Anschlag

Der Terror kehrt nach Tunesien zurück

APA/AFP
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Der Angriff eines Sicherheitsmanns auf die Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba weckt Erinnerung an al-Qaida-Attentat 2002.

René Trabelsi hat das Unheil kommen sehen. Der Attentäter – selbst ein Sicherheitsmann – sei mit einem Quad, einem vierrädrigen Motor-Bike, und geschützt durch einen Körperpanzer herangeprescht und habe vor der Synagoge wahllos das Feuer eröffnet. Er sei bei dem Schusswechsel umgekommen.

Das berichtete der tunesische Ex-Tourismusminister und Organisator der Pilgerfahrt zum jüdischen Fest Lag Ba'omer auf der Insel Djerba als Augenzeuge des Attentats in der Nacht auf Mittwoch. Neben dem Angreifer hat es noch mindestens fünf Tote gefordert – zwei Cousins, die sich hinter einem Bus verschanzt hatten, und drei Sicherheitsleute.
„Die Menschen waren glücklich, und sie haben getanzt, bis sie die Schüsse hörten. Alle rannten davon, einige haben in meinem Büro Zuflucht gesucht“, gab Perez Trabelsi, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde auf Djerba und Vater von René, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters zu Protokoll.

Verschärfte Maßnahmen

Mit einem Schlag war das Trauma eines Anschlags im April 2002 auf die Insel vor der tunesischen Küste zurückgekehrt, als ein halbes Jahr nach dem 9/11-Terror al-Qaida in Nordafrika zuschlug. Ein Selbstmordattentäter lenkte einen Tanklaster vor den Eingang der Ghriba-Synagoge, 21 Touristen kamen im Flammeninferno ums Leben – darunter Franzosen, Israelis und 14 Deutsche.

Seither hat Tunesien auf der Ferieninsel die Sicherheitsmaßnahmen durch Militärhubschrauber und Militärfahrzeuge verschärft. Sicherheitskräfte eskortieren die Prozession zum Lag-Ba'omer-Fest in Afrikas ältester Synagoge, die der Legende nach in die Antike zurückgeht, angeblich aufgebaut auf einem Stein und einer geretteten Tür des zerstörten Tempels in Jerusalem.

Zu dem Freudenfest, rund einen Monat nach Pessach, legen jüdische Pilger aus aller Welt, insbesondere aus Israel und Frankreich, ihre auf die Schale eines rohen Eis geschriebenen Wünsche in einer Grotte nieder und konsumieren dazu Feigenschnaps. Die Wallfahrt zieht jährlich Tausende jüdische Pilger an.

Jüdische Tradition

Anlässlich des Fests lässt Tunesien, das keine Beziehungen mit Israel unterhält, auch israelische Touristen ins Land. In dem Maghreb-Staat haben noch 1948 – zur Staatsgründung Israels – rund 100.000 Juden gelebt. Der überwiegende Teil der Minderheit ist danach nach Frankreich oder Israel ausgewandert, rund 1500 sind in Tunesien geblieben – der Großteil auf der Insel Djerba, wo Vater und Sohn Trabelsi die jüdische Tradition hochhalten. Bis 2020 war René Trabelsi der einzige jüdische Minister in der arabischen Welt.

Tunesien hat sich nach dem al-Qaida-Attentat 2002 und nach den verheerenden Doppelanschlägen auf ein Museum in Tunis und einen Strand bei Sousse mit insgesamt fast 60 Toten innerhalb von drei Monaten im Jahr 2015 große Anstrengungen unternommen, den Tourismus wiederzubeleben – eine Haupteinnahmequelle angesichts der akuten Wirtschaftskrise. Diese Aktivitäten haben jetzt allerdings einen Rückschlag erlitten, zumal die autokratischen Allüren des Präsidenten Kais Saied, die Repression durch die Regierung und die Migration nach Europa zunehmend für Negativschlagzeilen aus Tunesien sorgen.

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