Marke(c) FABRY Clemens
  • Drucken

In der Staatsoper steht ein Debütant am Dirigentenpult: "Così fan tutte" unter der Leitung von Jérémie Rohrer in neuer, junger Besetzung: Riskante Spiele zwischen Bühne und Orchester.

Als musikalische Neueinstudierung firmierte Mozarts „Così fan tutte“ vor Kurzem in der Wiener Staatsoper. Die erste Aufführung war eine geschlossene Vorstellung. Die zweite brachte schon wieder zwei Rollendebüts. So war die Präsentation des neuen Ensembles wohl nicht gedacht, aber das bringt der tägliche Spielbetrieb in einem solchen Haus mit sich. Und es ist immerhin gut zu wissen, dass wir Sängerinnen ständig verpflichtet haben, die imstande sind, die beiden großen Frauenrollen in diesem Werk tadellos zu singen.

Caroline Wenborne scheint für die Direktion Dominique Meyer so etwas zu werden wie seinerzeit Eliane Coelho für Ioan Holender. Sie ist zur Stelle, wenn es gilt, sehr heikle Partien zu besetzen. Und sie singt offenbar ein breites Repertoire auf hoher Qualität. Die vielen teuflischen Fallen, die Mozart seiner Primadonna stellt – vor allem im Hinblick auf den enormen Stimmumfang – bewältigt sie scheinbar völlig mühelos. Es fehlt ihr vielleicht an Charisma, um die Früchte dieses vokalen Könnens auch als Bühnenfigur zu ernten. Eine umwerfende Persönlichkeit ist Wenbornes Fiordiligi nicht unbedingt.

Ihr zu Seite: Die Dorabella von Stephanie Houtzeel. Da liegen die Dinge anders. Der Mezzo ist keineswegs ebenmäßig schön in allen Lagen geführt, klingt in den Arien vor allem gegen die Höhe zu oft unangenehm geschärft. Doch ist Houtzeel eine glaubwürdige Darstellerin, die auch vokal zu hoher Ausdruckskraft befähigt ist. Spürbar wird das beispielsweise im Duett mit Guglielmo, wo der virile, wirklich kraftstrotzende und komödiantisch mitreißende Ildebrando d'Arcangelo mit ihr ein Kabinettstück an ausgefeilter musikalischer Dramatik abwickelt. Da kommt es plötzlich nicht mehr so sehr darauf an, wie schön, sondern was gesungen wird.

In solchen Momenten gewinnt das Spiel in Roberto de Simones altbewährter Produktion an Profil und an Innenspannung, wie sie sich im ersten Finale schon einstellt, in dem die gute Komödien-Laune aller Beteiligten das Niveau früherer Wiener „Così fan tutte“-Aufführungen erreicht. Da läuft auch ein zurückhaltender Stilist wie Topi Lehtipuu zur vollen Form auf, denn er kann demonstrieren, dass er diffizile Koloraturen in jedem beliebigen Tempo blitzsauber und vor allem punktgenau absolvieren kann.

Seine Arien singt er in verträumter Dezenz, aber mit bewundernswert konzentrierter Phrasierungskunst. Anita Hartig dazu als frech-selbstbewusste, durchaus kraftvoll akzentuierende Despina und – seit Riccardo Mutis Zeiten mit der Inszenierung vertraut – Alessandro Corbelli als nach wie vor souveräner, bärbeißiger Spielmacher Don Alfonso.

Mutig-selbstbewusster Dirigier-Debütant

Mit Jérémie Rohrer steht ein Debütant am Dirigentenpult. Die zweite Probe dieser Neueinstudierung. Bis dato war gerade diese Oper in Wien, seit die Direktoren Mahler und Richard Strauss sie wieder salonfähig gemacht hatten, stets in den Händen des gerade amtierenden „Mozart-Papstes“, ob das seinerzeit Clemens Krauss und Josef Krips und (bis zur Premiere 1975) Karl Böhm waren, oder zuletzt Muti: Einstudierungen von „Così“ waren eine Art Chefsache.

Rohrer, Originalklangspezialist aus Paris, bricht mit dieser Tradition und führt das Wiener Orchester ganz bewusst – und auch mit erstaunlicher Konsequenz – in die Bereiche eines vor allem dynamisch sehr differenzierten Klangbilds mit harschen Tempi.

Die Philharmoniker gehorchen dem jungen Mann erstaunlich willig. Erstaunlich, weil sie ihm hie und da auch folgen, wo sie sich normalerweise lauschend mit den Sängern verbrüdern würden. Dass man etliche heikle Dinge nicht dirigieren kann, muss Rohrer noch lernen. Die Chancen, dass etwa die Solo-Oboe und Fiordiligi bei der Übergangspassage im E-Dur-Rondo gleichzeitig fertig werden, mehren sich, je weniger der Dirigent eingreift.

Aber das ist Lehrgeld. Jérémie Rohrer, ein Mann mit bemerkenswertem Gestaltungswillen, bezahlt es in Wien. Man wird mit Neugier verfolgen, ob sich bei weiteren Gastspielen der interpretatorische Ehrgeiz mit einer höheren Trefferquote im Zusammenspiel des Orchesters mit den Sängern paaren wird (so viel „Auseinander“ gab es bei einer Mozartaufführung hierzulande seit Menschengedenken nicht) – und vielleicht auch, ob sich Rohrer aus Höflichkeit von der nächsten Gage einen Frack kaufen wird. Oder zumindest Hemd und Krawatte . . .

Così fan tutte: 25. und 29. Jänner

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.