Manche sagen der Königsdisziplin der Mode nach, sie sei nicht mehr zeitgemäß. Über Pariser Laufstege schickten Designer schlagende Gegenbeweise.
Armani Privé
Wie alle kreativen Menschen, die von Berufs wegen stets auf Tuchfühlung mit dem Weltgeschehen bleiben sollten, lassen sich auch Designer häufig von Kinoproduktionen inspirieren. Giorgio Armani hat sich vielleicht während der Vorbereitung seiner Sommer-Couture-Kollektion ein Quäntchen „Tron Legacy“ gegönnt. Wie sonst ließe sich sein Rückgriff auf futuristische Formen (manch ein Modekenner sieht sich unweigerlich an Pierre Cardin erinnert) erklären, die jeder Mondbasis-Crew gut zu Gesicht stünden. Weiteres Indiz: In der Frontrow saß neben Hollywood-Veteranin Jodie Foster Tron-Star Olivia Wilde.
Chanel
Wenn einer weiß, wie man von sich reden macht, dann Designer-Superstar „Kaiser“ Karl Lagerfeld. Kurz vor Start der Couture-Tage entfachte er erneut Spekulationen über einen möglichen Pensionsantritt, indem er die Vorzüge des Kolumbianers Haider Ackermann als möglichen Nachfolger pries. Von erlöschender Schaffensfreude war freilich in der umfangreichen, exzellenten Couture-Kollektion von Chanel nichts zu sehen. Frühlingshaft in Pastell, Mädchenhaftes ohne übertriebene Opulenz, viel Daywear – und sogar Jeans (ein Gräuel für Coco Chanel) auf dem Laufsteg. Couture mit Weitblick.
On aura tout vu
Während Couture-Granden ihr Faible für schlichte Silhouetten kultivieren, höchste Handwerkskunst freilich inklusive, setzen die jungen bulgarischen Designer Livia Stoianova und Yassen Samouilov mit ihrem in Paris ansässigen Label ganz „Black Swan“-konform auf Federn, Pelz und Kristall: Couture, die allen Untragbarkeitsklischees entspricht. Bemerkenswert ist jedoch, dass hier ein junges Maison sein Glück in der Haute Couture sucht (und Kunden wie Lady Gaga findet). Eine Strategie, die Zukunft haben könnte, und so ließe sich in Abwandlung des Label-Namens sagen: „On n'a pas encore tout vu . . .“
Givenchy
Eine Kollektion, die bloß zehn Outfits umfasst, wäre einstmals gar nicht als Haute Couture durchgegangen. Die Zeiten haben sich aber geändert, auch bei der traditionsbewussten Fédération française de la Haute Couture. Schließlich ist man über jeden Player froh, besonders einen so illustren wie das Haus Givenchy. Ohnehin ist, wenn Designer Riccardo Tisci Schneiderinnen bis zu 6000 Stunden an einer vom Japonismus inspirierten Robe werken lässt, die kleinste Kollektion zugleich die kostbare.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2011)