"Adele" : Sprudeln der Musen

Eine erstaunlich reife Liedersammlung präsentiert die Londoner Popsängerin "Adele" auf ihrem neuen Album "21". Dass sie ein bisschen spinnt, ist dabei wahrscheinlich ganz hilfreich gewesen.

Es gab in der Kunstgeschichte schon poetischere Umschreibungen für jenen Moment, in dem dem Künstler die holden Musen erscheinen. Die 21-jährige Londonerin Adele Adkins, die lieber nur unter ihrem Vornamen Adele firmiert, drückt es gröber aus: „Zuerst passierte lange nichts, dann fühlte ich mich wie ein Brausegetränk. Ich sprudelte.“ Sie ließ es ausgiebig prickeln und wasserte gemeinsam mit den Starproduzenten Rick Rubin und Paul Epworth nach. Das nun vorliegende Ergebnis, eine teilweise von der zuckerigen Melodik des Country beeinflusste Liedersammlung, „21“, klingt erstaunlich reif.

Geschickt pendelt Adele zwischen der beseelten Rauheit einer Etta James und einer Wanda Jackson und ihren eigenen Sensibilitäten. Etwa in der mit viel Altersweisheit in der Stimme intonierten Coverversion des Cure-Juwels „Love Song“: „Whenever I’m alone with you, you make me feel like I am whole again, whenever I’m alone with you, you make me feel like I am young again.“ Und dann ein wichtiger Nachsatz: „However far away I will always love you.“ Die junge Dame ahnt, dass Distanz einer Liebe helfen kann, dass jede ersehnte Symbiose in Wirklichkeit Illusion bleibt. Zu lieben heißt, Polarität zu akzeptieren. Möglichst freudig.

Allein vor dem Spiegel.
Polaritäten findet Adele aber auch in sich selbst. Nicht umsonst ist sie gern auch allein. Um so unbedingter, wenn es um kreative Prozesse geht. Wenn sie komponiert, schließt sie sich weg, weil sie nicht will, dass jemand Zeuge wird, wie sie laut, zuweilen vor dem Spiegel, mit sich redet. Geht sie dann auf Tournee, reist sie vorzugsweise allein, weil sie Angst vor Bakterien hat. Vor allem vor jenen, die auf Männern siedeln. Neben einem Brit-Award und zwei Grammys hat Adele offensichtlich auch einen kleinen Dachschaden. Denkt man an geniale, aber äußerst spleenige Kollegen wie Van Morrison und John Martyn, dann ist von Adele noch einiges zu erwarten. Unterzieht man das neue Songmaterial einer genaueren Analyse, dann entdeckt man zwar auch ein paar durchschnittliche Lieder wie das indifferente „Don’t You Remember“, aber in Mehrzahl prächtig pulsierende Exemplare wie die mächtig anschiebende Single „Rolling In The Deep.“ Das Lied entstand einen Tag nach der Trennung von ihrem Freund.

Adele: „Am Ende ging es nur noch um uns. Diese Art von Isoliertheit macht mich entschieden mehr krank, als allein und offen für die Welt zu sein. Ich habe mich an all die guten und schlechten Sachen unserer Liebe erinnert und dieses Album geschrieben.“ Das könnte ein gutes Omen für die zu erwartende Erfolgskurve von „21“ sein, hat schließlich auch Amy Winehouse aus der Asche einer ruinösen Beziehung ihr Erfolgsalbum „Back To Black“ kreiert.

Keine Angst vor Ideen. Zentrales Erlebnis der Aufnahmen war Adeles Auszug ins gelobte Amerika. Im kalifornischen Malibu nahm sie mit dem Veteranen Rick Rubin auf. Adele gerät darob immer noch in den Modus des Schwärmens: „Es war atemberaubend, mit Mister Rubin zu arbeiten. Ich habe erwartet, dass da total viel passiert, aber es war wohl so entspannt wie nie. Es war recht altmodisch. Man jammt, bis man einen Vibe bekommt. Dann nimmt man auf und hofft das Beste. Keine Samples, keine Anleihen an die Top 20. Das war der beste Monat meines Lebens. Es war so eine große Ehre, in diesen Kreis eingeführt zu werden.“ Die beteiligten Musiker kommen aus unterschiedlichsten Ecken. Gitarrist Matt Sweeney spielte mit Johnny Cash und Bonnie Prince Billy, Bassist Pino Palladino mit Paul Young und John Mayer und Pianist James Poyser ist Zentrum der Neo-Soul-Bewegung in Philadelphia. Was war die wichtigste Lektion, die Adele in Malibu gelernt hat? „Dass man sich immer auf sein Gefühl verlassen muss und dass man vor seinen eigenen Ideen keine Angst haben darf.“

Bezüglich ihrer visuellen Präsentation hat Adele eigene Vorstellungen. Nur ungern blickt sie direkt in Kameralinsen, lieber hält sie die schönen Augen geschlossen. „Meistens verwenden wir dann Outtakes aus den Photosessions fürs Albumcover. Das Shooting fürs aktuelle Album machte ich gemeinsam mit meiner Freundin, der Fotografin Lauren Dukoff, in Malibu. Ich wollte das Cover an das allerletzte Foto von Marilyn Monroe anlehnen, das von Bert Stern gemacht wurde. Ich habe es in dem gerade erschienenen Buch ,The Last Sitting‘ gesehen. Marilyn sieht darauf sehr verletzlich aus, das hab ich sehr gemocht. Unsere Session war nicht leicht. Oft hab ich zu sehr nach Marilyn ausgesehen, war zu aufgeputzt. Am Ende hab ich ein Bild ausgesucht, auf dem ich aussehe, wie ich wirklich bin. Das war mir wichtig.“

21 von Adele (XL Beggars Group), www.adele.tv

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.