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Erwanderten unsere Ahnen die Erde früh und durch Arabien?

Ein Fund beim Persischen Golf könnte zum Umschreiben der frühen Menschheitsgeschichte zwingen, ist aber umstritten.

H.sapiens entstand vor etwa 150.000 Jahren in Ostafrika, darüber sind die Anthropologen einig. Aber wann und wie er die Erde erwanderte, ist unklar. Vor 130.000 bis 100.000 Jahren war er in der Levante, zog sich dann wieder zurück, kam vor 70.000 Jahren neuerlich. Von dort ging es rasch nach Osten, vor 50.000 Jahren war er in Australien. Nach Europa dauerte es länger, dort tauchte er vor 35.000 Jahren auf. So sieht es die Forschermehrheit: Der Weg führte von Ostafrika nach Norden, den Nil entlang oder durch die Sahara, die nicht immer Wüste war, sondern temporär wasserreiche Savanne.

Eine Minderheit setzt hingegen auf die „südliche Route“, sie könnte an der engsten Stelle (Bab al Mandab) durch das Rote Meer und dann quer durch die arabische Halbinsel geführt haben. Heute ginge das nicht, auch die engste Stelle ist zu breit – 20 Kilometer –, und die arabische Halbinsel ist trocken. Ging es früher? Vor 125.000 Jahren siedelten Menschen in den heutigen Vereinigten Arabischen Emiraten, 70 Kilometer vom Persischen Golf. Sie hinterließen Steinwerkzeug einer eher primitiven Technik, wie es sich auch in Ostafrika fand. So sehen es die Ausgräber um Hans-Peter Uerpmann (Tübingen) und schließen, dass H.sapiens viel früher als bisher vermutet aus Afrika kam und von Arabien rasch nach Südostasien weiterzog (Science, 331, S.453).


Alles hängt am Steinwerkzeug

Allerdings war der Weg nicht leicht: Als das Rote Meer wegen der Eiszeit sehr flach war, war Arabien staubtrocken. Und als es dort feucht war, stand das Meer hoch. Ein kleines Klima-Fenster – flaches Meer, feuchtes Land – sehen die Forscher doch: Vor 130.000 Jahren. Aber das ist nur das eine Problem: Zentral für die Hypothese ist die Verwandtschaft der nun gefundenen Steinwerkzeuge mit ostafrikanischen. Die ist umstritten, Archäologe Paul Mellars (Cambridge) kann davon „keinen Schimmer“ sehen. Zugänglicher ist sein Oxforder Kollege Michael Petraglia: „Spektakulär“ sei der Fund, er breche das „Rückgrat“ der Mehrheitsmeinung (Nordroute, vor 70.000Jahren). Gegen diese ist Petraglia selbst angetreten, er vermutet, dass H.sapiens schon vor über 74.000 Jahren in Südostasien war. (Science, 331, S.387)

Aber wenn die Vertreter der Nordroute doch recht haben, von wem stammen dann die Werkzeuge? H.sapiens war nicht der erste Auswanderer aus Afrika, lange vor ihm, vor 1,8Millionen Jahren, war H.erectus losgezogen. Seine Erben könnten am Persischen Golf gewesen sein. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2011)