Es war kurz vor Ausbruch eines neuerlichen Krieges in Europa und der Schließung der russischen Archive, als ich im Jänner 2022 zum ersten Mal das Leben meines Großonkels mit Anfang und Ende vor mir hatte. Über einen Verschwundenen und die verlorene Sozialdemokratie in Österreich.
Ich komme aus einer Familie, die in den totalitären Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts Schweigen und Vergessen lernte. Symptomatisch dafür ist die Geschichte meines Großonkels. Er wuchs in Traisen auf, einer Ortschaft am Rand der Voralpen, die aufgrund ihrer frühen Industrialisierung und fatal fehlgeschlagener Streiks zu einem der Geheimherzen der Sozialdemokratie dieses Landes gehört. Und mein Großonkel zählte bald zu den Desillusionierten. Er hatte miterlebt, wie die Wiener Parteizentrale im Jänner 1918 gegen die Masse der Verzweifelten und Erschöpften in den Waffen- und Munitionswerken auf dem Land auftrat, die eigenen Genossinnen und Genossen austrickste und durch ihre Kooperation mit der k.u.k. Monarchie nicht nur den Weltkrieg um fast ein ganzes Jahr verlängerte, sondern das ganze Land um jene republikanische Revolution betrog, deren Fehlen zu den frühen Türöffnern demokratiepolitischer Albträume hierzulande gezählt werden muss.
Warum erzähle ich diese Geschichte heute? Ich erzähle sie, weil die Sozialdemokratie, deren Fieberkurve stets auch jene von Demokratie, Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit in unserem Land bedeutete, im Grunde seit den 1990er-Jahren auf ihr eigenes Verschwinden zusteuert: Maastricht-Kriterien, Blair-Schröder-Kurs, Selbstbereicherung an den eigenen Streikkassen, Eitelkeits- und Wehleidigkeitsgladiatoren à la Gusenbauer und Kern sowie mit Pamela Rendi-Wagner eine erste weibliche Parteivorsitzende, angesichts deren Politikverständnisses sich Johanna Dohnal vermutlich längst ein Karussell ins Grab bestellt hat.