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Die Sache mit dem Taktstock

Die Drehtür versetzte Martin einen heftigen Stoß. Der gut einen Kopf größere Mann musste sich mit voller Wucht dagegen gestemmt haben, als er das Gebäude verlassen wollte.

Martin taumelte in die Empfangshalle des Wiener Traditionshotels. Sein Blick folgte dem anderen nach. Der Page vor dem Hotel winkte ein Taxi herbei. Der Hotelgast steckte dem uniformierten Hoteldiener einen gefalteten Geldschein in dessen Kragen und schlüpfte mit flatterndem Schal in die Limousine.
Das macht der immer so, Sie müssen verzeihen." Martin bremste sich vor dem Mann im grauen Anzug ein. Kurt Tanner, der Direktor des altehrwürdigen Hauses begrüßte ihn.
„Sagen Sie, war das nicht ...?" fragte Martin.
„Ja, das war Charles Goldstein, der berühmte Dirigent." Martin bedachte den Direktor mit einem für einen Privatdetektiv nicht gerade günstigen, weil blöden Blick. „Und ich dachte, ich soll ..."
„Natürlich, ich habe nach Ihnen wegen dem verehrten Herrn Trauner-Stürm, der ebenfalls unser Haus beehrt, geschickt." Tanner beugte seinen Kopf zu Martin vor und flüsterte. „Keine Sorge, ich habe sie räumlich möglichst weit voneinander getrennt, wenn Sie verstehen?"
Martin verstand. Die Rivalität zwischen den beiden Stardirigenten war gemeinhin bekannt. Während Fritz Trauner-Stürm seinem Ensemble viel Platz ließ, was manchen Stücken, etwa jenen von Mozart, eine heitere Unbeschwertheit und Leichtigkeit verlieh, hatte Goldstein seine Musiker an der Kandare. Wie ein Mann folgten sie seinem Taktstock, was beispielsweise Bruckner eine unerreichte Dynamik bescherte.
„Kommen Sie!" Tanner riss Martin aus dessen Gedanken. Er richtete sich auf und trippelte kerzengerade die Stufen voran. Der Mann konnte einem leidtun, dachte Martin. Seine eigene Klientel war zwar nicht immer einfach. Aber der Ärmste war nur von spleenigen Superreichen und zickigen Superschönen umgeben.
Sie stoppten vor einer Steilküste von Tür, die in die Suite führte. Dafür musste mindestens ein Mammutbaum hergehalten haben, dachte Martin. Direktor Tanner klopfte, wartete einen Moment und öffnete dann. Fritz Trauner-Stürm lag auf dem Diwan und tupfte mit einem Taschentuch über seine Stirn. Ein Mann sprang aus einem Fauteuil auf und streckte Martin die Hand entgegen. „Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Wie können wir Sie bei der Suche unterstützen?"
Es schien nicht Martins hellster Tag zu sein, denn er hatte weder Ahnung, wer dieser Mann war, noch um welche Suche es sich handelte. Er hatte nur gehört, dass der Dirigent einen Zusammenbruch erlitten hatte und seine Hilfe benötige. Außerdem sollte er sich ein Pokerface zulegen; es war nicht gut, wenn man seine Begriffsstutzigkeit vom Gesichtsausdruck ablesen konnte.
„Ach ja, natürlich, ich habe mich nicht vorgestellt, ich bin Doktor Riedl, der Impresario. Wissen Sie worum es geht?" Martin hatte an diesem Tag gute Erfahrung mit nonverbaler Kommunikation gesammelt und schüttelte den Kopf. Daraufhin erzählte der Agent, dass der Taktstock des Meisters verschwunden sei, gerade heute, so knapp vor dem Galakonzert eine Katastrophe.
„Aber Sie werden doch Ersatz finden?", fragte Martin den Dirigenten, als dieser wieder ansprechbar war.
„Nein, dafür gibt es keinen Ersatz. Das war der Dirigentenstab von Münzquängler, er hat ihn mir vor vielen Jahren geschenkt, ohne den kann ich nicht arbeiten." Er ließ sich stöhnend auf das Sofa zurückfallen. „Dieses ganze Engagement steht unter einem Unstern", mischte sich Dr. Riedl ein, „zuerst wird die erste Geige abgeworben, und vorgestern schnippelt sich der Solocellist beim Salamischneiden fast den Zeigefinger seiner Greifhand ab."
Das Stubenmädchen betrat den Raum. Sie tat einen Knicks, brachte ein Glas Wasser für Trauner-Stürm und stellte Riedl einen Cognac auf den Tisch. Sie trug die typische schwarze Uniform mit Spitzenhäubchen. Martin stach eine Rötung am Hals ins Auge. „Gut", sagte er, „hier haben Sie wohl schon gesucht." Riedl und der Direktor nickten. „Also mache ich mich besser an die Arbeit. Sie, Herr Doktor bleiben bei unserem Patienten, ich werde mich beim Personal umhören. Kommen Sie mit mir?" Der Direktor nickte und folgte Martin auf den Gang. Draußen zog er den Ermittler zu sich. „Diskretion ist unser oberstes Gebot, wenn Sie verstehen, aber es scheint mir angebracht, zu erwähnen, dass dieser Riedl gestern die halbe Nacht bei Goldstein zugebracht hat." Martin bedankte sich für den Hinweis, verlangte aber zuvor mit allen Hotelangestellten zu sprechen. Tanner ließ sie einzeln in seinem Büro aufmarschieren. Er lieferte auch die Personalakte dazu. Martin erkannte das Zimmermädchen von vorhin. Sie sagte, ebenso wie der Großteil der Belegschaft, dass sie nichts gesehen und an diesem Tag keinen Kontakt mit Goldstein gehabt hätte. Lediglich der Rezeptionist und der Page bestätigten, Goldstein am Vormittag das Hotel verlassen gesehen zu haben. Die Befragung hatte also keine neue Erkenntnis gebracht, außer dass das Stubenmädchen früher im Service beschäftigt gewesen war.
„Ja, die Arme hat eine Geldallergie, reagiert auf Scheine, seltsam, nicht?", erklärte der Direktor die Versetzung. Tanner begleitete Martin dann zurück in die Suite, wo Doktor Riedl nach wie vor bemüht war, seinen Künstler aufzubauen. Martin bat ihn in den Nebenraum und sprach ihn direkt auf sein Verhältnis zu Goldstein an.
„Na sicher hat er auch versucht, mich in seine Fänge zu bekommen", echauffierte sich dieser.
„Wollen Sie damit andeuten...?"
„Ja! Abzuwerben hat er mich versucht. Den halben Abend, aber keine Chance, egal wie teuer der Wein gewesen sein mochte."
Martin gestand sich ein, dass er in einer Sackgasse angelangt war. Er reflektierte nochmals das Bild von vorhin, als sie sich erstmals unterhalten hatten, als ... da fiel ihm etwas ein.
Er wandte sich zu Tanner um. „Herr Direktor, einen Durchlauf machen wir noch, aber zuerst holen Sie mir ..."

Frage: Nach wem wird Martin schicken? Wodurch hat sich diese Person verraten?

 

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Der Autor:

Christian Klinger, Jahrgang 1966, ist Jurist im öffentlichen Dienst, spielt E-Bass in mehreren Bands und schreibt seit 2001 Kurzgeschichten und Romane („Die Spur im Morgenrot“, „Tote Augen lügen nicht" und 2010 „Codewort-Odysseus“).

www.krimiautoren.at