Gastkommentar

Klimapolitische Unklarheit schadet unserer Wirtschaft

(c) Peter Kufner
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Warum investieren Unternehmen nicht mehr, und warum wollen die Jungen nicht mehr so viel arbeiten wie früher?

DER AUTOR

Christian Reiner ist Professor für Ökonomie und Statistik an der Lauder Business School in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind globale Lieferketten sowie Industrie- und Regionalökonomik. Inhaltlich befasst er sich zurzeit mit der langfristigen Entwicklung der Wettbewerbsintensität in Österreich.

Arbeit und Kapital tun nicht ihren Job. Eine säkulare Stagnation ließ die Investitionen trotz niedriger Zinsen hinter den privaten Ersparnissen zurückbleiben, und die Arbeitsproduktivität schwächelt ebenfalls. Auch beim Produktionsfaktor Arbeit läuft nicht alles rund. Junge Menschen entscheiden sich zunehmend für mehr Freizeit bei gleichzeitiger Arbeitskräfteknappheit.

Warum investieren Unternehmen nicht mehr, und warum wollen die Jungen nicht mehr so viel arbeiten wie früher? Hierfür gibt es viele Gründe, aber eine gemeinsame Ursache besteht, der zu wenig Beachtung geschenkt wird. Meine These lautet: Eine fundamentale und massive Unsicherheit über die Zukunft aufgrund einer immer bedrohlicheren Umweltkrise und deren ineffektiven Bearbeitung durch die Politik legt sich wie eine dicke schwere Decke auf Gesellschaft und Wirtschaft und erstickt Leistungsanreize und Zukunftsinvestitionen.

Hausaufgaben nicht gemacht

Finanzkrisen, Handelskriege, Pandemie und geopolitische Konflikte ließen die Unsicherheit in den letzten Jahren stark ansteigen. Der „Global Risk Report“ des Weltwirtschaftsforums zeigt aber für einen längerfristigen Zeitraum von zehn Jahren ein anderes Bild: Die vier schwerwiegendsten Risiken betreffen Phänomene rund um Klimawandel und Artensterben.

Dieser hohen Gefahreneinschätzung steht eine Umweltpolitik gegenüber, die ihre selbst gesteckten Ziele systematisch verfehlt und zwischen Ankündigungspolitik und Nichterfüllung von Hausaufgaben hin- und herschwankt, sodass sich im Hintergrund ein immer größerer Problemdruck aufbaut, von dem alle informierten Beobachter wissen, dass wir uns das eigentlich nicht leisten können.

Hinzu tritt eine weitere Form der klimapolitischen Unsicherheit, die durch ein politisches Hin und Her zwischen verschiedenen Partikularinteressen geprägt ist und zu einer unkoordinierten Hü-hott-Politik führt, wie etwa der Frage, ob und wann der Verbrennungsmotor verboten werden soll.

Folgen dieser Konstellation sind die Verfehlung von Klimazielen sowie eine veritable Glaubwürdigkeitskrise der Politik. UN-Generalsekretär António Guterres hat in wenig diplomatischer Art darauf hingewiesen, dass den starken Lippenbekenntnissen von Politik und Wirtschaft nur schwache Taten folgen: „Simply put, they are lying.“

Nach einer weltweiten Studie mit 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die 2021 im medizinischen Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, glauben auch nur etwa 30% der 16- bis 25-Jährigen, dass die Politik genug unternimmt, um der Klimakrise gerecht zu werden, und nur 31% vertrauen der Klimapolitik.

Unsicherheit durch fehlende und volatile Maßnahmen, Pessimismus und die daraus resultierende mangelnde Glaubwürdigkeit sind aber Gift für die Wirtschaft. Diese Einsicht ist seit John Maynard Keynes wohlbekannt und hochaktuell. Während in der Geldpolitik und in der Fiskalpolitik die Stabilisierung der Erwartungen mittlerweile als wichtiges Ziel akzeptiert ist, gilt offenbar in der Klimapolitik das Gegenteil, wird doch durch Politikversagen Unsicherheit produziert!

Es braucht Investitionen

Dabei spielt gerade hier die Unsicherheit noch eine viel wichtigere Rolle, weil der ökologische Umbau der Wirtschaft langfristige, kapitalintensive und irreversible Investitionsprojekte verlangt, deren Kalkulation besonders sensibel auf Unsicherheiten reagiert, wie beispielsweise der Ökonomienobelpreisträger Ben Bernanke gezeigt hat. Bei diesen Projekten steigt der Optionswert des Abwartens, um zu einem späteren Zeitpunkt über bessere Informationen zu verfügen, und die Folge ist ein Investitionsattentismus. Höhere Risikoaufschläge in der Finanzierung sorgen für einen weiteren Kanal, wie Unsicherheit das Investitionsvolumen reduziert. Eine neue Untersuchung der OECD für Unternehmensdaten von 1990 bis 2018 hat diese Effekte nun quantifiziert: Ein Anstieg der klimapolitisch verursachten Unsicherheit um zehn Prozent reduziert Investitionen um zwei bis drei Prozent. Dieser negative Effekt ist deutlich stärker bei karbonintensiven Unternehmen und besonders produktiven Unternehmen.

Junge wollen weniger leisten

Klimapolitische Unsicherheit kann aber auch die Leistungsbereitschaft von jungen Menschen reduzieren. Neben den materiellen Möglichkeiten zur eingeschränkten Erwerbstätigkeit einer Erbengeneration besteht auf einer tieferen Motivationsebene ein fundamentaleres Problem, weil die Klimakrise einen Zukunftspessimismus befördert. Düstere Prognosen und ein Gefühl der Ohnmacht führen zu einer stärkeren Fokussierung auf die Gegenwart, wie bereits Joseph Schumpeter am Beispiel des sozialen Antriebs der kapitalistischen Zivilisation ausgeführt hat. Sie reduzieren die Motivation zur Partizipation in einem Wirtschaftssystem, das auf Kosten der ökologischen Substanz lebt, die eigene Zukunft bedroht und damit den Generationenvertrag auf fundamentale Weise verletzt. Rückmeldungen aus der Arbeitswelt zeichnen ein Bild, wonach junge Menschen in ihrem Job etwas Sinnvolles machen wollen; es zählt mehr als Geld und Karriere. Unternehmen reagieren darauf und stellen in ihrem Employer Branding unter anderem Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit in den Vordergrund, im HR-Jargon auch als Green Recruiting bezeichnet. Allein nur relativ ein kleiner Teil der Unternehmen kann mit Fug und Recht und ohne Greenwashing ein grünes Geschäftsmodell vorweisen, welches junge Erwerbstätige motiviert.

Pessimistische Grundstimmung

Politisches Versagen in der Klimapolitik erhöht die Unsicherheit und fördert eine pessimistische Grundstimmung. Dies lässt die Anreize für Arbeit und Kapital sinken, die notwendigen Arbeitsleistungen und Investitionen zu erbringen, die wir so dringend brauchen, um die ökologische Transformation zu schaffen.

Da hilft es auch nicht, wenn in Reden klimapolitisches Valium verabreicht wird und die Technik als Erlöser angerufen wird, weil gerade grüne Technologien sich nur dann breitflächig durchsetzen werden, wenn es eine stringente und effektive Klimapolitik gibt.

Die gute Nachricht: Stabile und dem Problem angemessene glaubwürdige klimapolitische Rahmenbedingungen, die Planungssicherheit ermöglichen und den Weg in eine nachhaltige Zukunft weisen, können das Investitionsklima deutlich verbessern und vielleicht sogar junge Menschen dafür begeistern, an einem großen Projekt teilzuhaben, das eine bessere Welt für viele verspricht. Kurz gesagt: Nachhaltige Dynamik statt säkularer Stagnation!

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2023)

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