Russische Spionin: Anna Chapmans zweite Karriere

(c) REUTERS (ALEXANDER NATRUSKIN)
  • Drucken

Die enttarnte russische Spionin Anna Chapman moderiert eine TV-Show zu übersinnlichen Phänomenen. Die Nachfrage dazu ist in jedem Falle da. Russland greift auf die 28-jährige vormalige Spionin zurück.

Mitunter tut Tiefsinn weh: „Wenn jeder von uns mit einem Lächeln im Gesicht aufwachen und wenn jeder von uns sich über einen neuen Tag freuen würde, da man etwas Neues und Nützliches schaffen kann – dann wäre die Gesellschaft weniger negativ“, sagt Anna Chapman.

Würde Russland Wettbewerb im Mediengeschäft zulassen und seine wahren Ressourcen an menschlichem Potenzial wirklich nützen, müsste es auch nicht auf Ex-Spione als TV-Moderatoren zurückgreifen, könnte man antworten. Aber in Zeiten der Fischnot zählt eben auch der Krebs als Fisch, wie man auf Russisch das deutsche Sprichwortpendant formuliert, dass in der Not der Teufel Fliegen frisst.

Russland greift auf die 28-jährige Chapman zurück, die als vormalige Spionin im Westen angeblich ausreichend Erfahrung mit professionell instrumentalisiertem Sex hatte. Nach ihrer Enttarnung in den USA war sie mit zehn weiteren Spionen am 9.Juli auf dem Flughafen in Wien-Schwechat gegen vier mutmaßliche westliche Agenten ausgetauscht worden. Seit voriger Woche moderiert sie ein TV-Magazin im russischen Kanal REN TV.

„Geheimnisse der Welt mit Anna Chapman“ nennt sich das Magazin. Ein Spiegel der Moderatorin selbst, gewissermaßen. Keiner der enthüllten Spione hat das Geheimnisvolle bisher stärker gegen das Offensichtliche getauscht. Als „Agentin 00Sex“ oder „Agentin 90-60-90“, wie sie auch genannt wird, hat sie alsbald leicht bekleidet und mit einem Revolver in der Hand für ein Männermagazin posiert. Gewiss, sie dürfe nicht reden, beschied sie dem deutschen „Spiegel“, der in einem Moskauer Café zufällig auf sie gestoßen war, bedeutungsvoll.


In ihrer „Übersinnlichkeitsshow“ redet sie nun unverhüllt. „Ich bin Anna Chapman“, leitete sie die erste Ausgabe der TV-Show ein und zitierte damit James Bond. Erotik und Drama in wechselnder Abfolge. Drinnen Chapman im abgedunkelten Studio – mit schwarz lackierten Fingernägeln und im engen rot-schwarzen Kleid. Draußen jene mysteriösen Phänomene, die Chapmans Sendung ausleuchtet. Etwa die unerklärlichen Koranschriftzeichen auf dem Körper des einjährigen Ali Jakubov aus der nordkaukasischen Unruherepublik Dagestan. Tausende gläubige Moslems waren bereits zu ihm gepilgert.

Der Bericht in Chapmans Sendung ließ Theologen, Philologen und andere Experten zu Wort kommen. „Mir ist fast klar, was vor sich geht“, sagte Chapman abschließend. Sie bezichtigte die Familie des Jungen zwar nicht direkt des Betrugs, deutete einen solchen aber an. In einem Land, das die historische Periode der Aufklärung nicht mitgemacht hat, sind Sujets zum Aberglauben gefragt. Diese Woche folgt die Geschichte über das legendäre Bernsteinzimmer, das seit Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen ist.

Chapman selbst ist unfreiwillig aufgetaucht. Als Anna Wassiljewna Kuschtschenko in der südrussischen Stadt Wolgograd, dem früheren Stalingrad, geboren, war sie vor Jahren für den russischen Geheimdienst im Westen abgetaucht. Hatte einen Briten geheiratet und den Namen Chapman angenommen. Und hätte sich in hohe Kreise in den USA einschleichen sollen. Auf den Misserfolg in Amerika folgt nun die Karriere in Russland. Premier Wladimir Putin lässt seine Agenten nicht hängen. Noch vor ihrem TV-Engagement wurde Chapman im Oktober Beraterin des Präsidenten der wenig bekannten Bank „Fondservicebank“ mit Zuständigkeit für Investitionen und Innovationen. Und Ende Dezember schließlich Mitglied im Sozialrat der Kreml-nahen Jugendorganisation «Junge Garde», die mit ihren nationalistischen Aktionen im Kreuzfeuer der Kritik steht. Ihr dortiger Auftritt war ungelenker als der in der TV-Show: „Wir müssen die Zukunft verändern und dabei mit uns selbst beginnen“, sagte sie.

Auf einen Blick

Anna Chapman wurde 1982 in Wolgograd geboren. Ihr Vater arbeitete in der russischen Botschaft in Nairobi. Vor zehn Jahren zog Chapman nach London, wo sie den Briten Alex Chapman heiratete (inzwischen ist sie geschieden). Später übersiedelte sie nach New York, wo sie sich in hohe Kreise hätte einschleichen sollen. Stattdessen wurde sie als 2010 enttarnte russische Spionin mit Hang zum Körpereinsatz berühmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.