Diskussion: Ethik als "Bringschuld" der Schule

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Die Religion habe an "Strahlkraft" verloren – um Werte zu vermitteln, solle der Ethikunterricht flächendeckend eingeführt werden. Wer unterrichten darf, ist umstritten.

Wien/J.n. Knapp 87.500 Österreicher haben der katholischen Kirche im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt – auch in den Schulen sinkt die Zahl jener, die den Religionsunterricht besuchen. Denn: Als „Hüterin der allgemeinen Moral“ habe die Religion an „Verbildlichkeit“ verloren – so der Wiener Philosoph Peter Kampits in seinen einleitenden Worten zur Podiumsdiskussion „Ethikunterricht – brauchen wir das?“ am Mittwoch im Alten Rathaus in Wien.

Ersatz solle ein verpflichtender Ethikunterricht für Kinder und Jugendliche, die keiner anerkannten Religionsgemeinschaft angehören oder die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben, bieten. Zumindest darüber herrschte seltene Einigkeit unter den Diskutanten. Auch die Religionsvertreter – der evangelische Bischof Michael Bünker und der Rektor der „Kirchlich Pädagogischen Hochschule Wien/Krems“, Michael Wagner – sprachen sich für eine Ausweitung des Schulversuchs als alternatives Pflichtfach aus.

Das Argument: Die Vermittlung von Werten wie Toleranz, Respekt und Würde sei für das gesellschaftliche Leben „so wesentlich“, dass sie jedem Schüler zuteilwerden müsste, sagt auch der Zweite Nationalratspräsident und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer (ÖVP). Der Staat habe diesbezüglich sogar eine „Bringschuld“, waren sich die Diskutanten einig. Es dürfe nicht sein, dass der Egoismus „selbstverständlich“ werde, so Neugebauer. Die Frage nach „ethischem Verhalten“ habe gerade durch die Entwicklungen in der Medizin, Ökologie, Wirtschaft und den Neuen Medien an Bedeutung gewonnen, so Kampits. „Nur weil wir etwas können, heißt das noch lange nicht, dass wir alles wollen sollen.“

 

Umstrittene Religionslehrer

Streitpunkt des Abends: die Frage, ob auch Religionslehrer Ethik unterrichten sollen. Sie sorgte nicht nur auf dem Podium, sondern auch unter den Zuhörern für große Aufregung. Klar dagegen sprach sich Peter Kampits aus: „Wenn Religionslehrer Ethik unterrichten, dann ist das ein Etikettenschwindel.“ Die Befürchtung: Der Glaube der Religionslehrer könnte auf den Ethikunterricht „abfärben“, wie es auch Zuhörer in ihren Statements formulierten. „Wenn ich mein Kind vom Religionsunterricht abmelde, möchte ich nicht, dass es demselben Lehrer im Ethikunterricht wieder begegnet.“ Anders sah das Bischof Bünker. Es sei eine „Frage der Professionalität“, ob der Unterricht tatsächlich durch die persönlichen Überzeugungen beeinflusst würde. In der Praxis sei das kein Problem, meint Michael Jahn, Direktor der Ethik-Gründerschule Borg Hegelgasse: Wichtig sei nur, dass ein Lehrer in derselben Schulstufe nicht beide Fächer unterrichte. PH-Rektor Wagner bezeichnete es gar als „unglaublich diskriminierend“, davon auszugehen, dass die Religionslehrer „das nicht können“.

Durchgeführt wird der Schulversuch Ethik derzeit an 105 AHS und 89 BHS. Im Borg Hegelgasse laufe dieser „bestens“, so Jahn. Natürlich seien die Schüler zu Beginn skeptisch gewesen – denn: „Welches Fach hätte schon eine Chance gegen das Kaffeehaus?“ Mittlerweile werde der Ethikunterricht gut angenommen. Wenn auch die Anmeldezahlen nach einem ersten Boom wieder etwas zurückgegangen sind.

Religions- und Ethikunterricht würden also nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen, so die Auffassung der Diskutanten. Aus dem Publikum kamen dazu durchaus kritische Stimmen: In der Praxis sei ein verpflichtender Ethikunterricht für alle Schüler, kombiniert mit einem freiwilligen Religionsunterricht, sinnvoller als die derzeitige Lösung, merkte eine Volksschullehrerin aus dem Publikum an. Kulturell und ethnisch heterogene Klassen könnten so „gemeinsam über Wertvorstellung und unterschiedliche Religionen lernen“. Für Kampits ein durchaus „verlockender Gedanke“. Alle anderen wollten sich auf die Debatte nicht einlassen: „Als Ersatz sei Ethik nicht vorstellbar“, so Rektor Wagner. Religion sei immer noch eine zentrale Stütze, ohne die viel verloren gehe.

 

Pflichtfach „wäre leistbar“

Ethikunterricht als flächendeckendes Pflichtfach einzuführen, das war bereits 2006 der Plan der damaligen Bundesregierung. Geworden ist daraus – vor allem aus Kostengründen – nichts. Allein von 2011 bis 2013 würde ein flächendeckender Ethikunterricht 25 Millionen Euro kosten. Trotz der Sparmaßnahmen. „Wenn man politisch will, dann ist immer Geld da“, meint Neugebauer. Außerdem sei „der Mehrwert von Würde, Toleranz und Respekt nicht hoch genug einzuschätzen.“ Deshalb solle bis spätestens Juni eine Enquete stattfinden, um die weitere Vorgehensweise zu diskutieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2011)