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Rosy Bindi: „Bin Opfer der Vulgarität Berlusconis“

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(c) REUTERS (TONY GENTILE)
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Rosy Bindi, Vizepräsidentin des italienischen Parlaments, klagt über das entwürdigende Frauenbild im heutigen Italien. An dem sei nicht zuletzt der Premier schuld.

Wien. Kaum ein Tag ohne neue Enthüllungen in den Sex-Skandalen rund um Italiens Premier Silvio Berlusconi. Am Donnerstag wurde bekannt, dass zumindest eine weitere minderjährige Prostituierte bei Partys in einer Villa des Premiers war – und dort auch übernachtete. Dies berichten italienische Medien unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Ins Rollen hatte die Affäre die junge Marokkanerin „Ruby“ gebracht, die mit 17 Jahren gegen Geld an „Bunga-Bunga“-Sex-Partys teilnahm.

 

Die Presse: Wie fühlt man sich als Italienerin angesichts dieser Bunga-Bunga-Dauerskandale Berlusconis?

Rosy Bindi:Ich bin schockiert, traurig, entsetzt. Ich schäme mich. Und meine Gemütslage entspricht der vieler Italiener.

Es macht den Eindruck, dass man im heutigen Italien als halbnacktes TV-Showgirl die besten Chancen auf eine Polit-Karriere hat.

Es macht mich wütend, wie sehr Frauen auf ihren Körper, auf ihre Schönheit reduziert werden. Es ist demütigend. Und es ist unfair gegenüber der großen Mehrheit der Italienerinnen. Da wird ein völlig falsches Bild vermittelt, auch im Ausland: Es gibt so viele ehrgeizige, erfolgreiche, top-ausgebildete Italienerinnen, die diesem Image gar nicht entsprechen.

Im Chancengleichheits-Ranking des World Economic Forum nimmt Italien nur Platz 74 ein, hinter Vietnam oder Kolumbien. Sind „Showgirls“ heute das weibliche Role Model?

Natürlich werden junge Frauen davon beeinflusst. Für unsere Generation, die für Frauenrechte kämpfte, ist dies besonders schmerzhaft. Ich bin aber auch besorgt über die falschen Vorbilder, die durch den Lebensstil des Premiers jungen Italienern vermittelt werden.

 

Sie selber wurden zum „Opfer“ verbaler Diskriminierungen (siehe Kasten).

Ich wurde zum Opfer der großen Vulgarität des Premiers. Aber das hat mich nur in meiner Überzeugung bestärkt, dass zwischen meiner und seiner Art, zu denken und Politik zu machen, Welten liegen.

Berlusconi ist isoliert, auch die Kirche und der Industriellenverband fordern nun indirekt seinen Rücktritt. Wie lange wird er noch ausharren?

Manchmal dauert der Untergang eines Imperiums länger. Aber wir haben die letzte Phase erreicht, Berlusconi ist am Ende. Er hat jede Grenze des Anstands, der Menschenwürde überschritten. Bald wird er trotz aller Präpotenz aufgeben. Es dauert nicht mehr lange.

Folgen dann Neuwahlen? Würde ein zäher Wahlkampf den politischen Stillstand nicht verlängern – kann sich das Italien mitten in der Krise leisten?

Deshalb fordern wir vom Mitte-Links-Block auch eine Regierung der nationalen Einheit mit allen „gesunden“ politischen Kräften.

Sie meinen eine Kooperation mit dem „dritten Pol“ von Gianfranco Fini? Der scheint das nicht wirklich zu wollen.

Derzeit sind die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit nicht gut. Ich hoffe aber, dass das anders wird. Der dritte Pol muss erkennen, dass er einen Dialog mit uns führen muss, wenn er Berlusconi verjagen will. Zugleich ist es wichtig, in einer so schwierigen und komplexen Phase für unser Land eine Regierung mit breiter Mehrheit zu haben. Ist dies keine Alternative, wird es Neuwahlen geben müssen – keine ideale Lösung, aber wir können nicht weiter in der Geiselhaft Berlusconis und seiner Feste bleiben.

 

Aber laut Umfragen ist Berlusconis „Volk der Freiheit“ immer noch stärkste Partei. Die Werte des Mitte-Links-Blocks hingegen sind katastrophal.

Es dauert etwas, bis sich der Effekt der Skandale auf die Wähler – und die Umfragen – niederschlägt. Aber ich bin überzeugt, dass Berlusconi diesmal keine Wahl gewinnt.

 

Das Ausland wundert sich zunehmend. Ist die „italienische Anomalie“ wirklich nur die Person Berlusconi?

Ich glaube schon. Natürlich hat seine lange Präsenz in der Geschichte Italiens – nicht nur als Mann der Regierung, sondern auch als Mann des Fernsehens – Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Aber die große Mehrheit der Italiener identifiziert sich nicht mit dem „Berlusconismo“.

Zur Person

Maria Rosaria Bindi, genannt Rosy Bindi, ist seit 2008 Vizepräsidentin von Italiens Abgeordnetenkammer. Die katholische Politikerin war Initiatorin der Demokratischen Partei von Ex-Premier Romano Prodi. 2006 bis 2008 war sie Familienministerin. Silvio Berlusconi beleidigte sie in einer TV-Sendung: Als Bindi den Premier kritisierte, konterte er: „Wie ich sehe, sind Sie noch immer schöner als intelligent.“ [Reuters]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28. Jänner 2011)