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Japan: "Pflanzenfresser" ohne Lust auf Sex

(c) Bilderbox.com (Bilderbox.com)
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Immer mehr junge Männer verweigern sich Frauen, Essen, Mode und Karriere. Mehr als ein Drittel der 16- bis 19-Jährigen japanischen Männer hat laut besorgniserregenden Umfragen nicht einmal mehr Lust auf Lust.

Es ist schon länger auffällig in Japans Städten: Mädchen und Burschen, Männer und Frauen gehen getrennte Wege, demonstrieren fast schon komplette Gleichgültigkeit am jeweils anderen Geschlecht. Und jetzt zeigt auch eine Statistik diesen offenkundigen Trend: Die Japaner haben immer weniger Lust am Sex.

In Sachen Liebe sind die Söhne und Töchter Nippons tatsächlich fast ein Totalausfall. Eine im Jänner veröffentlichte Studie des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt belegt, dass das Land generationenübergreifend paarungsunlustig ist. Selbst Eheleute verzichten immer häufiger auf die Ausübung des Geschlechtsaktes. So hatten 41 Prozent der befragten Verheirateten im vergangenen Monat keine sexuellen Kontakte. 2004 waren es noch knapp 32 Prozent. Bei Paaren im Alter über 40 Jahren liegt der Anteil bei schon fast 50 Prozent.

 

No romance!

Erstaunlich und besorgniserregend ist jedoch vor allem die Unlust der jungen japanischen Männer zu intimen Romanzen mit der Weiblichkeit. Mehr als 36 Prozent der männlichen Interviewpartner im Alter zwischen 16 und 19 Jahren gaben an, nicht an Sex interessiert zu sein oder ihn sogar prinzipiell abzulehnen. 2008 sagten das noch 17,5 Prozent. Der Trend setzt sich bei den Burschen in der Altersgruppe zwischen 20 und 24 Jahren fort. Auch hier verdoppelte sich die Zahl der Frauenabstinenzler innerhalb eines Jahres. Und besser sieht es bei den Herren der Schöpfung im mittleren Alter auch nicht aus.

Bei den sexunwilligen Frauen sind die Steigerungsraten der Unlust nicht ganz so dramatisch, aber die wachsende Ignoranz gegenüber Männern durchzieht auch hier alle Altersgruppen.

Als besonders alarmierend gilt auch das seltsame Verhalten der jungen Männer bereits im Vorfeld der lustvollen Handgreiflichkeiten: Laut Umfragen verspüren 24 Prozent der Japaner Anfang zwanzig schon gar keinen Hang zu Verabredungen mit Mädchen oder Frauen. 49 Prozent gaben zu Protokoll, noch nie eine Freundin gehabt zu haben.

 

Kommunikation geht gar nicht

Kunio Kimura, der die Studien seit Jahren betreut, macht auch die unsichere Wirtschaftslage für die mangelnden Sozial- und Sexkontakte seiner jungen Landsleute mitverantwortlich. In erster Linie registriert der Mediziner aber eine Scheu vor Kontakten und Bindungen besonders bei den heranwachsenden Männern. „Die junge Generation hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten, sich von Angesicht zu Angesicht zu verständigen“, vermutet Kimura, der eine Klinik für Familienplanung leitet. „Es herrscht praktisch ein katastrophaler Mangel an Kommunikation zwischen Männern und Frauen.“

Diese allgemeine Lustlosigkeit hat schon heute einen hohen Preis: Mit einer jährlichen Geburtenrate von 1,37 Prozent zählt das fernöstliche Inselreich zu den Industriestaaten mit den wenigsten Neugeborenen. Seit nun schon 30 Jahren sinkt im fernöstlichen Industriereich die Zahl der Kinder. Nur noch knapp 17 Millionen Japaner sind unter 15 Jahre alt – das entspricht gerade einmal 13 Prozent der 127-Millionen-Bevölkerung. Selbst in Deutschland, das lange als nachwuchsverweigernd galt, liegt diese Zahl leicht höher.

Kein Vergleich ist alles zu den Baby-Boom-Zeiten der Nachkriegsjahre, als etwa 1950 noch jeder dritte Japaner im Kindesalter war. Heute ist ein Viertel schon älter als 65 Jahre, und diese Gruppe kann die Geburtenrate auch nicht mehr steigern. Die Folge davon: Japan erlebt einen drastischen Rückgang der Bevölkerung. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten es sagenhafte 40 Millionen weniger Insulaner sein als heute.

 

Die Vermehrung des Ausfalls

Das sexuelle Desinteresse ist nur ein auffälliges Signal für einen Trend, den Japans Öffentlichkeit mit großer Sorge beobachtet. Experte Kimura warnt vor der schnellen „Vermehrung“ einer Gattung Mann, die eigentlich generell als Ausfall zu betrachten ist. Dieser neue Typ hat bereits einen eigenen Namen: Die sogenannten „soshokukei danshi“, die „pflanzenfressenden Männer“, gelten allgemein als Bremse der gesellschaftlichen Entwicklung.

Auf diesen etwas seltsamen Namen hat sie eine Frau getauft, Maki Fukasawa, die Chronistin der japanischen Popkultur. Im Auftrag eines Marketingjournals fand sie heraus: „In Japan wird Sex als fleischliche Beziehung übersetzt. Und da sich diese Männer so gar nicht dafür interessieren, habe ich sie ,Pflanzenfresser‘ getauft, was aber nichts mit klassischen Vegetariern zu tun hat.“

 

Japans neue Weicheier

Diese „Pflanzenfresser“ verweigerten sich laut Fukosawa nicht nur der Weiblichkeit. Sie seien generell gleichgültig, kauften keine modische Kleidung, gingen nicht in Restaurants oder auf Reisen, tränken keinen Alkohol und – was am schwersten wiegt – kümmerten sich nicht um ihre Karriere. Diese „neuen Männer“ gelten als weich, unauffällig und arbeitsscheu.

Damit fällt im einstigen Wunderland des wirtschaftlichen Fortschritts ein starker Motor aus. Vielen jungen Männern ist, anders als früheren Generationen, eigentlich alles egal. Die Väter der „Pflanzenfresser“ schufteten lang und hart, betrachteten die Firma als Familie und die Familie wie eine Firma. Nach der Arbeit ging es zum Saufen und Rauchen – und manchmal auch der Sekretärin an die Wäsche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2011)