Die Berliner Philharmoniker gastierten mit Anne-Sophie Mutter im Goldenen Saal und hatten nebst Schumann und Fauré auch Dvořáks Violinkonzert im Gepäck: Jubel um musikalische Näherungswerte.
Simon Rattle! Einige Damen jauchzen bereits, wenn er nur am Pult erscheint. Angesichts seines Orchesters gestikuliert der Maestro dann und verdeutlicht mittels raffinierter Choreografie, wie viel Emotion in Werken wie Schumanns Zweiter Symphonie oder sogar in Gabriel Faurés blässlicher Suite zu Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ steckt. Schöne, weite Erlebniswelt Musik, voll der Freuden und Leidenschaften. Im Medienzeitalter ist solch optische Animation wohl unerlässlich, will man mit „Klassik“ Breitenwirkung erzielen.
Wer freilich die Augen schließt, staunt über die erhebliche Diskrepanz zwischen der mittels Gebärdensprache signalisierten emotionellen Reichhaltigkeit und der akustischen Realität. Vor allem die klangliche Abstimmung zwischen den einzelnen Orchesterregistern lässt, vom allseits spürbar energetischen Zugriff abgesehen, allerhand zu wünschen übrig. In Wahrheit exekutiert Rattle im Hinblick auf die Dynamik ein recht eindimensionales Auf und Ab zwischen Einheitsforte und radikal zurückgenommenen, geflüsterten Pianissimo-Passagen.
Letztere sind jedoch kaum je als Beitrag zur Strukturierung formaler Prozesse zu dechiffrieren, sondern bleiben – im Sinne der effektvollen „Musikdarstellung“ – Selbstzweck. Irritierend etwa im Mittelsatz von Dvořáks Violinkonzert, in dem das erste Erscheinen des später hymnisch gesteigerten Gegenthemas unter den von Anne-Sophie Mutter akribisch gedrechselten Zweiunddreißigstel-Girlanden und Trillern, die sich eigentlich als Verzierung um die Melodie ranken sollten, völlig verschwindet.
Das Miteinander nahmen Mutter und das Orchester nicht so genau, zumal Rattle angesichts der Dvořák-Partitur plötzlich seine mimischen Künste zugunsten unauffälligen Taktierens zurücksteckte. Was meist, aber nicht immer, zu solider Koordination führte, aber nie dazu, die sprichwörtlich reichen Melodien Dvořáks in ihrer Fülle zum Strömen zu bringen. Solches verhinderte ein eklatanter Mangel an Phrasierungsgeschick – auch bei Anne-Sophie Mutter, die sich, so schien es, nicht zwischen messerscharf platzierten Tönen und einem geschmacklich etwas zweifelhaften Hang zum Verschleifen und Retardieren entscheiden konnte. Ein wenig gewann man den Eindruck, diese Musik sei beiden, der Geigerin wie dem Dirigenten, ein spanisches, pardon: böhmisches Dorf.
Schumann als Perpetuum mobile
Schumanns C-Dur-Symphonie ging es nach der Pause nicht viel besser. Mit welcher Tiefe hat dieses Orchester just diese Symphonie vor ein paar Jahren unter Thielemann in Salzburg musiziert! Diesmal: Oberflächen-Politur statt überlegter formaler Organisation im Großen wie en détail. Das Finale, ein Perpetuum mobile, frei von jeglicher gliedernden, beredten Artikulation.
Es ist immerhin eine Kunst, ein solches Orchester dermaßen undifferenziert zum Klingen zu bringen. Applaus wie nach einer interpretatorischen Höchstleistung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2011)